Stiftung Lesen: Verschenkaktion sorgt für Stunk

Die Stiftung Lesen will zum Weltkindertag zusammen mit Amazon, Hugendubel und Thalia eine Million Märchenbücher verschenken. Die kleinen Buchhandlungen bleiben außen vor.

Foto: Pixabay

Es ist eine Zusammenarbeit, die die deutsche Buchbranche derzeit in Aufruhr versetzt: Die Stiftung Lesen, die sich für die Leseförderung einsetzt, bringt zusammen mit Amazon einen Sammelband mit elf Grimm-Märchen und fünf neu geschriebenen Märchen zeitgenössischer Autor*innen heraus. Pünktlich zum Weltkindertag am 20. September sollen eine Million Exemplare von Hugendubel, Thalia und Amazon verschenkt werden. Wer das Ganze produziert? „Tinte und Feder“ – der 2017 von Amazon Publishing gegründete Imprint-Verlag für deutschsprachige Gegenwartsliteratur und historische Romane. Amazon, das im Internetbuchhandel oben in der Nahrungskette steht, ist erst seit Jahresbeginn Mitglied im Stifterrat der Stiftung Lesen und hat die Projektidee angeblich selbst vorgeschlagen.

Alexander Skipis, Hauptgeschäftsführer des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels, übt im Gespräch mit dem Deutschlandfunk scharfe Kritik am Vorgehen der Stiftung. Der Börsenverein, der die Interessen des deutschen Buchhandels vertritt, ist selbst Mitglied im Stifterrat, soll von dem Projekt aber nichts gewusst haben. „Das Entscheidende ist, dass die Strategie von Amazon die ist, als einziger Intermediär zwischen Leser und Autor aufzutreten“, erklärt er seine Position im Interview. „Sie möchten gerne die Verlage und natürlich auch die Buchhandlungen vom Markt verschwinden sehen. Und deshalb ist es natürlich sehr bedauerlich, dass die „Stiftung Lesen“, deren Gründungsmitglied übrigens der Börsenverein war, sich praktisch zum Steigbügelhalter einer solchen Strategie macht.“ Die kleinen und mittleren Buchläden bleiben bei der Aktion außen vor.

Ian De Toffoli, Präsident der „Lëtzebuerger Bicherediteueren“ und Verlagsmitbegründer von „Hydre Éditions“, sieht die Aktion ähnlich problematisch: „Ich bin für die Vielfalt in der Buchwelt, für die Diversität der Verlagshäuser und für das Bestehen von Viertel-Buchläden – also für alles, wogegen Bezos zu kämpfen scheint.“ Leseförderung sei immer wichtig, doch klingt die gemeinsame Aktion für ihn vielmehr nach Marketing. „Sollten bei der Aktion auch noch Kundendaten abgegriffen werden“, bezieht er sich auf eine Vermutung von Skipis, „finde ich auch, dass man sich dagegen – und gegen Amazon im Allgemeinen – wehren muss.“

Zur Wehr setzt sich auch Jörg Maas, der Hauptgeschäftsführer der Stiftung: Er behauptet unter anderem, es gehe bei der Aktion keinesfalls um die Werbung von Neukundschaft für den Internetbuchhandel. Das wichtigste Ziel der Aktion sei es, Familien für das Lesen zu begeistern. Es brauche dafür die Zusammenarbeit mit den unterschiedlichsten Akteueren und Amazon sei nun mal einer davon. Die Stiftung arbeitete übrigens auch schon einmal mit McDonalds zusammen und verschenkte Bücher zum Happy Meal. Maas stichelt gegen den Börsenverein, der sich selbst dafür stark gemacht hätte „neue Leser auch durch außergewöhnliche Aktionen zu gewinnen.“

Außergewöhnlich ist an der Aktion nüchtern betrachtet wenig. Es leuchtet ein, dass einer der weltweit größten Internethändler die Produktion der Gratis-Bücher übernimmt – denn welcher kleine oder mittlere Verlag könnte es sich leisten, eine Million Kinderbücher zu produzieren und die obendrein gratis zu verteilen? Und auch die Tatsache, dass erstmal die großen Buchandelsketten mitmischen, ist alles andere als ungewöhnlich. Der Börsenverein des Deutschen Buchhandels jedenfalls will seine Mitgliedschaft im Stifterrat der Stiftung Lesen nach den rezenten Ereignissen und vorangehenden Konflikten nochmal überdenken.


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