Teststrategie: Large Scale Ungewissheit

Es gibt keine verdachtsunabhängigen kostenlosen PCR-Tests mehr in Luxemburg. Das ist ein Fehler, der nicht nur Ungeimpfte betrifft.

Photo Credit: Dean Calma/IAEA

„Know your status!“, also „Kenne deinen Status!“ ist einer der wichtigsten Slogans, wenn es um die Prävention von HIV und anderen sexuell übertragbaren Infektionen geht. Die Botschaft ist einfach und einleuchtend: Nur wenn ich selbst weiß, ob ich eine Infektion habe, kann ich mich und andere vor gesundheitlichen Schäden schützen. Deswegen gibt es Angebote für beispielsweise kostenlose HIV-Tests. Für Covid-19 gilt dieses Prinzip in Luxemburg nun nicht mehr. Seit vergangenem Mittwoch ist das Large Scale Testing (LST) Geschichte. Damit ist es nicht mehr möglich, ohne Symptome einen kostenlosen PCR-Test zu machen.

Das LST hatte sicherlich Schwachstellen: Es war teuer für den Staat, für viele Menschen schlecht erreichbar und relativ kompliziert. Warum nur ein einziges Labor daran beteiligt war, damit muss sich demnächst die EU-Kommission beschäftigen, nachdem das medizinische Analyselabor Bionext beim Luxemburgischen Bezirksgericht Beschwerde gegen das Gesundheitsministerium eingereicht hat. Zuletzt hat das LST seinem ursprünglichen Zweck, ein weites Test-Netz über die Bevölkerung zu spannen, auch nicht mehr so ganz entsprochen, weil keine Einladungen mehr verschickt, sondern nur noch freiwillige Termine angenommen wurden.

Das LST wird nun begraben mit dem Argument, die Ungeimpften könnten den Geimpften nicht länger auf der Tasche liegen und müssten sich entscheiden: Entweder impfen lassen, oder für Tests zahlen. Das ist kein sehr gutes Argument, und vermutlich auch nicht sonderlich ehrlich. In Wahrheit wird das LST auf Dauer zu teuer.

Für viele Aktivitäten, für die ein 3G-Nachweis erforderlich ist, gibt es weiterhin eine kostenlose Möglichkeit für einen Antigen-Schnelltest. Luxemburg-Stadt hat beispielsweise angekündigt, diese weiterhin in Zusammenarbeit mit 15 Apotheken kostenlos für alle zur Verfügung zu stellen. Zur Kasse gebeten werden willentlich Ungeimpfte also nicht unbedingt. Und so praktisch Schnelltests auch sind: Sie sind leider auch fehleranfällig.

Die Vorstellung, dass man überzeugte Impfgegner*innen über den Geldbeutel erreichen könne, ist merkwürdig: Die Impfkampagne hat an diesem Punkt einfach versagt, weil die Regierung zu siegessicher war und zu wenig Überzeugungsarbeit geleistet hat.

Es ist aber auch nicht so, wie die Déi Lénk-Abgeordnete Nathalie Oberweis es im Parlament und auf Social Media behauptet, dass die Gesellschaft mit dieser Maßnahme gespalten würde: Das „Wir-gegen-sie“-Narrativ, das die Regierung ihrer Meinung nach aufbaut, haben Impfgegner*innen und Schwurbler*innen schon kultiviert, da war die Impfung noch nicht einmal zugelassen. Wer nur ihnen zuhört, statt sich umfassend zu informieren, spaltet sich selbst ab.

Testangebote sollten wie die Impfung gratis und niederschwellig sein.

Wofür es hingegen gute Argumente gibt, sind Testangebote, die – wie die Impfung – kostenlos und niederschwellig zugänglich sein sollten. Gerade jetzt im Herbst, wo Claude Meisch die Schulen ohne Maskenpflicht zu durchseuchen droht, die Impfquote immer noch zu niedrig ist und die Delta-Variante dominiert, wäre es auch für Geimpfte nicht schlecht, sich regelmäßig testen zu lassen.

Wie es gehen könnte, zeigt die Stadt Wien. Das dortige Testprogramm „Alles gurgelt“ ist kostenlos, die Tests, bei denen mit einer Salzlösung gegurgelt wird, können leicht zuhause durchgeführt werden und in beinahe jedem Supermarkt abgegeben werden.

Als sie im Mai von Gilles Roth (CSV) nach einem ähnlichen System für Luxemburg gefragt wurde, winkte Gesundheitsministerin Paulette Lenert (LSAP) ab: Das LST sei besser und erfülle seine Aufgabe gut. Nun gibt es anstelle vom LST nur Ungewissheit. Wenn das gesellschaftliche Leben nicht wieder unterbrochen werden soll, wäre es wichtig, dass auch symptomfreie Menschen sich regelmäßig testen lassen können. Gleichzeitig muss die Regierung alles daran setzen, möglichst viele Menschen zu impfen – ohne Tests und Impfungen als Gegensatz zu verstehen.


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