Exodus: Auswanderungshafen Hamburg

Das „Centre de Documentation sur les Migrations Humaines“ (CDM) zeigt eine Ausstellung über Hamburg als „Auswandererhafen“.

Zwischen 1836 und 1914 verlassen mehr als vier Millionen Menschen über die Freie Hansestadt Hamburg den europäischen Kontinent und versuchen ihr Glück in Amerika. Es sind, in den Zeiten der Restauration von Metternich, politische Motive, die Demokraten und Radikale Europa den Rücken kehren lassen. Die Industrialisierung in der zweiten Jahrhunderthälfte leitet einen Rückgang der Landwirtschaft, des Handwerks und der Gewerbebetriebe ein und schafft zugleich ein Arbeitslosenreservoir – zu den politischen Gründen stoßen nun wirtschaftliche Fluchtmotive.

Bereits um die Jahrhundertwende galt Hamburg als einer der wichtigsten Auswandererhäfen. Diesen Ruf hatte die Stadt nicht zuletzt der 1847 gegründeten Reederei HAPAG (Hamburg-Amerikanische-Paketfahrt-Actien-Gesellschaft) zu verdanken. Unter dem Impuls ihres Generaldirektors Albert Ballin avancierte die HAPAG zur weltweit prägensten Reederei dieser Epoche. Beispielsweise kündigte 1913 die HAPAG den Stapellauf des „Turbinenschnellpostdampfers“ „Imperator“ an und präzisierte nicht ohne Stolz, es handele sich dabei um das „größte Schiff der Welt“.

Auch die Auswanderungswellen im 19. Jahrhundert trugen – wenngleich auch nur bedingt – zum Reichtum der HAPAG-Reederei bei. Deren Praktiken erinnern nicht nur entfernt an moderne Menschenhändlerringe. Die Wirtschaftsflüchtlinge waren bereit, ihr letztes Erspartes für eine Überfahrt herzugeben – und wurden in überfüllten Zwischendecks untergebracht. Der HAPAG-Direktor Ballin beschied schroff: „Ohne Zwischendeckspassagiere wäre ich innerhalb weniger Wochen bankrott.“

In den Erwägungen des Stadtsenats, Hamburg als Auswandererparadies zu verkaufen, spielten humanitäre Einsichten in die Notlage der Emigranten die geringste Rolle. Erst nachdem eine Choleraepidemie ausgebrochen war, errichtete man halbwegs hygienische Baracken für die anströmenden Flüchtlinge. Für die Stadtädilen galt das ökonomische Handlungsprinzip, dass auch aus einer Not zwar nicht unbedingt eine Tugend, ganz sicher aber ein finanzieller Gewinn zu machen sei. So signalisiert eine Schautafel der Ausstellung unter dem Titel: „Auswanderung ist auch ein Geschäft“: „Viele verdienen an den Auswanderern: Reeder, Zimmervermieter, die Unternehmen, die die Schiffe mit Proviant versorgen, Schifffahrtsagenten und schließlich die Stadt Hamburg – durch erhöhte Steueraufkommen.“

Fast ein Viertel der Flüchtlinge, die in Hamburg nach Amerika übersetzten, waren Juden aus Russland. Dort war es 1881 nach einem Attentat auf Zar Alexander II. zu blutigen Pogromen gegen die jüdische Minderheit gekommen, die deren Hoffnungen auf Emanzipation zunichte machten.

Die Ausstellung über Hamburg als Auswanderungshafen endet mit Dokumenten und Fotografien aus dem Jahr 1914. Das HAPAG-Schiff „St. Louis“ verließ Hamburg 25 Jahre später mit 930 jüdischen Flüchtlingen und lief nach Kuba aus. In Havanna angekommen, verweigerten die profaschistischen Behörden den Passagieren die Einreiseerlaubnis. In den USA ebenfalls abgewiesen, kehrten sie nach Europa zurück und gingen in Antwerpen an Land. 287 Flüchtlinge emigrierten nach England, der Rest verteilte sich auf Belgien, Frankreich und die Niederlande. Von ihnen fiel der größte Teil der nationalsozialistischen Vernichtungsmaschinerie zum Opfer.

Jhos Levy

Die Ausstellung ist noch bis zum 24. Februar zu besichtigen: Do. – So. von 15 bis 18 Uhr.


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