EUROPAS EXTREME RECHTE: Auf dem Vormarsch

Sie sorgen für Krawall in den Parlamenten und auf den Straßen: Die europäischen Rechten. Ein Sammelband untersucht ihre Dynamik.

Street Credibility ist auch für Rechte wichtig: Finnische Neonazis bei einem Aufmarsch zum 1. Mai 1977 in Turku.

Die Präsenz der extremen Rechten in Politik und Gesellschaft Europas scheint erdrückend: Wahlerfolge rechter Parteien etwa in Italien, den Niederlanden (woxx 1079), Finnland, Griechenland und Schweden. Massenaufmärsche und Krawalle gegen Roma in Bulgarien, Tschechien, Ungarn und Rumänien (woxx 1132). Sich als ethnisch-russisch identifizierende Nationalisten und Rassisten machen Jagd auf so genannte „Kaukasier“ (woxx 1092). Fanatische Ethnopluralisten wie Anders Breivik in Norwegen (woxx 1122) und Neonazis wie der „Nationalsozialistische Untergrund“ in Deutschland (woxx 1138) richten Massaker unter jenen an, die sie als Feinde oder Verräter des eigenen „Volkes“ halluzinieren. Andererseits mussten einige der rechtsextremen Parteien in den vergangenen Monaten bei Parlamentswahlen Stimmverluste hinnehmen, so etwa in Belgien, Dänemark, Rumänien, Polen oder der Slowakei.

Fraglos sind die menschenverachtende Aktivität und Mobilisierungsfähigkeit der extremen Rechten in Europa enorm. Offen bleibt, ob sich hinter diesen Umtrieben eine Tendenz verbirgt, die auf verschiedene Länder übergreift. Zudem stellt sich die Frage, inwiefern die verschiedenen rechten Gruppierungen und Strömungen daran interessiert sind, die beschriebene Dynamik zu einer transnationalen Vernetzung zu nutzen und ob diese gelingt. Ein im Verlag für Sozialwissenschaften erschienener Sammelband versucht sich diesen Fragestellungen aus verschiedenen Perspektiven zu nähern.

Die Herausgeber des Bandes gehen davon aus, dass die „national unterschiedlichen, oft historisch bedingten Traditionen der extremen Rechten in den verschiedenen europäischen Ländern“ auch zu sehr verschiedenen Ausformungen rechter Organisierungen führen. Insofern sich die Gruppen in ihrem Selbstverständnis, ihren Zielsetzungen und in den Milieus, aus denen sie stammen, unterscheiden, bestehen also auch trennende Elemente, die sich womöglich nicht überbrücken lassen und die es für ein tieferes Verständnis der verschiedenen rechtsextremen Gruppierungen zu identifizieren gilt. Gleichwohl gibt es Momente rechter Mobilisierung, die international wirksam sind. Wie der Sammelband zeigt, ist der Antisemitismus darin das zentrale Element.

Antisemitismus ist das ideologische Bindeglied der europäischen Rechten

Das Buch ist in fünf Sektionen unterteilt. Der erste Teil widmet sich dem untersuchten Phänomen aus ideologiekritisch-ideengeschichtlicher Perspektive. Zeev Sternhell beschreibt die Entstehung chauvinistischer und faschistischer Ideologie in Europa, die er historisch als Dynamik von Aufklärung und Gegenaufklärung bestimmt. Der Soziologe Ulrich Bielefeld unterzieht die Begriffe Nation, Volk und Rasse einer Kritik und zeigt, inwiefern sie aufeinander bezogen sind. Den Nationalsozialismus deutet er unter anderem als „Versuch, die strukturelle Ambivalenz des modernen Nationalstaats zu tilgen“.

Im zweiten Teil des Buches schließen sich Fallstudien zu Russland, Ungarn und Polen an. Magdalena Masovszky beschreibt anhand des Museums „Haus des Terrors“ in Budapest – das in totalitarismustheoretischer Manier Nationalsozialismus und Sowjetherrschaft gleichsetzen will, den NS-Terror aber de facto zu einer Randerscheinung erklärt – wie die Verwandlung Ungarns in eine „Volkstumsgemeinschaft“ betrieben wird, wobei dieses „Homogenitätsideal“ zugleich Ausgrenzungstendenzen befördert. Der Mord an den ungarischen und europäischen Juden werde im Zuge einer „Ethnisierung der Erinnerung“ zugunsten eines „nationalen Opfermythos“ unterschlagen, die Frage nach der Verstrickung der ungarischen Bevölkerung in die Verbrechen der Nazis abgewehrt. Die Umkehrung von Täter und Opfer drücke sich gleichsam in einem antikommunistischen wie antiliberalen Antisemitismus aus. Alle das ungarische „Volk“ vermeintlich bedrohenden Phänomene werden als jüdisch identifiziert. Entsprechend können selbst Vertreter des Establishments nicht nur vom „Holocaust an den Magyaren“ sprechen, sondern etwa die einstige sozialliberale Regierung als „verjudet“ bezeichnen und das ungarische Parlament als „Synagoge“, die „ausgeräuchert“ werden sollte.

In seiner materialistisch geprägten Analyse der polnischen Rechten arbeitet Tomasz Konicz, ähnlich wie Masovszky für Ungarn, eine polnische „Opfermythologie“ als das prägende Geschichtsbild der Rechten heraus. Wie Konicz anmerkt, stellen die „dominanten Strömungen innerhalb der extremen Rechten Polens“ mit ihrer engen Bindung an „reaktionäre Teilorganisationen der römisch-katholischen Kirche“ zwar ein spezifisch polnisches Phänomen dar, das in Europa wohl kaum eine Entsprechung finde. Jedoch können offen faschistisch agierende Gruppierungen eine größere ideologische Schnittmenge mit anderen europäischen rechtsextremen Strömungen aufweisen, so Konicz. Übergreifende Momente seien hier Ethnopluralismus und Antisemitismus: Mit diesem Konzept werde allen „homogenen Völkern“ ein Existenzrecht im Rahmen ihrer „angestammten“ Territorien zugestanden, wobei Juden, Sinti und Roma selbstverständlich nicht zu den „homogenen Völkern“ zählten.

Während die dritte Sektion des Buches sich der extremen Rechten verschiedener Länder Europas in explizit vergleichender Perspektive nähert, werden in der vierten Sektion in qualitativ sehr unterschiedlichen Texten die oben genannten übergreifenden ideologischen Momente des Antisemitismus, Antiziganismus und auch des Antiamerikanismus einer ausführlicheren ideologiekritischen Betrachtung unterzogen. Abgeschlossen wird der Band durch drei Aufsätze zum Faschismusbegriff.

Auch wenn der Sammelband mit Blick auf die Vielzahl verschiedener rechtsextremer Strömungen und Gruppierungen selbstverständlich keinen Anspruch auf Vollständigkeit erheben kann, stellt er doch eine sehr anregende Einstiegslektüre zur vertieften Auseinandersetzung mit den vorgestellten Phänomenen dar. Auch methodologische Probleme werden dabei nicht ausgespart, was den Band für Wissenschaftler womöglich zusätzlich interessant macht, all jene, die vorrangig an Informationen zum Thema interessiert sind, jedoch nicht abzuschrecken braucht.

Claudia Globisch / Agnieszka Pufelska / Volker Weiß: Die Dynamik der europäischen Rechten. Geschichte, Kontinuitäten und Wandel. VS Verlag, 317 Seiten.

Am heutigen Freitag sowie am Samstag findet in der Cercle-Cité in Luxemburg-Stadt die Konferenz „The Rise of the Extreme Right and the Future of Liberal Democracy“ statt. Veranstaltet wird die Tagung vom Luxemburger Institut für Europäische und Internationale Studien.
Info: www.ieis.lu


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