Dem Dialog verpflichtet

Camille Gira 1958-2018 (Foto: Wikimedia)

Camille Gira ist tot. Mitten in seiner Rede zum Naturschutzgesetz ist er zusammengebrochen – umgefallen wie eine Eiche im Sturm, wie der grüne Ko-Präsident Christian Kmiotek twitterte. Er ist plötzlich nicht mehr da – und vielen, die persönlich mit ihm zu tun hatten, kommt die Frage in den Sinn, wann sie diesem Menschen eigentlich zum ersten Mal begegnet sind.

Beim Autor dieser Zeilen war das im April 1990. Als blutjunger GréngeSpoun-Redakteur suchte er den nicht einmal zwei Jahre älteren angehenden „ersten grünen Bürgermeister“ Luxemburgs in dessen Heimatort Beckerich auf. Das Interview dauerte am Ende so lange, dass es gleich auf zwei GréngeSpoun-Ausgaben verteilt werden musste.

Camile Gira ließ dabei ein ganzes Programm vom Stapel, was er alles in seiner Gemeinde an nachhaltiger Entwicklung realisieren wollte: „Ein (…) wichtiger Punkt ist die Einbeziehung des Umweltschutzes in sämtliche Entscheidungen. Das ist zwar nicht immer einfach, aber es scheint unausweichlich, dass bei allen Aktionen, insbesondere bei großen Projekten, versucht wird, die Auswirkungen auf die Umwelt so weit wie möglich zu minimieren, und dass sogar von verschiedenen Vorhaben einfach abgesehen wird, wenn die Beeinträchtigung der Umwelt zu groß wird.“

Was heute fast selbstverständlich klingt, wurde damals vielfach als grüne Spinnerei abgetan. Nichtsdestoweniger hat Camille Gira, zunächst lokalpolitisch, später dann im Parlament und als Staatssekretär auch auf nationaler Ebene, sein Programm unbeirrt durchgezogen. Auch international, wo er vor allem das Internationale Klimabündnis vorantrieb.

Dabei war er zunächst nicht einmal Mitglied der Grünen.

In dem seit Mitte der 1980er-Jahre schwelenden Flügelkampf bei den Grünen wollten und konnten sich viele ökologisch und lokalpolitisch aktive Politiker*innen nicht festlegen. Immerhin war es vor den Wahlen 1989 gelungen, die konkurrierenden Grünen aus Gap und Glei davon abzuhalten, im Nordbezirk eigene Listen aufzustellen, sodass dort eine einzige, unabhängige Liste „Ekologiste fir den Norden“ präsentiert werden konnte – neben Camille Gira und anderen war auch Marco Schank mit von der Partie. Die Liste erzielte zwar einen Achtungserfolg, für einen Sitz reichte es aber nicht. Mit Blick auf den nächsten Wahltermin 1994 wurde deshalb die Einigungsbewegung innerhalb und außerhalb der grünen Partei(en) vorangetrieben, maßgeblich auch von Camille Gira. Mit Erfolg: Die (wieder-)vereinten Grünen erreichten 1994 erstmals Fraktionsstatus, und der dafür notwendige fünfte Sitz kam aus dem Norden – und wurde von Camille Gira eingenommen.

(Foto: Christian Mosar)

Anfang der 1990er-Jahre wurde auch der Grundstein für die GréngeSpoun/woxx-Kooperative gelegt, deren Mitglied Camille Gira von Anfang an war. In der Folgezeit stand er dann immer wieder für Interviews und vor allem für Streitgespräche zur Verfügung. Er debattierte mit Leidenschaft, nicht nur zu Umweltthemen. Unser Cover-Bild zeigt ihn bei einer „Sträitkultur“-Debatte aus dem Jahre 2000, bei der es (schon damals) um das Thema Schule, Kinderbetreuung und Berufstätigkeit ging. Es folgten Debatten zur Möglichkeit linker Politik, zu Chancen nachhaltiger Energiepolitik und zu der immer drängenderen Frage nach der Vereinbarkeit von Landwirtschaft und nachhaltigem Naturschutz.

Zu genau diesem Thema debattierte Camille Gira auch am vergangenen Mittwoch. Schon 1990, beim eingangs erwähnten Interview, hatte ihn die unversöhnliche Form der Auseinandersetzung gequält: „Da kann ich ein Problem ansprechen, das mir eigentlich seit jeher auf dem Magen liegt und das mir eigentlich nicht ganz verständlich ist. Auch jetzt während der Wahlen [1989 Anm. d. Red.] hat es sich zugespitzt. Es ist der Gegensatz zwischen ökologischer Politik und Landwirtschaft. Ich weiß, dass im Wahlkampf von dieser Seite relativ viel gegen mich gewettert und mit Gerüchten operiert wurde (…). Aber auch in diesem Punkt baue ich auf den Dialog.“

Camille Gira hat diese Angriffe immer wieder argumentativ abzuwehren verstanden, ganz spurlos an ihm vorbeigegangen sind sie aber, wie man nun leider vermuten muss, nicht.


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