FOTOGRAFIE: All along the water

Das Ufer ist bei Ebbe mit einer dicken Schleimschicht aus grünem Modder bedeckt. Der schmale Strand zwischen Millennium Bridge und Tower ist ein ideales Revier für die sogenannten „Mudlarks“. An jedem freien Tag streifen die Schlammgräber durch den dicken schwarzen Uferschlick der Themse, auf der Suche nach den Schätzen, die Menschen hier in mehr als dreitausend Jahren verloren haben.

Auf Spurensuche nach Elementen der Vergangenheit ging der 1971 in Bristol geborene und in London arbeitende Fotograf Stephen Gill auch für das Centre National de l’Audiovisuel (CNA) in Düdelingen. Seine derzeitige Ausstellung „Coexistence“ ist das Resultat einer Auftragsarbeit, die der CNA 2011 im Hinblick auf die Eröffnung des Düdelinger Wasserturmes und des Pomhouse gegeben hatte. Aufgegeben war, eine Intervention vor Ort vorzunehmen und dabei den Kontext von Düdelingen als ehemaligem Industriestandort sowie die im Wasserturm ausgestellte Fotosammlung „The Bitter Years“ einzubeziehen.

Für Stephen Gill wurden die Wasserbehälter auf dem Gelände der ehemaligen Düdelinger Eisenhüttenindustrie schnell zum fotografischen Experimentierfeld. Angezogen von der organischen Welt des Wassers, die ihn auch schon als Kind faszinierte, als er stundenlang vor einem Mikroskop saß, ist er auch hier den Dingen auf den Grund gegangen. Sodass seine Fotos nicht nur die Synthese seiner Arbeit vor Ort sind, sondern vor allem seiner Arbeit mit dem Ort.

Da er aus Sicherheitsgründen die lokale Bevölkerung nicht an den Wasserbehältern fotografieren konnte, hat er die Behälter sozusagen zu den Bewohnern gebracht: Mit zwei Eimern mit eingetrübtem Wasser aus den Sammelbecken sowie einer Unterwasserkamera bewaffnet, zog er durch Düdelingen. Er fotografierte, indem er seine Kamera kurz in das schmutzige Wasser tauchte und sein Umfeld durch das abperlende Nass knipste. Anstelle der dokumentaristischen, emotional aufgeladenen Schwarz-Weiß-Bilder von „The Bitter Years“ erzeugt der „Unterwasserblick auf die Welt“ von Gill verschwommene, wie durch einen Filter eingefangene Farbporträts. „The intervention meets chance“, so der Brite. Statt, dass der Fotograf hier zum Kontrollfreak wird und sein Bild bis ins Detail vorausplant, ist das Ergebnis in diesem Fall nicht vorherzusehen. Es bedeutet ein Loslassen gerade für jemanden wie Stephen Gill, der ansonsten nichts dem Zufall überlässt und eigentlich immer jedes Detail plant – von der Auswahl des Fotopapiers bis hin zum Abdruck. So besitzt er seit 2005 seinen eigenen Verlag, um die Veröffentlichung seiner Bilder nicht aus der Hand zu geben zu müssen.

Aber auch andere Methoden kamen zum Einsatz: So tauchte er die Fotos nach der Entwicklung erneut in die Kühlbecken sodass sich auf dem Fotopapier Erdpartikel, die sich im Wasser befanden, als Textur ablagerten, oder er experimentierte mit mikros-kopischen Aufnahmen. Ausgestellt sind aber auch Fundstücke, die er als aufmerksamer Mudlark aus den Wasserbehältern gefischt hat – vom Bierdeckel bis zur Schraube, Reliquien einer anderen Zeit.

Ergebnis sind jedoch vor allem rund 60 farbintensive Bilder, eine Durchmischung von Makro- und Mikrokosmos, von der realen Welt mit der Unterwasserwelt. Es sind abstrakt wirkende Porträts der Gegenwart, fotografiert durch die organischen Ablagerungen der historischen Industriebehälter. Ein interessanter Ansatz.

Noch bis zum 10. Februar 2013 im CNA.


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