75 Jahre Atomwaffen (5): Superbombe gegen Dampfwalze

von | 04.08.2020

Nach dem ersten Atombombenabwurf wurden Kernwaffen durchaus als „normales“ militärisches Mittel angesehen. Nach und nach fassten die USA eine restriktivere Einsatzdoktrin ins Auge.

Mächtigste jemals gebaute US-Atombombe: die B-41 (1961-1976).
(Wikimedia; Clemens Vasters; CC BY 2.0)

Kann man eine Atombommbe einsetzen wie eine „normale“ Bombe mit besonders großer Sprengkraft? Immer wieder wird dieser Standpunkt vertreten, zum Beispiel in Zusammenhang mit den „mini nukes“, doch er ist sehr minoritär. Das war in den ersten zehn Jahren nach Hiroshima anders.

Bis 1949 verfügten die USA über ein Monopol bei den Atomwaffen und bis etwa 1955 über eine substanzielle Überlegenheit. Die Kernwaffen wurden als Patentlösung angesehen, um die Überlegenheit der Sowjetunion bei den konventionellen Waffen auszugleichen. Konkret hätte das in den ersten Jahren bedeutet, einen nuklearen strategischen Luftkrieg gegen die Sowjetunion zu führen und Städte und Industrieanlagen dem Erdboden gleichzumachen. Später, als die USA über Tausende von Atomwaffen verfügten, konnte diese auch auf taktischer Ebene eingeplant werden, um gegen Panzerarmeen und Flugplätze eingesetzt zu werden – wie ganz normale Waffensysteme eben (siehe „Zweitschlag und Ersteinsatz“).

Den Dritten Weltkrieg vermeiden

Ob dies die Gegenseite beeindruckte, ist nicht sicher. Josef Stalin ging wohl davon aus, dass die über eine riesige Landmasse verteilte Bevölkerung einen Nuklearangriff ebenso überstehen würde wie sie Hitlers Blitzkrieg überlebt hatte. Was die Sowjetunion aber nicht daran hinderte, sich die gleichen Waffen zu verschaffen. 1949 zündete das Land die erste Atombombe, baute eine nukleare Bomberflotte auf und schien sogar Ende der 1950er einen Vorsprung beim Trägersystem der Zukunft, der Rakete, zu haben. Das relative Gleichgewicht bei den Kernwaffen sollte zu einer Phase internationaler Entspannung führen, nachdem die Kubakrise die Welt an den nuklearen Abgrund gebracht hatte (siehe „Hat jemand Chruschtschows Handynummer?“).

Doch schon 1951, als das amerikanische Kernwaffenarsenal dem sowjetischen noch haushoch überlegen war, zögerte Präsident Harry Truman, sie einzusetzen. Im Koreakrieg war unklar, wie Atombomben einen entscheidenden Vorteil bringen könnten, außerdem fürchtete Washington die Reaktionen der Weltöffentlichkeit. Vor allem aber scheute man – aus gutem Grund – eine Ausweitung des Kriegs durch einen überwiegend konventionellen Angriff der Sowjetunion in Europa.

Konventioneller Angriff, nukleare Verteidigung?

Trumans Nachfolger Dwight Eisenhower trat mit dem Anspruch an, die „kommunistische Dampfwalze“ zurückzutreiben und die Lehren aus dem Koreakrieg zu ziehen. Fleißig entwickelten die USA in großer Quantität „taktische“ Atomwaffen, die militärisch mehr Erfolg versprachen als die großen strategischen Bomben (siehe „Von Mine bis MIRV“). Mit einem nicht unwillkommenen Nebeneffekt: Der Westen musste sich nicht auf einen kostspieligen konventionellen Rüstungswettlauf mit dem Osten einlassen.

1956 kam die Nagelprobe für Eisenhowers Strategie des „roll back“: Eine reformsozialistische Regierung in Ungarn erklärte den Austritt aus dem Warschauer Pakt. Doch Washington verzichtete – zum Glück – darauf, einen zu dem Zeitpunkt noch „vorteilhaften“ Atomkrieg vom Zaun zu brechen. Das wachsende Bewusstsein für die desaströsen Folgen eines „taktischen“ nuklearen Schlagabtauschs dürfte bei dieser Entscheidung eine Rolle gespielt haben.

Fünf Jahre später, bei der Berlinkrise von 1961, war für den Präsidenten John Kennedy klar, dass eine „massive“ Reaktion auf eine erneute Blockade keine Option war. Statt eines Nuklearschlags wurden konventionelle Gegenoperationen ins Auge gefasst, um Zeit zu gewinnen. Die mussten glücklicherweise nie umgesetzt werden, denn auch die Gegenseite wollte auf keinen Fall einen europäischen Krieg riskieren. Damit war – für zwei Jahrzehnte – die Idee eines gewinnbaren Dritten Weltkriegs weitgehend vom Tisch.

„Der zweite Weltkrieg wurde durch die Atombombe gegen Japan gewonnen.“ Mit dieser umstrittenen Interpretation und dem Schrecken der Kernexplosionen im August 1945 befasst sich der am Freitag erscheinende sechste Teil unserer Hiroshima-Serie (woxx 1592: „6.000 degrés et une ombre“).

 

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