Zwischen symbolischem und selbstbestimmtem Handeln: Mit Einkaufskooperativen und urbanen Gärten versucht Transition Minette die Welt ein Stück weit zu verändern.

Im urbanen Garten von Esch wächst das Gemüse im Hochbeet.
Freitagabend in Esch in diesem Frühherbst: kühle Luft, wolkenloser Himmel, Kneipen, Einfamilienhäuser, neue und alte, und zwischen ihnen eine Wiese. Eine Handvoll Menschen haben sich auf der Grünfläche eingefunden. Sie sind dabei, die Lebensmittel ihrer Einkaufskooperative aufzuteilen. Lokal produzierter Kohl, Kartoffeln, Mangold und anderes Gemüse werden auf einem mit lila Graffiti aufgepeppten Tisch ausgebreitet. Nicht-lokale Lebensmittel wie Tofu, Sojamilch oder Bio-Bier kommen in Kartonkisten.
Die Gruppe nennt sich „Transition Minette“. Ihr Ziel ist die Erprobung verschiedener Klimaschutz-Strategien sowie alternativer Formen des Zusammenlebens und Wirtschaftens. In rÂegelmäßigen Abständen geben sie GroĂźbestellungen auf, um so den Endpreis fĂĽr die in der Regel teureren Bio-Produkte zu drĂĽcken und GemĂĽsebauern der Region zu unterstĂĽtzen. Eigentlich ist die Treffpunktwiese auch keine gewöhnliche Wiese, denn auf ihr stehen verteilt fĂĽnf kleine Hochbeete, in denen verschiedene Salate und Kräuter wachsen. Gärtnern dĂĽrfen auf diesem GrĂĽndstĂĽck alle Bewohner des Viertels, erklärt dies eine Tafel am Eingang auf Luxemburgisch, Französisch und Portugiesisch. Der sich global ausbreitende Trend nennt sich „urban gardening“ oder etwas verspielter „guerilla gardening“.
Während die Universität bei der Wissensvermittlung hierarchisch verfährt, wird im urbanen Garten Wissen ganz nebenbei generiert.
Der hochgewachsene, dunkelhaarige Politologe Steve Biver rĂĽckt gerade Baumstämme zurecht, die so zugeschnitten sind, dass sie als Sitzgelegenheiten dienen können. Warum macht er bei Transition Minette CTM mit? „Zu Hause habe ich einen Garten. Ich komme vor allem, weil ich bei der Einkaufskooperative mitmache. Mich interessieren alternative Märkte und der Bezug von Lebensmitteln aus der Region. Mangold oder Kohlrabi findet man nicht in den gängigen Supermärkten, dabei ist das kein exotisches GemĂĽse, sondern fĂĽr unsere Region typisch.“ Wie viele bei Transition Town Engagierte bemängelt er zudem, dass der Bezug zum Poduktionsprozess von Lebensmitteln in den letzten Jahrzehnten zunehmend verloren gegangen ist. Er hofft, dass Transition-Town-Bewegungen etwas an diesem Umstand ändern, durch ihre Art der praxisbezogenen Sensibilisierung.
Am Garteneingang spaziert eine hagere, gebräunte BrĂĽnette vorbei. Norry Schneider, MitgrĂĽnder von TM beginnt ein Gespräch mit ihr. Eine mittlerweile ĂĽber 90 Jahre alte Dame, in Portugal geboren, habe frĂĽher auf diesem GrundstĂĽck gewohnt, berichtet die Frau aus Esch. Schneider ist daran interessiert. Ein paar knallrote Tomaten von einem Strauch im Garten drĂĽckt er der Frau, als sie wieder geht, noch in die Hand, und regt an, der alten Dame zu berichten, was hier gerade passiert. „Ich bin eigentlich ein Enttäuschter des Kopenhagener Klimagipfels; als ich dann 2011 von Cell (Centre for Ecological Learning Luxembourg) und urban gardening hörte, war ich sofort begeistert“, erklärt er mir später. Schneider, rothaarig und im schwarzen Sakko, ist Beauftragter fĂĽr Entwicklungspolitik bei der Caritas. Ihm gefällt die Vorstellung, dass BĂĽrger gemeinsam aktiv werden und in kleinen Schritten etwas verändern möchten. „Anders als die groĂźen NGOs pflegen wir kein Logo- und Serviceleistungs-Denken, da wir nicht auf Spenden angewiesen sind“ beteuert er und fährt fort: „Wir haben nichts gegen etablierte NGOs, sie mischen sich in politische Debatten ein. Wir aber sind eher an ĂĽberschaubareren, direkten Aktivitäten in Gemeinden interessiert, und das Beisammensein ist uns auch sehr wichtig.“ „Und doch geht unser diskreter Grass-Roots-Ansatz von TM viel weiter“ wendet Steve ein „denn er ist praxisbezogener, und wir fördern alternative Marktstrukturen.“
Mit seiner bescheidenen Größe und seinen sechs kleinen Hochbeeten scheint der Garten allerdings eher einen symbolischen Zweck zu verfolgen als den der Produktion. Vom Gegenmodell, welches ein autarkes Leben und Unabhängigkeit von einem brĂĽchigem Markt und einer perfiden Lebensmittelindustrie gewährleisten soll, sind wir an diesem Freitagabend in Esch noch weit entfernt. Trotzdem bildet der Garten eine der vielen Knospen des WiederaufblĂĽhens der Stadt Esch nach derem industriellem Niedergang. Ihr neues Leben wird das einer Studentenstadt sein, in der der Wissensaustausch alltäglich ist. Schneider bestätigt, dass die Stadt Esch TM von Beginn an unterstĂĽtzt hat. „Auch die Feuerwehr hat uns im Juli geholfen, als der Garten ĂĽberschwemmt war.“ Während die Universität bei der Wissensvermittlung hierarchisch verfährt, wird im urbanen Garten Wissen ganz nebenbei generiert. „Menschen mit verschiedenem Wissen gärtnern hier nebeneinander, es besteht ein ständiger Austausch“ versichert Schneider. Steve betrachtet Cell darĂĽber hinaus als Sammelstelle fĂĽr jegliches Wissen im Bereich der Permakultur.
In bestimmten Kreisen wird die Transition-Town-Bewegung als unpolitisch kritisiert, weil sie keine Forderungen wie Umweltsteuern usw. stellt. Das sieht Schneider anders. „Warum sollten die Initiativen von TM, wie unser Garten, unsere Energie- und Einkaufskooperativen oder einfach auch nur das Beisammensein und gemeinsame Essen nicht politisch sein?“ FĂĽr Umweltsteuern beispielsweise wĂĽrden sich bereits die groĂźen Umwelt-NGOs einsetzen. „Umweltaktivisten haben von manchen unserer Initiativen behauptet ‚Das hatten wir schon in Luxemburg'“. Aber wir sind eine jĂĽngere Generation und möchten neue Erfahrungen sammeln und eben auch eine neue Dynamik in die Umweltbewegung bringen“ fĂĽgt er hinzu.
Adrienne Jopa trägt eine grĂĽne Hose, ihre linke Kopfhälfte ist rasiert, die rechte bedeckt halblanges schwarzes Haar. In ihrer linken Hand hält sie eine der gerade eingetroffenen Bierflaschen. Sie stimmt zu „NatĂĽrlich ist es wichtig, sich zu vernetzen, aber wichtiger bleiben uns das Beisammensein und die Pflege unserer Gastlichkeit.“ Dann lacht sie, weil hinter ihr jemand schon wieder die WorthĂĽlse „lokal“ verwendet hat, und wirft die Frage auf „Was ist schon lokal? Das ist relativ. Ist unsere Skala das Universum, ist alles, was von der Erde stammt lokal.“
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Siehe auch CENTRE FOR ECOLOGICAL LEARNING LUXEMBOURG (CELL): Ein Inkubator fĂĽr neue Ideen

