Auf Apple TV: Black Bird

Dennis Lehanes Miniserie „Black Bird“ profitiert von der Faszinantion für Serienkiller. Trotz mehrheitlich guter Schauspielleistungen und einer insgesamt spannenden Handlung ist sie im Vergleich zu anderen dieses Genres leider nur mittelmäßig.

Warum sich Larry dem unauthentisch wirkenden Jimmy öffnet, bleibt bis zuletzt unklar. (Copyright: Apple TV)

Von „Dexter“ über „Bates Motel“ bis hin zu „True Detective“ und „You“ – Produktionen über Serienmörder erfreuen sich anhaltender Beliebtheit. Doch wieso eigentlich? Der Adrenalin-Rush und die Ähnlichkeit, die solche Erzählungen mit dem Lösen eines komplexen Rätsels haben, spielen dabei sicherlich keine unwesentliche Rolle.

Allgemein betrachtet sind Serienmörder-Produktionen ein recht konservatives Genre, das das Publikum nicht allzu sehr herausfordert. Die Täter sind mehrheitlich weiß, männlich, heterosexuell und gutaussehend. Die Opfer wiederum sind weiblich. Theoretiker*innen wie der Englischprofessor David Schmid sehen einen Zusammenhang zwischen dem Boom solcher Erzählungen in den 2000-Jahren und den 9/11-Attentaten: Sie seien ein beruhigendes Szenario gegenüber dem nicht-weißen, nicht jüdisch-christlichen, potenziell jeden und jede tötenden Terroristen. Dementsprechend handelt es sich bei den Protagonisten der Post-9/11-Ära eher um Antihelden denn um reine Bösewichte: Trotz ihres unmoralischen Verhaltens werden wir dazu angeregt, mit ihnen mitzufühlen. Dass solche Produktionen wiederholte Flashbacks auf die traumatische Kindheit des Killers zeigen, ist mittlerweile keine Ausnahme mehr.

Unterkomplex und voyeuristisch

Die am 8. Juli auf Apple TV angelaufene, sechsteilige Miniserie „Black Bird“ kombiniert altbewährte Erzählmuster mit einem für Serienmörder-Storys eher ungewöhnlichen Setting: dem Gefängnis. Die Prämisse zu Dennis Lehanes „Black Bird“ wirkt völlig mit den Haaren herbeigezogen, beruht jedoch auf einer wahren Begebenheit: Mitte der 1990er-Jahre wurde dem für Drogenhandel und Waffenbesitz verurteilten Jimmy Keene (Taron Egerton) eine Verkürzung seiner zehnjährigen Haftstrafe versprochen. Die Bedingung: Sich mit dem mutmaßlichen Serienmörder Larry Hall (Paul Walter Hauser) anfreunden und ihm ein Geständnis entlocken. Dafür wurde Jimmy unter einem Vorwand ins Hochsicherheitsgefängnis nach Springfield, Missouri verlegt, in welchem sich Larry zu dem Zeitpunkt befand. Seine Erfahrungen machte Keene in seinen 2010 erschienenen Memoiren „In with the Devil: A Fallen Hero, a Serial Killer, and a Dangerous Bargain for Redemption“ öffentlich.

Die Serie als vorhersehbar zu bezeichnen, wäre übertrieben; echte Überraschungen hält sie allerdings auch nicht bereit. Die Art und Weise, wie Jimmy Larry befreundet, ist enttäuschend unspektakulär. Eine Taktik wird nicht erkennbar; vielmehr hatte Jimmy das Glück, dass der einsame Larry dringend einen empathischen Gesprächspartner brauchte. Das ist nur eins von zahlreichen Beispielen für die mangelnde Komplexität dieser Serie. Sie will das Publikum glauben machen, dass Jimmy Larry durch seine besonderen zwischenmenschlichen Fähigkeiten ein Mordgeständnis zu entlocken vermochte. Von diesen Fähigkeiten bekommen wir nur leider nichts zu sehen. Selbst die Momente, in denen Larry Jimmy auf der Schliche zu sein scheint, handhabt die Serie auf enttäuschende Weise: Sporadischen Episoden des Misstrauens ihm gegenüber entgegnet Jimmy, sich doch nur unterhalten zu wollen, und nach ein paar Sekunden der Anspannung glaubt ihm Larry auch jedes Mal.

Unauthentisch und arrogant

Eine weitere Schwäche der Serie ist die Art und Weise, wie Taron Egerton Jimmy verkörpert. Der Jimmy, der zu zehn Jahren Haft verurteilt wurde, versteckt seine verletzliche Seite hinter einer Fassade aus Selbstbewusstsein und Coolness. Es wäre zu erwarten gewesen, dass er diese Fassade im Hochsicherheitsgefängnis nicht mehr aufrechtzuerhalten vermag. Stattdessen spielt Egerton diese Rolle frustrierend uniform – seine durchweg zusammengekniffenen Augen und in Falten gelegte Stirn lassen kaum Emotionen erkennen. Dadurch wirkt Jimmy durchweg unauthentisch und arrogant. Schwer nachzuvollziehen, dass Larry das nicht bemerken und dadurch abgeschreckt würde.

„Black Bird“ wäre zweifellos spannender gewesen, wenn die Macher*innen den Fokus auf Jimmys Innenleben gelegt hätten und dessen Gesprächsversuche nicht bloß ein Mittel zum Zweck gewesen wären, um Larry ein Geständnis zu entlocken. So jedoch bleibt der Fokus auf dem, was Larry preiszugeben bereit ist. Über mehrere Szenen hinweg müssen wir uns erst anhören, wie sehr er Frauen verachtet und anschließend, wie er vorgegangen ist, um seine Opfer zu vergewaltigen und zu töten. Das von Larry Gesagte in solchen Momenten auditiv zu verzerren und stattdessen den Fokus auf Jimmys Reaktion zu legen, wäre die interessantere Option gewesen. Leider wurde diese von den Macher*innen zugunsten einer unnötigen Effekthascherei vernachlässigt. Immerhin werden Larrys Taten nicht auch noch visualisiert. Ein verstärkter Fokus auf Larrys soziales Umfeld hätte der Serie ebenfalls nicht geschadet. Immerhin kam der sich mittlerweile wegen Kidnapping und Vergewaltigung in lebenslanger Haft Befindende unter anderem auch deshalb so lange mit seinen Taten davon, weil er von denen, die ihn kannten, als „harmless weirdo“ abgetan wurde.

Lehanes Serie ist dennoch sehenswert. Mit der Ausnahme von Egerton sind die Schauspielleistungen beachtlich, vor allem die von dem im Mai verstorbenen Ray Liotta in einer seiner letzten Rollen. „Black Bird“ reiht sich ein in die Liste handwerklich beachtlicher True-Crime-Serien, Fans dieses Genres dürften mit Serien wie Hannibal, „Sharp Objects“ oder „Mindhunter“ jedoch eher auf ihre Kosten kommen.

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