Wenn die Philosophin Carolin Emcke ĂŒber Corona schreibt, gibt es neben tragischen Erinnerungen auch etwas zu lachen. âJournal. Tagebuch in Zeiten der Pandemieâ ist ein wichtiges Buch ĂŒber die andauernde Krise, das zum richtigen Zeitpunkt erscheint.
Carolin Emcke hat Humor. Auch wenn sie ĂŒber die Corona-Pandemie schreibt. Mit Aussagen wie âWas schreibe ich also hinein in so einen Patientenwillen: es war gut bis hierher, alles weitere wĂ€re Nachschlag?â oder â(âŠ) [S]chon jetzt ziehe ich bockig Grenzen ein, die ich auf gar keinen Fall unterschreiten will. âHappy Birthdayâ zu singen, jedes Mal beim HĂ€ndewĂ€schen, ist mein Limitâ, ringt Emcke einem trotz angespannter Lage ein LĂ€cheln ab. Wer regelmĂ€Ăig die SĂŒddeutsche Zeitung liest, dĂŒrfte Carolin Emckes Kolummne zur Corona-Pandemie kennen. Die freie Publizistin und Philosophin veröffentlichte dort vom 23. MĂ€rz bis zum 29. Mai 2020 BeitrĂ€ge zur Krise. Diese erschienen im MĂ€rz dieses Jahres gebĂŒndelt als âJournal. Tagebuch in Zeiten der Pandemieâ beim S. Fischer Verlag, um Emckes Postscriptum vom November 2020 ergĂ€nzt.
Emcke, unter anderem fĂŒr ihre Kriegsreportagen bekannt, erzĂ€hlt im Journal Witze ĂŒber Donald Trump. Ob die lustig sind? An sich nur mĂ€Ăig. Trotzdem tun sie zwischen den dĂŒsteren Gedanken ĂŒber Tod und Krankheit gut. Emcke lĂ€sst neben amĂŒsierenden Anekdoten und Trump-Witzen nĂ€mlich Revue passieren, was noch nicht beendet ist: die Corona-Pandemie. Subjektiv gesprochen, macht sich bei der LektĂŒre bemerkbar, wie tief einem das erste Krisenjahr in den Knochen sitzt. Emckes erste BeitrĂ€ge sorgen auf eine verstörende Weise fĂŒr Nostalgie: Aus persönlicher Sicht war zwar damals wie heute vieles unklar und beĂ€ngstigend, doch hat sich in der Zwischenzeit eine allgemeine Pandemie-MĂŒdigkeit breitgemacht. Im MĂ€rz 2020 war das, zumindest fĂŒr die Autorin dieser Zeilen, noch anders. Ist es vielleicht zu frĂŒh, ein Journal ĂŒber Corona zu lesen und einen ersten RĂŒckblick zu wagen? Nicht, wenn es Carolin Emcke ist, die schreibt.
Der Untertitel âTagebuch in Zeiten der Pandemieâ ist treffend, verrĂ€t aber nicht, wie viel tiefer das Buch blicken lĂ€sst. Das Journal dokumentiert die Krise faktisch und emotional. Die EintrĂ€ge zu lesen, entlastet. Zwischen den Zeilen steckt Menschlichkeit, die in Zeiten wie diesen besonders wichtig ist. Auch Carolin Emcke, TrĂ€gerin des renommierten Friedenspreis des Deutschen Buchhandels, hat manchmal keine Kraft mehr zu schreiben. Sie teilt â um die eigene Sorglosigkeit und Ausdrucksfreiheit besorgt â das ungute GefĂŒhl, wenn beim Treffen mit Freund*innen die Atemmasken fallen. Emcke schildert kurze Unterhaltungen mit ihrer Partnerin, die einigen Leser*innen vermutlich bekannt vorkommen. Sie fĂŒrchtet sich durch die zeitweise aufgezwungene Zweisamkeit vor SpieĂigkeit. Das alles sind Gedanken, die verbinden können.
Gleichzeitig eröffnet Emcke aber auch andere Perspektiven auf die aktuellen Geschehnisse und betont, dass sie aus einer privilegierten Position heraus spricht. So schreibt sie ĂŒber Bekannte aus der TĂŒrkei, dem Gazastreifen oder aus New York, die eine andere LebensrealitĂ€t haben. Sie kommentiert das Sterben im FlĂŒchtlingslager auf Moria und den Mord an George Floyd, kritisiert sowohl die EU als auch die deutsche Politik scharf.
Damit ist âJournal. Tagebuch in Zeiten der Pandemieâ schon jetzt ein wichtiges Zeitzeugnis. Die letzten SĂ€tze des Buches haben jedenfalls einen ikonischen Charakter: âVielleicht ist es das, was wir retten mĂŒssen in die Zeit danach: die Praxis der politischen Kritik, aber eben auch die Lust am Ausprobieren neuer, anderer Formen der Gemeinschaft. Vielleicht ist es das, was wir aufbewahren mĂŒssen von diesem Jahr, die Erfahrung der wechselseitigen Verwundbarkeit und der unbedingten, kostbaren SolidaritĂ€t. Vielleicht ist es das, was bleiben muss, die Aufmerksamkeit fĂŒr die internationalen Verbindungen. Vielleicht es das, was wir nicht vergessen dĂŒrfen, dass diese Pandemie eben auch eine historische Schwelle bedeutet, aus der sich groĂzĂŒgiger, inklusiver, gerechter, leidenschaftlicher als Gesellschaft hervorgehen lĂ€sst.â

