„Ich hatte eine N****puppe, die sah genauso aus wie du“

Rassismus an luxemburgischen Schulen gibt es nicht? Eine Foto-Serie auf den sozialen Netzwerken bricht das Schweigen über Diskrimination im Schulwesen.

Copyright: Andy Schammo

„Als ich klein war, hatte ich eine N****puppe, die sah genauso aus wie du.“* Das Zitat stammt von einem Geographie-Lehrer aus dem Athenée in Luxemburg. Zu der Aussage gibt es ein Bild von einem schwarzen Menschen, der sich den Satz in der Schulbank anhören musste. Seine Erfahrung ist kein Einzelfall. „Wir sprachen in der Grundschule in Oberkorn über das klassische und das technische Gymnasium. Ich sagte, dass ich das klassische Gymnasium besuchen will. Der Lehrer antwortete lachend: ‚Glaubst du, mit der Hautfarbe schaffst du es ans klassische Gymnasium?‘“ Dazu ein Foto einer weiteren schwarzen Person, die Opfer von Rassismus an luxemburgischen Schulen wurde. Beide Beiträge sind auf Facebook und Instagram unter dem Hashtag „BreakingTheSilence“ oder „BriechdeTabu“ zu sehen. Sie sind Teil einer Foto-Serie von Andy Schammo, einem Lehramt-Studenten aus Luxemburg. Er koordiniert das Projekt seit Mitte Juni.

„Ich will eine Diskussion lostreten und drauf aufmerksam machen, dass es hierzulande Probleme mit Rassismus gibt“, erklärt er seine Beweggründe. „Im Idealfall begreift das Lehrwesen das und setzt sich nachhaltig gegen Diskriminierung ein.“ Der Student, der sich seit längerem unter anderem für Menschenrechte und gegen die Ausbeutung durch Großkonzerne einsetzt, sprach anfangs Betroffene aus seinem Bekanntenkreis auf das Thema an. Inzwischen gehen auch Fremde mit ihrer Geschichte auf Schammo zu. Sie haben durch die veröffentlichten Beiträge Mut gefasst, ihre Erfahrungen öffentlich zu teilen. Bisher sind zwei Beiträge online. Schammo postet wöchentlich einen Beitrag. Ein Ende ist ist nicht in Sicht.

In den Kommentaren unter den Beiträgen taucht die alte Leier von wegen „Bei uns war das aber nicht so“, „Das glaube ich nicht“, „Manche luxemburgische Schüler aus niedrigen sozialen Klassen werden auch diskriminiert“ oder aber die Verteidigung des luxemburgischen Schulpersonals auf. Schammo betont, dass er letzteres mit seiner Aktion nicht kollektiv an den Pranger stellen will. „Die Aktion soll darauf aufmerksam machen, dass es Missstände an unseren Schulen gibt und unser System dem keine Rechnung trägt“, erklärt er. „Die Akteure können frei und unbemerkt handeln und lassen den Berufsstand in Verruf geraten, wenn es dann doch jemandem auffällt. Wir alle müssen uns fragen, ob wir weiterhin schweigen oder aber unsere Stimmen erheben wollen, um die Missstände anzusprechen und sie künftig zu vermeiden.“

Die Schule müsse zum Auftrag haben, der Entstehung diskriminierender Denkmuster vorzubeugen und sie zu unterbinden. Außerdem sei es wichtig, diejenigen zu schützen, die den Mut haben über ihre Erfahrungen zu sprechen – nicht die, die rassistisch und diskriminierend handeln. „Wir werden im Studium für das Thema sensibilisiert“, sagt Schammo. „Ich wünsche mir, dass alle unsere Schulen ein Anti-Diskriminierungsprogramm einführen, dessen Inhalte in den Alltag einfließen, statt nur punktuell über die Themen zu sprechen.“ Schammo weist darauf hin, dass es verschiedene Formen von Diskriminierung und Fremdenfeindlichkeit an den Schulen gibt und gab, die es alle gemeinsam anzugehen gilt.

Der Student begann kurz nach dem Mord an Georges Floyd durch einen Polizeibeamten in den USA mit seinem Projekt. Die unmenschliche und zutiefst rassistische Tat an Floyd löste weltweit Protestwellen gegen Rassismus aus. Auch in Luxemburg gingen die Menschen auf die Straße: Am 5. Juni versammelten sich Demonstrant*innen vor der US-Botschaft in Luxemburg und machten unter dem Slogan „Black Lives Matter“ Lärm gegen die strukturelle Gewalt gegen Schwarze. Die Medienberichte über die Situation von Schwarzen und Menschen mit Migrationshintergrund in Luxemburg nehmen seither zu, wie etwa im Tageblatt oder in der Revue. Die woxx berichtete ebenfalls bereits mehrfach über Fakten und Zahlen zur Lage. Wütende Patriot*innen und Nationalist*innen können das abstreiten so oft sie wollen: Luxemburg ist in dem Zusammenhang alles andere als ein Musterschüler. „Es kann nicht sein, dass es bis zu fünf Generationen braucht, bis Menschen hierzulande nicht mehr aufgrund ihrer Herkunft diskriminiert werden“, hält Schammo fest.

Betroffene können sich via Instagram in einer Direktnachricht an @nd.schammo bei Andy Schammo melden.

*Die Autorin dieses Artikels hat sich gegen die Ausschreibung rassistischer Wörter entschieden. Nicht, weil sie das Thema an sich tabuisiert, sondern weil sie es ablehnt, rassistische Sprache zu replizieren.


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