Im Kino: Nomadland

Was heißt „Heimat“ eigentlich? Die Regisseurin Chloé Zhao erzählt in „Nomadland“ von modernen Nomad*innen in den USA. Ein berührender Film – ohne moralischen Zeigefinger, dafür aber mit starken Frauenfiguren.

Fern (Frances McDormand) ist eine sechzigjährigen Nomadin, die sich mit Erinnerungen und Verlusten auseinandersetzen muss. (Quelle: otakukart.com)

„Home, is it just a word? Or is it something that you carry within you?”, prangt als Tattoo auf dem Unterarm einer Arbeitskollegin von Fern (Frances McDormand). Was nach abgedroschenen Kalendersprüchen oder billiger Wanddeko klingt, gewinnt in „Nomadland“ an Bedeutung. Die Regisseurin Chloé Zhao porträtiert in ihrem Film Nomad*innen, deren Zuhause Amerikas Straßen sind. „Nomadland“ basiert auf dem gleichnamigen Sachbuch von Jessica Bruder aus dem Jahr 2017. Die Journalistin untersucht darin das Phänomen amerikanischer Senior*innen, die nach der Großen Rezession auf der Suche nach saisonaler Arbeit zu Nomad*innen wurden.

Ferns Geschichte beginnt mit zwei Verlusten: dem Tod ihres Ehemanns und der Auflösung ihres Wohnorts, der Arbeiter*innensiedlung Empire im US-Bundesstaat Nevada. Die Firma United States Gypsum Corporation unterhielt dort bis 2011 Gipsbergwerke. Mit der Schließung des Werks ging der Zerfall der Siedlung einher. Fern ist sechzig, als sie den gespenstischen Ort verlässt und in ihrem Transporter Vanguard das Weite sucht. Sie hält sich mit Gelegenheitsjobs über Wasser. Im Winter arbeitet sie für den Versandriesen Amazon, im Sommer schrubbt sie auf Campingplätzen Toiletten, zwischendurch packt sie in einem Restaurant oder bei der Kartoffelernte mit an.

Das alles erzählt Zhao, ohne einen offen sozialkritischen Kommentar abzugeben. Fern und ihre Kolleg*innen debattieren in Amazons Kantine weder über prekäre Arbeitsbedingungen noch darüber, ob ihre Situation ausgenutzt wird. Auch wenn Fern bei ihrer Familie zu Besuch ist, kommt nur kurz Kritik an Immobilienhaien und teuren Wohnräumen auf. Allgemein sieht die Filmemacherin vom erhobenen Zeigefinger ab.

Foto: DR

Stattdessen konzentriert sie sich auf ihre vorwiegend weiblichen Figuren. Das zahlt sich aus. Selten waren so kernige, authentische und interessante Frauenfiguren über sechzig auf der Leinwand zu sehen. Zhao stellt mit Fern, Swankie und Linda Charaktere in den Mittelpunkt, deren Reife maßgeblich zur Komplexität des Films beiträgt. Es sind Frauenfiguren, die Lebenserfahrung und Kraft vermitteln. Ohne das Alter zu romantisieren, es humoristisch oder desillusionierend zu inszenieren.

Swankie und Linda sind übrigens keine Schauspielerinnen: Beide Frauen, genauso wie der Nomad*innen-Guru Bob Wells, haben tatsächlich keinen festen Wohnsitz. Ob sie sich inzwischen irgendwo niedergelassen haben, ist unbekannt. In „Nomadland“ spielen sie sich selbst, wobei Zhao ihre Lebensgeschichte um fiktionale Details ergänzt hat.

Doch es sind nicht nur die Laiendarsteller*innen, die dem Film zum Realismus verhelfen. Es ist das allgemeine Setting: Zhao zeigt ihre Figuren auf dem Klo, zeigt Tränen, Falten, tätowierte Arme, spießige Familienmitglieder, zeigt Schmerz und Verlust. Auch wenn sie besonders das Gemeinschaftsgefühl zwischen den Nomad*innen in Szene setzt, verschönert sie das Leben auf Rädern nicht. Die Figuren kämpfen auch mit Krankheit, bedrückender Einsamkeit, Erinnerungen und Motorschäden, die für Nomad*innen besonders verheerend sind.

Wer sich „Nomadland“ anschaut, sollte sich Zeit für Details und Bilder nehmen. Einen Spannungsbogen, eine ereignisreiche Erzählung bietet Zhao nicht. Sie erhielt Anfang März zwei „Golden Globes“ (Bestes Filmdrama, Beste Regie) für den Film. „Nomadland“ ist außerdem mehrfach für die Oscars 2021 nominiert. All das ist nachvollziehbar – es ist ein leiser Film, der einen emotional umhaut. Vielleicht, weil es um dieses große Wort „Heimat“ geht, das in seiner Fülle weder auf einen Unterarm noch auf ein Kalenderblatt passt.

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Bewertung der woxx : XXX


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