Klimaproteste: Schnell erwachsen geworden

Von einer Schüler*innendemo zu einer Kraft, die breite Bündnisse aufbaut – Youth for Climate hat sich rasant entwickelt. Nun stellt sich die Frage, in welche Richtung die Bewegung will.

Für die Klimademos 
vom 20. und 27. September wird kräftig mobilisiert, besonders in den Schulen. (Fotos: woxx/ja)

„Krise.“

Ich muss etwas verwirrt geschaut haben, die Klimaaktivistin erklärt sich nämlich gleich: „Du hast Klimawandel gesagt. Aber der Begriff ist Klimakrise.“

Eigentlich habe ich kein Problem mit politisch korrekter Sprache und seit der britische Guardian ebenfalls von „Climate crisis“ spricht, gibt es für woxx-Journalist*innen auch keinen Grund mehr, die eigene Sprache nicht der bedrohlichen Realität anzupassen.

Die Entwicklung der Klimabewegung ist in den letzten Monaten rasant fortgeschritten. Youth for Climate hat sich in kürzester Zeit von einer recht chaotischen Schüler*innenbewegung zu jener Kraft entwickelt, die ein großes Bündnis mit NGOs und Gewerkschaften auf die Beine gestellt hat. Auch eine lokale Gruppe von Extinction Rebellion hat sich vor wenigen Monaten gegründet und führt regelmäßig Aktionen durch.

Am vergangenen Wochenende organisierte die Gruppe im Oekozenter in Luxemburg-Stadt ein Seminar mit verschiedenen Workshops für angehende Aktivist*innen. Neben Trainings, bei denen Kommunikationstechniken oder etwa Taktiken für gewaltfreien Widerstand geprobt wurden, standen auch Yoga und Meditation auf dem Programm. Eine*r der Trainer*innen, Shan, ist extra aus Schottland angereist – mit dem Zug natürlich. Wir unterhielten uns über die noch junge Klimabewegung, über die Entwicklung, die sie in den letzten Monaten durchgemacht hat und auch über den Klimakrise-Begriff.

Wessen Krise?

„Es ist nicht unumstritten, den Begriff Krise zu benutzen. Für viele Menschen im globalen Süden ist es schon viel länger eine Krise. Aber jetzt, wo europäische Aktivist*innen die Konsequenzen der globalen Erwärmung auch spüren, reden wir plötzlich von Krise?“, sagte Shan dazu.

Es gibt innerhalb der Klimabewegung ohnehin viel zu diskutieren. Wird es reichen, jeden Freitag auf die Straße zu gehen? Sind direkte Aktionen des zivilen Widerstands, so kontrovers sie auch sein mögen, effektiver – oder muss gar zu noch härteren Mitteln gegriffen werden? Außerdem stellen sich Fragen zu den Forderungen und letztendlich auch den Zielen. In Deutschland gab es bereits vereinzelt Streit und Spaltungen, weil manche Akteur*innen innerhalb der Bewegung vermeintlich zu linksradikal agierten.

„Jetzt steht die Bewegung im Rampenlicht, alle Medien wollen mit ihnen reden. Aber das wird nicht immer so sein, wenn sie immer die gleichen Methoden einsetzen. Deswegen ist es wichtig, sich zu überlegen, wie die Bewegung wachsen kann und ob sie ihre Aktionsformen nicht eskalieren muss, um weiterhin im Rampenlicht zu bleiben“, meinte Shan.

Zwei Tage später, am gleichen Ort: Das „United for Climate Justice“-Bündnis präsentiert auf einer Pressekonferenz die Klima-Aktionswoche. Vom 20. bis 27 September wird während der „Week for Future“ mit Demonstrationen, Aktionen und anderen Veranstaltungen auf die Dringlichkeit, endlich politisch etwas gegen die Klimakrise zu unternehmen, hingewiesen. Auf dem Podium sind nicht nur Aktivist*innen von Youth for Climate und Extinction Rebellion, sondern auch Mitglieder von Gewerkschaften und jenen NGOs, die sich zu Votum Klima zusammengeschlossen haben.

Klimakatastrophe überall, Gerechtigkeit nirgendwo

Die Initiative, ein breites Bündnis zu schließen und gemeinsam gegen die Klimakrise auf die Straße zu gehen, kam von den Jugendlichen. Dass sich neben den vielen bereits klima-aktiven NGOs auch drei Gewerkschaften – OGBL, LCGB und Landesverband – und Amnesty International angeschlossen haben, ist kein kleiner Erfolg. Insgesamt sind es 34 Organisationen – elf einzelne und das Bündnis Votum Klima, in dem sich 23 einzelne NGOs wiederfinden.

Der Zusammenschluss zeigt nämlich, wie sehr die Klimakrise durch die Proteste der Jugendlichen auf die Agenda gerückt ist. Das könnte für die Politik durchaus unangenehm werden, gerade auch in Luxemburg, wo déi Gréng bisher eigentlich den Eindruck vermitteln wollten, dass sie die Umwelt des Landes und das Klima der Welt erfolgreich schützen könnten.

Die Organisationen, die am 27. September unter dem Motto „United for Climate Justice“ demonstrieren werden, fordern die Regierung dazu auf, den Klimanotstand auszurufen und künftig jede politische Entscheidung unter diesem Vorzeichen zu treffen. „Wir teilen die Klimaziele der Regierung, aber es fehlen konkrete Maßnahmen. Wir hoffen, dass der Klima- und Energieplan, der am Ende des Jahres in Brüssel präsentiert werden muss, das erfüllt. Wenn wir nicht schnell auf die Klimakrise reagieren, werden wir in allen anderen Politikbereichen versagen“, betonte Raymond Aendekerk von Votum Klima.

Die zweite Forderung ist die namensgebende Klimagerechtigkeit. Die Ungleichheiten zwischen den Generationen, zwischen dem globalen Norden und dem globalen Süden und zwischen Arm und Reich seien alle mit der Klimakrise verbunden, heißt es im Pressetext von United for Climate Justice. Die Aktivist*innen von Youth for Climate betonen, dass Luxemburg dabei als wichtiger Finanzplatz eine besondere Rolle spielt. „Luxemburg muss die globale Steuerflucht unterbinden und dafür sorgen, dass es zu einem Divest aus Industrien mit hohem CO2-Ausstoß kommt.“

So wie sich die Bewegung von einem Schüler*innenstreik rasant zu einem gewaltigen vereinigenden Motor der luxemburgischen Zivilgesellschaft entwickelt hat, so haben sich auch die Jugendlichen, die sich in ihr engagieren, seitdem politisch weiterentwickelt. Standen im März in Gesprächen mit den Aktivist*innen noch oft individuelle Lösungen für den Umgang mit der Klimakrise im Vordergrund, so ist jetzt stets klar, dass die Politik und die Industrie am Zug sind.

Systemwechsel statt Joghurtmaschine

„Dieses individuelle Denken muss gestoppt werden, denn ein Individuum kann nicht viel ändern. Wir sind mit unserem Verhalten höchstens für 30 Prozent der Emissionen verantwortlich – der Rest ist die Industrie“, sagt Julien, der sich zuerst bei Youth for Climate engagiert hat und mittlerweile auch an Aktionen von Extinction Rebellion teilnimmt. Die Klimakrise auf struktureller, systemischer Ebene zu sehen, ist aber eine Entwicklung, die in den letzten Monaten nicht nur Jugendliche durchgemacht haben.

Auch die Sekundarschullehrerin Natasha, die sich bei Extinction Rebellion engagiert, berichtet davon: „Früher dachte ich, es bringt etwas, wenn ich meinen Abfall trenne. Aber in Wirklichkeit können wir halt so viel über Papierstrohhalme diskutieren, wie wir wollen, wenn die Politik nichts macht, bringt das alles nichts.“ Die Botschaft ist aber nicht unbedingt bei der Politik angekommen, wie eine Aussage von Premierminister Xavier Bettel zeigt. Der hatte beim Treffen mit Youth for Climate gesagt, er habe sich eine Joghurtmaschine gekauft, um nicht so viele Plastikbecher zu verbrauchen.

Die Klimaaktivist*innen, die am heutigen Freitag mit ihrer Demo den Auftakt der Aktionswoche machen – und sich in einer Woche vom Rest der Gesellschaft unterstützt sehen wollen – stellen die Systemfrage. „Wenn die Politik feststellt, dass wir in diesem System die Klimakrise nicht lösen können, müssen wir das System ändern. Wir sind dafür, dass das möglichst sozial gerecht gestaltet wird“, drückte es eine Aktivistin aus. Mit selbstgemachtem Joghurt alleine wird das jedenfalls nicht gelingen.

Informationen über 
alle Aktionen, die im Rahmen der 
„Week for Future“ stattfinden, können Sie unter woxx.eu/weekforfuture nachlesen.

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