LGBTIQ: Flucht unter ‹den Regenbogen

von | 01.03.2018

Ob vor Krieg oder Verfolgung – LGBTIQ-Personen mĂŒssen oft aus ihrem Heimatland flĂŒchten. Wie sieht ihre Situation in Luxemburg aus?

Queere oder LGBTIQ-GeflĂŒchtete ziehen meistens kein sehr großes mediales Interesse auf sich. KriegsflĂŒchtlinge dominieren die öffentliche Wahrnehmung, wĂ€hrend andere GrĂŒnde, aus denen Menschen um Asyl ansuchen, weniger beachtet werden. Allerdings verlangen LGBTIQ-Personen nicht notwendigerweise deshalb Asyl oder subsidiĂ€ren Schutz, weil sie in ihrem Heimatland wegen ihrer sexuellen Orientierung oder ihrer IdentitĂ€t verfolgt wurden. Vor Krieg und Terror flĂŒchten und zugleich schwul, lesbisch oder trans sein kann ebenso RealitĂ€t sein.

Wie viele LGBTIQ-Schutzsuchende es in Luxemburg gibt, dazu liegen keine offiziellen Zahlen vor. „Wir erfassen diese Daten nicht statistisch“, heißt es in einer Stellungnahme des Außenministeriums, dem der „Service RĂ©fugiĂ©s“ unterstellt ist. „Von Ende 2015 bis 2017 hatten wir mit 44 queeren GeflĂŒchteten Kontakt, die meisten von ihnen waren schwule MĂ€nner“, erklĂ€rt Enrica Pianaro vom Cigale.

Das Beratungszentrum fĂŒr Schwule und Lesben, das von der Organisation „Rosa LĂ«tzebuerg“ betrieben wird, hat seit den großen FlĂŒchtlingsbewegungen von 2015 ein spezielles Angebot fĂŒr LGBTIQ-FlĂŒchtlinge, das sich „Queer Refugees Welcome“ nennt. Einmal in der Woche, donnertags von 16 bis 18 Uhr, ist Gelegenheit zum Austausch. „Einerseits können praktische Fragen wie beispielsweise zum Asylantrag oder einer Transportkarte diskutiert werden, andererseits können Kontakte geknĂŒpft werden“, erlĂ€utert Pianaro. FĂŒr FlĂŒchtlinge, die fernab der Hauptstadt, wo das Cigale seinen Sitz hat, untergebracht sind, ist der Termin nicht ganz optimal, weil Essenszeiten eingehalten oder Kurse besucht werden mĂŒssen.

„In letzter Zeit kommen viele auch zu unseren allgemeinen Öffnungszeiten fĂŒr eine individuelle Beratung, etwa wenn sie Probleme in ihrer Unterkunft oder Fragen zum Coming-Out haben. Manche kommen aber auch nur, um einen Kaffee zu trinken oder Hallo zu sagen“, so Pianaro. Den offiziellen Fluchtgrund der Personen erfragt Cigale nicht automatisch, meistens hĂ€ngt der jedoch mit der Situation im Herkunftsland zusammen.

Wer um Asyl nachfragt, muss den Fluchtgrund irgendwie belegen können. Zur ÜberprĂŒfung der Stichhaltigkeit dieser Belege werden immer wieder zweifelhafte Methoden benutzt. JĂŒngst verurteilte der EuropĂ€ische Gerichtshof etwa Ungarn wegen unzulĂ€ssiger psychologischer Gutachten, mit denen die sexuelle Orientierung eines Asylbewerbers ermittelt werden sollte.

In Luxemburg können LGBTIQ-GeflĂŒchtete „wĂ€hrend eines Interviews in intimer AtmosphĂ€re darlegen, weswegen sie ihr Land verlassen mussten, und ihren Alltag als LGBT beschreiben“, heißt es vonseiten des Ministeriums. Alle Interviewer*innen hĂ€tten eine spezielle Ausbildung im Bereich „Gender, Gender Identity and Sexual Orientation“ des European Asylum Support Office absolviert. „Wir bekommen immer wieder Beschwerden, dass diese Interviews nicht sehr positiv ablaufen und merkwĂŒrdige Fragen gestellt werden“, sagt Enrica Pianaro vom Cigale dazu. Konkrete Beispiele will sie nicht nennen, um die betreffenden Personen zu schĂŒtzen.

Schnellere Prozeduren gibt es fĂŒr FlĂŒchtlinge aus sogenannten „sicheren DrittlĂ€ndern“. Luxemburg stuft auch Ghana und Senegal als solche ein – in beiden LĂ€ndern ist jedoch HomosexualitĂ€t illegal und wird mit GefĂ€ngnis bestraft. In Ghana gibt es laut Amnesty International sogar PlĂ€ne, diese Gesetze noch zu verschĂ€rfen. Aber auch da, wo auf dem Papier jede Diskriminierung abgeschafft ist, kann das gesellschaftliche Klima sehr homo- und transfeindlich sein, zum Beispiel in bestimmten BalkanlĂ€ndern. „Wir hören zwar immer wieder vom Ministerium, dass jeder Fall einzeln angeschaut wird, aber es gab auch schon Personen, die sich bei uns gemeldet hatten und nach ein oder zwei Wochen wieder verschwunden waren“, so Pianaro. GrundsĂ€tzlich ist es schwierig, Beweise wie Fotos mit gleichgeschlechtlichen Partner*innen zu sammeln, wenn jedes Zusammensein unter der Drohung der Repression steht.

Die Repression kann sich in den FlĂŒchtlingsstrukturen fortsetzen. „Uns wird regelmĂ€ĂŸig von GeflĂŒchteten berichtet, daß sie gemobbt werden oder sich unwohl fĂŒhlen. Besonders betroffen sind Menschen, deren Geschlechtsausdruck (gender expression) nicht dem klassischen Bild von Mann und Frau entspricht, wie zBs. MĂ€nner, die sich femininer geben.“, berichtet Pianaro. Das Cigale meldet solche FĂ€lle dem Olai – die Struktur des Familienministeriums kĂŒmmert sich um die Integration. „Wenn es Probleme gibt, versucht das Olai alles zu tun, um die Person zu schĂŒtzen oder die Diskriminierung zu unterbinden“, so das Außenministerium. In den Integrationskursen werde auch proaktiv das Thema DiversitĂ€t vermittelt.

Der Forderung, ein Quartier speziell fĂŒr LGBTIQ-GeflĂŒchtete einzurichten, hatte Premierminister Bettel im April 2016 eine Abfuhr erteilt – er hielt eine Trennung nicht fĂŒr sinnvoll. Pianaro hĂ€lt dagegen: „Ich finde, man sollte das ausprobieren, zumindest fĂŒr jene GeflĂŒchteten, die danach fragen. In Berlin gibt es eine solche Struktur, und die funktioniert ganz gut. LGBTIQ-Menschen sind sehr divers, eine ‚Ghettoisierung‘ ist also nicht zu befĂŒrchten“. Cigale und Rosa LĂ«tzebuerg wollen die Situation von LGBTIQ-GeflĂŒchteten in Luxemburg auch im Zuge ihrer Forderungen zu den kommenden Wahlen thematisieren.

Es ist nicht das erste Mal, dass sich die woxx mit dem Thema LGBTIQ-GeflĂŒchtete auseinandersetzt: Unter dem Titel Unsichtbar bedeutet nicht geschĂŒtzt
 haben wir die Problematik letztes Jahr schon einmal beleuchtet. Über die Arbeit von Cigale können Sie im Interview „Homo- und Trans*phobie: Die Grenzen der Akzeptanz“ mehr erfahren.


LGBTIQ

Die AbkĂŒrzung steht fĂŒr lesbische, schwule (gay), bisexuelle, trans, intergeschlechtliche und queere Personen. Die ersten drei Labels beschreiben die sexuelle Anziehung. Trans-Personen haben ein anderes Geschlecht als dasjenige, das ihnen bei der Geburt zugeschrieben wurde. Inter Personen passen chromosomal, hormonell oder anderweitig körperlich nicht in das gesellschaftliche Bild von mĂ€nnlichen und weiblichen Körpern. Queer wird als politischer Sammelbegriff sowohl fĂŒr nicht heterosexuelle Begehrensformen als auch fĂŒr IdentitĂ€ten, die nicht in das binĂ€re Mann/Frau-Schema passen, benutzt.

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