LuxFilmFest: Ray & Liz

Ray & Liz“ zeigt Ausschnitte eines verkorksten Familienlebens. Zwischen Gewalt, subtilen Dramen und Hundepisse in Großaufnahme, entsteht ein Meisterwerk des Kunstfilms.

© Rob Baker Ashton

Es fällt schwer, einen Film mit Worten zu beschreiben, der selber mit wenig Dialog und Sprache auskommt. Die Gesichte der Familie Billingham wird kleinteilig erzählt. Es geht nicht um das große Ganze, sondern um konkrete Schlüsselmomente, um prägende Erinnerungen. Der Regisseur, Richard Billingham, hat ein Auge für Details: für die Fruchtfliegen, den Adamsapfel des Trinkers Ray, die dreckigen Fingernägel der resoluten Liz; für die Hundepisse, die über einen Briefumschlag läuft; für das Sonnenlicht, das durch die Bordüre der Vorhänge fällt; und für das dickflüssige Erbrochene, das vom Sofarand tröpfelt. Es ist eine Ästhetik des Tragischen. Die bildliche Sezierung des Alltags kommt nicht von ungefähr. Billingham schoss in den frühen 1990er-Jahren Fotoporträts seines Vaters Ray, die er als Malvorlage nutzte. Mit der Zeit wuchs sein Interesse an den Fotografien, an ihrer Komposition, der Stimmung, der Textur und der Form. Langsam entstand die Idee sie filmisch umzusetzen.

Biographie, Zeitsprünge und Schuhcreme

Billingham erzählt seine eigene Geschichte, nämlich die seiner Kindheit und Jugend in einem Außenbezirk von Birmingham. Der Alltag der Familie Billingham ist von dichtem Zigarettenrauch und Geldsorgen, später auch von Alkohol geprägt. Liebe, Wärme oder Zuwendung sucht man in den Wohnräumen mit abgerissenen Tapeten und etlichen Haustieren vergeblich. Die erleben die Brüder – Jason und Richard – nur außerhalb der Wohnung.

Die Erzählung verläuft nicht linear. Drei Erzählstränge, die verschiedene Lebensphasen referieren, wechseln sich mehrmals ab. Es sind lose Einzelaufnahmen. Man beobachtet den gealterten Ray, der in seinem Schlafzimmer Alkohol aus PET-Flaschen, alternativ auch aus einem Messbecher, trinkt. In einer anderen Sequenz bricht die junge Familie Billingham ohne das zweijährige Nesthäkchen Jason zum Schuhkauf auf und findet letzteren bei der Rückkehr mit Schuhcreme im Gesicht und einem Brotmesser in der Hand zuhause vor. Der dritte Einblick: Passagen aus Jasons Alltag, inzwischen Grundschulkind, der nach einem Abend am Lagerfeuer mit Freunden eine folgenreiche Nacht in einem Geräteschuppen verbringt. Gewalt (verbaler, psychischer und physischer Natur), Lustlosigkeit, Apathie, Verdruss und das Nichtstun sind zentrale Motive jeder einzelnen Sequenz. Durch deren Zusammensetzung und den detaillierten Porträts der überragend gut gespielten Figuren, wird man in den Sog aus Negativität und Härte hineingezogen. Man kann den Muff der Samtsofas und den kalten Zigarettenrauch riechen. Und muss über manche Szenen lachen, weil sie trotz Tragik komisch sind. Ebenso wie es das reale Leben auch oft ist.

Nicht „Everybodyʾs Darling“

„Ray & Liz“ ist kein Film, der durch Spannung ein breites Publikum begeistern will. Er nimmt sich Zeit, die einzelnen Szenen aufzubauen und verzichtet auf ausgefeilte Handlungsbögen. Kritische Stimmen könnten sagen: Man hätte die Geschichte auch in zwanzig Minuten erzählen können. Doch der Film ist nicht darauf erpicht, die Erzählung voranzutreiben, sondern darauf Eindrücke zu vermitteln. Darauf, eine Atmosphäre zu schaffen, einem das Gefühl für den Lebensraum der Billinghams zu geben – und einem nahezulegen, was es heißt, ein Leben in emotionaler Armut und mit vorgelebter Perspektivlosigkeit auszuhalten.

Es ist ein intimes Porträt einer Familie, frei von gängigen Klischees. Es ist nicht der Trinker, der gewalttätig ist. Es ist die Mutter Liz, die ihren Schwager mit Stöckelschuhen verprügelt oder ihren Ehemann zur Sau macht. Die Söhne Jason und Richard geraten wegen der Familienverhältnisse nicht auf die schiefe Bahn, wie man vielleicht vorschnell vermuten mag. Billingham selbst sagte in einem Statment: „It was not my intention to shock, to offend, sensationalise, or be political, only to make work that is truthful. Ray & Liz is a natural progression from previous photography and video work about my family.“ Nein, es gibt keine Sensation. Das große Drama bleibt aus. Das liegt vielmehr in den Details und in den Reaktionen der Charaktere auf bestimmte Situationen. Man ist versucht, von Kunst zu sprechen: Der Kunst, mit wenig so viel zu sagen.

Der Film erhielt mehrere Auszeichnungen, unter anderem beim Batumi International ArtHouse Film Festival (Grand Prix) und den British Independent Film Awards (Douglas Hickox Award – Best Debut). Dass Auszeichnungen nicht immer maßgebend für die Beliebtheit beim Publikum sind, zeigte sich bei der Erstvorführung des Films beim Luxembourg City Filmfestival im Ciné Utopia: Gleich mehrere Leute verließen den Kinosaal während des Films. Warum, das kann man nur vermuten. Ein Moderator hatte bereits vor dem Screening angedeutet, der Film sei für manche Menschen, die ähnliche Privatsituationen erlebt hätten, schwer erträglich.

„Ray & Liz“ läuft im Rahmen des Luxembourg City Filmfestivals am 12. März, um 20:30 Uhr, sowie am 13. März, um 14 Uhr, in der Cinémathèque.


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