Marielle Heller: Sorry Not Sorry

„Can You Ever Forgive Me?“ ist eine hervorragend inszenierte und gespielte schwarze Komödie über real begangene Verbrechen. Der Film gibt zudem Melissa McCarthy die Gelegenheit, ihr beeindruckendes Talent als Drama-Schauspielerin unter Beweis zu stellen.

Um ihre Fälschungen anzufertigen, hat sich Lee Israel zahlreiche Schreibmaschinen angeschafft. (Fotos: outnow.ch)

New York, 1991: Lee Israel liebt es nicht nur, sich als jemand anderen auszugeben, sie ist auch ausgesprochen gut darin. Privat spielt sie Telefonstreiche, professionell schreibt sie Biografien über andere Menschen.

Der Film „Can You Ever Forgive Me?“, 
der auf Israels gleichnamigen Memoiren beruht, vermittelt ohne Umschweife, weshalb die damals anfang fünfzigjährige Frau so ist, wie sie ist: Sie versteckt sich, um anderen so wenig Angriffsfläche zu bieten wie nur möglich. Israel ist nämlich alles andere als ein glücklicher Mensch. In den 1970er und 1980er-Jahren war die 2014 verstorbene eine recht erfolgreiche Schriftstellerin. Eines ihrer Bücher landete sogar auf der Bestsellerliste der New York Times. Doch nachdem das dritte Werk, eine 1985 erschienene Biografie über Estée Lauder, floppt, geht es für sie persönlich und finanziell nur noch bergab. Die meiste Zeit verbringt sie damit, andere Menschen anzumotzen oder ihnen, falls möglich, ganz aus dem Weg zu gehen. Sie achtet weder auf sich selbst, noch auf ihr Eigentum. Die Wohnung der Alkoholikerin ist in einem desolaten Zustand. Am liebsten verbringt sie ihre Zeit alleine zu Hause mit ihrer Katze.

Der Ratschlag ihrer Agentin (Jane Curtin): Mach dir einen Namen als Schriftstellerin und sei netter zu anderen Leuten. Israel weiß, dass das eine nicht ohne das andere geht. Sie ist sich aber auch sicher, besonders letzteres Ziel nicht umsetzen zu können. Sie müsste schon einen Weg finden, um ihr Talent für sich selbst sprechen zu lassen – völlig losgelöst von ihrer Person. In ihrer Verzweiflung beginnt sie, persönliche Briefe von Schriftsteller*innen zu stehlen und zu fälschen, und kassiert für die meisten mehrere hundert Dollar ein. Zum ersten Mal seit Langem kommt Israel nicht nur kreativ auf ihre Kosten, sie sieht auch wieder einen Sinn in ihrem Leben; ihr eigener Hochmut entgeht ihr dabei völlig. 400 Fälschungen produziert sie insgesamt, bevor das FBI auf sie aufmerksam wird. Ihr Komplize ist der obdachlose Schwindler Jack Hock (Richard E. Grant). Bei den beiden lässt sich nie so recht sagen, ob sie befreundet oder nur voneinander abhängig sind. Was sie eint, ist ihre Außenseiterstellung, dies unter anderem auch aufgrund beider Homosexualität.

„You can be an asshole when you’re famous, but as an unknown you can’t be such a bitch, Lee.“ Mit dieser Aussage bringt Israels Agentin mit wenigen Worten auf den Punkt, worum es in „Can You Ever Forgive Me?“ geht: Wie andere Menschen dich wahrnehmen und was sie dir durchgehen lassen, hängt wesentlich davon ab, wer du bist. Ist der Ratschlag der Agentin auf Israels Persönlichkeit gemünzt, so ist er nicht weniger zutreffend, wenn es um künstlerische Errungenschaften geht. Als Lee Israel verdient die Schriftstellerin mit ihren Texten kein Geld, gibt sie sich jedoch als ein*e etablierte*n Künstler*in aus, wird ihr das Geld förmlich hinterhergeschmissen.

Israels Taten waren eindeutig illegal. Dennoch werfen ihre Gaunereien einige interessante Fragen auf: Ist es möglich, Talent vorzugaukeln? In welchem Maße ist der Wert, der einem Werk beigemessen wird, abhängig vom Namen, der draufsteht? Können wir jemals mit hundertprozentiger Sicherheit sagen, dass Werke verstorbener Künstler*innen „echt“ sind? Wird bei Biografien nicht immer auch ein wenig dazu erfunden? Was haben Artefakte wie persönliche Briefe überhaupt noch mit der Kunst einer Person zu tun?

Wem zahlreiche aufgeworfene, aber letztlich unbeantwortet bleibende Fragen als Grund für einen Kinobesuch nicht ausreichen, den werden sicherlich Melissa McCarthys und Richard E. Grants beeindruckende, oscarnominierte Schauspielleistungen überzeugen können. Auch das ausgezeichnete Drehbuch von Nicole Holofcener und Jeff Whitty ist nominiert. Während erstere sich in der Indie-Filmszene vor allem mit Filmen wie „Enough Said“ (2013) und ihrer Mitarbeit an Serien wie „One Mississippi“ und „Parks and Recreation“ einen Namen gemacht hat, war Whitty bei „Can You Ever Forgive Me?“ zum ersten Mal als Drehbuchautor tätig. Dank ihrer ist der Film weniger ein Krimi als eine nuancierte Charakterstudie über die Protagonistin.

Im Kinepolis Kirchberg. Alle Uhrzeiten finden Sie hier.

Bewertung der woxx : XXX


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