Martine Kemp (CSV): „Es geht nicht, dass Zug fahren teurer ist als fliegen“

Martine Kemp ist die jüngste Kandidatin auf der Europa-Liste der CSV. Die Ingenieur-Studentin wurde von der CSJ nominiert.

Foto: woxx

woxx: Sie haben Ihr Studium „Traffic and Transport“ zu einer Art Leitfaden Ihres politischen Programms gemacht. Was muss in Europa alles in Sachen Transportpolitik passieren? 


Martine Kemp: Im Straßenverkehr denke ich an das jüngste „Mobility Package“. Es geht dabei unter anderem um strengere Sicherheitskonzepte, die helfen, Verkehrstote zu vermeiden. Hier hat es sicher Fortschritte gegeben, aber wir zählen immer noch 25.000 Verkehrstote im Jahr. Bis 2050 wollen wir hier eine Null schreiben können. Im Bereich des Schienenverkehrs geht es um eine Standardisierung des ganzen Systems. Jedes Land kocht hier sein eigenes Süppchen: Obwohl das sehr gute Sicherheitssystem ETCS entwickelt wurde, kommen unterschiedliche Systeme zum Einsatz. Es gibt abweichende Spurweiten und verschiedene Stromsysteme. Hier müsste verstärkt zusammengearbeitet werden, auch um den Binnenmarkt noch stärker zu fördern.

Muss nicht vor allem verhindert werden, dass immer mehr Verkehr auf die Straßen verlagert wird?


Da ist gerade der Ausbau des Schienennetzes ein wichtiger Punkt. Das Zugfahren muss attraktiver werden. Man muss überall hinkommen, aber auch schneller hinkommen. Zeitverluste, etwa wegen Bremstests, müssen entfallen. Der Zug ist einfach umweltfreundlicher – sowohl beim Güter- als auch beim Personentransport.

In den 1980er Jahren wurde das Dogma der Privatisierung im Transportbereich vorangetrieben. Wie sieht Ihre Bilanz in dieser Hinsicht aus?


Ich studiere zurzeit in Deutschland und ich glaube es war wichtig, dass die Schienen nicht weiterhin von einer großen Bahngesellschaft alleine genutzt wurden, weil sonst die Preisbildung immer unattraktiver geworden wäre. Es geht nicht, dass Zug fahren teurer ist als fliegen.

Aber hat denn die Liberalisierung wirklich zu billigeren Zugfahrten geführt? 


Der Zug hat halt den Nachteil, dass er an das existierende Schienennetz gebunden ist. Deshalb stellt sich gerade im Rahmen der Liberalisierung die Frage, wer sich letztendlich um das Schienennetz, seinen Unterhalt, seine Anpassung und seinen Ausbau kümmert. Es hat sicherlich nicht alles zur Förderung der Eisenbahn beigetragen. Auf europäischer Ebene sollten wir aber Sorge tragen, dass es zu einem Ausbau des Schienennetzes kommt. Die Mitgliedsstaaten müssen besser kooperieren und verstehen, dass es im Interesse aller ist, auch wenn andere Regionen mehr davon profitieren.

Schaffen wir den Ausstieg aus einem Modell, das vor allem auf fossilen Energieträgern aufbaut?


Es ist klar, dass das nicht von heute auf morgen geht. Aber wir sehen die Alternativen, auch hier in Luxemburg. Ob Wind- oder Solarenergie, es wird immer mehr realisiert – auch wenn es teilweise zu Widerständen kommt. Eine wichtige Option bleibt aber, insgesamt weniger Energie und damit weniger Ressourcen zu verbrauchen.

Ist die Politik der aktuellen Regierung, die Akzisen auf Benzin und Diesel zu erhöhen, richtig?


In Sachen Spritpreis sind wir in Luxemburg in einer speziellen Situation. Ohne in dem Punkt unbedingt im Namen meiner Partei zu reden, glaube ich schon, dass wir etwas verwöhnt sind und nicht wissen diese Ressourcen genug zu schätzen. Wir nutzen das Auto auch für kleinste Strecken. Aber es bleibt das Dilemma, dass unser Staat von diesen Einnahmen lebt. Ein anderes Problem ist der Umstand, dass jede Verteuerung des Spritpreises vor allem jene spürbar trifft, die sowieso schon mit wirtschaftlichen Problemen zu tun haben. Wir haben durch das Wohnungsproblem gerade solche Leute dazu gezwungen, weiter außerhalb der Städte zu wohnen, wo das Auto teilweise unverzichtbar ist. Eine Energiepolitik vor allem auf den Schultern derer, die es sich am wenigsten leisten können, wäre falsch.

Eine neue Generation wirft der Politik vor, sich nicht genügend um den Klimawandel zu kümmern. Sehen Sie sich eher auf der Seite dieser jungen Menschen oder auf jener der politisch Verantwortlichen?


Ich habe nicht das Empfinden, dass diejenigen, die jetzt auf die Straßen gegangen sind, so weit von dem entfernt sind, was gerade in Europa umgesetzt wird. Das Bewusstsein verstärkt sich in allen Generationen, auch wenn die älteren nicht unbedingt dafür auf die Straße gehen. Sollte ich die Chance haben, ins Europaparlament zu kommen, würde ich mich schon als eine Art Sprachrohr für die junge Generation sehen. Es geht darum, eine bessere Verbindung herzustellen zwischen dem, was in Europa passiert, und dem, wonach die Jugend strebt. Man muss dabei aber realitätsnah bleiben.

Ihre Partei hat sich im Referendum von 2015 gegen eine Herabsetzung des Wahlalters ausgesprochen. Wird die CSV ihre Haltung hierzu irgendwann ändern?


Ich war 16 Jahre alt, als wir im Jugendparlament das Thema Wahlalter erstmals debattiert haben. Ich habe mir damals selber gewünscht, wählen gehen zu können. Dass meine Stimme ernst genommen wird. Insofern kann ich die 16-Jährigen von heute verstehen, die eine Herabsetzung des Wahlalters herbeisehnen. Wobei es ja nicht um eine Wahlpflicht, sondern ein Wahlrecht für all jene geht, die sich für Politik interessieren. Ob die CSV in zehn oder in zwei Jahren so weit sein wird – oder vielleicht nie –, das kann ich derzeit nicht sagen. Das ist ein demokratischer Prozess, der von den Menschen gestaltet wird, die in der CSV sind.

Martine Kemp (24 Jahre) schließt derzeit ihr Master-Studium „Traffic and Transport“ in Darmstadt ab. Noch als Sekundarschülerin des Fieldgen engagierte sie sich 2009 in der CSJ. Sie ist Präsidentin der CSJ Schüler a Studenten und im CSJ Nationalkomitee. In ihrer Heimatstadt Düdelingen sitzt sie für die CSV in der Jugendkommission.


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