Sackgasse Mehrsprachigkeit

Die Anpassung des Sprachengesetzes ist an sich sinnvoll. Doch warum gehen die Änderungsvorschläge hierzu in Luxemburg fast immer auf Kosten anderer Sprachen? Über zwei Petitionen und einen Sackgassen-Diskurs.

CC BY Micheal SA 2.0

„Wir sprechen eine Sprache, auch wenn sie anders klingt“, trällern Cassandra Steen und Parallel in ihrem seichten Pop-Song „Eine Sprache“. Damit liefern sie unwissentlich die Hymne zu zwei öffentlichen Petitionen zu Englisch als administrativer Sprache in Luxemburg. Im Oktober 2019 wurden innerhalb von zwei Tagen zwei unterschiedliche Petitionen zum Thema zur Unterschriftensammlung freigeschaltet. Beide wollen mehr englisch. Nur wie und warum?

Die Petition 1414 von Justin Pektus, die Ende Dezember 2019 mit zu wenigen Unterschriften für eine Parlamentsdebatte offline ging, forderte die Einführung der englischen Sprache in allen administrativen Bereichen. Jacques Werner, Initiator der Petition 1417, die noch bis zum 16 Januar läuft, schlägt vor, Englisch als administrative Hilfssprache zu deklarieren und sie in bestimmte juristische sowie administrative Bereiche einzuführen. Pektus und Werner sind sich einig, dass Englisch eine Weltsprache ist, die förderlich für den Austausch der mehrsprachigen Gesellschaft Luxemburgs mit den Behörden oder dem Gesundheitssektor sein könnte. Werner distanzierte sich jedoch vor wenigen Tagen in einem Schreiben an die Presse von den Befürworter*innen der Petition 1414. Er spricht von der „nature francophobe“ der dort angeführten Vorschläge.

Pektus bedauert in seinem Petitionstext unter anderem, dass Informationen im Gesundheitsbereich nur auf französisch kommuniziert werden. Deutsch und Luxemburgisch würden ausgeschlossen – auch deswegen soll Englisch her. Eine Studie von TNS Illres (2018) belegt, dass 98 Prozent der Ortsansässigen Französisch sprechen und 80 Prozent Englisch. Faktisch gesehen versteht und spricht die Mehrheit der Menschen, die in Luxemburg lebt, Französisch und Englisch also gleichermaßen. Fakten scheinen in der Sprachen-Debatte in Luxemburg allerdings des Öfteren nur eine untergeordnete Rolle zu spielen. Besonders in nationalistischen Kreisen.

Die Bewegung Wee 2050/Nee 2015 unterstütze und bewarb die Petition 1414 via Facebook. Warum? Weil ihre Anhänger*innen behaupten, die Mehrheit der ihnen „bekannten Luxemburger“ würde dem Französischen Deutsch, Luxemburgisch und Englisch vorziehen. „Dem administrativen Gesetz die englische Sprache beizufügen, würde mehr Möglichkeiten schaffen für Menschen, die kein Französisch oder Deutsch sprechen“, heißt es auf ihrer Facebook-Seite. Die Anzahl der in Luxemburg lebenden Menschen, die kein Französisch sprechen, liegt wie bereits erwähnt bei zwei Prozent.

Das bedeutet nicht, dass eine Anpassung des Sprachengesetzes unsinnig ist. Nur werden bei der zuvor erwähnten Argumentationsweise Gründe für die Anpassung des Sprachengesetzes vorgeschoben, die weder Fakten entsprechen noch aus einer grundsätzlich positiven Haltung gegenüber der Sprachenvielfalt hervorgehen. Sie verdeutlicht im Gegenzug, dass es bei der Sprachen-Debatte in Luxemburg oft mehr um persönliche Befindlichkeiten geht als um die tatsächlichen Sprachkenntnisse der Bevölkerung. Eine realitätsnahe Sprachen-Politik resultiert nicht aus persönlichen Vorlieben oder aus nationalistischen Beweggründen. Sprachen gegeneinander aufzuwiegen ist toxisch. Vor allem ist es nicht zielführend. Die Einen wollen mehr Luxemburgisch, die anderen verlangen mehr Englisch oder weniger Französisch. Und nun? Wenn die Sprachenvielfalt Luxemburgs eine konsequente Sichtbarmachung erfahren soll, dann müssen auch sprachliche Minderheiten miteinbezogen werden, wie auch die woxx nicht müde wird zu betonen. Ohne, dass dabei die eine oder die andere Amtssprache diskreditiert wird. Vielleicht sollten wir uns in der Hinsicht ein Beispiel an Ländern wie Simbabwe nehmen: Dort gelten neben dem Englischen fünfzehn weitere, gleichberechtigte Amtssprachen.


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