Selbstverbrennung

Der digitale Neustart des Journal verheißt nichts Gutes für die Presselandschaft: Während große Teile der alten Mannschaft vor die Tür gesetzt wurden, verschanzen sich die Verbliebenen und die Neuen hinter ihrer Paywall.

(Screenshot Facebook Journal)

Die Corona-Pandemie hat sie besonders hart getroffen: Männliche Hipster die ihre Ganzkörper-Tattoos nun nicht mehr diskret unter ihren 200-Euro Hemden andeuten können und niemanden mehr haben, der ihre mit Zedern-Bart-Öl gepflegte Gesichtsbehaarung haptisch erfassen kann. So bleibt dieser bedauernswerten Spezies nur das Beste aus ihrer sozialen Isolation zu ziehen. Das heißt: Sich auf dem Designerstuhl zurücklehnen, eine fette kubanische Zigarre anzünden und eine gute alte Zeitung zu lesen. Doch – oh Schreck! – was tun, wenn diese sich an der Duftkerze aus dem Dritte-Welt-Laden (man ist doch kein Unmensch) anzündet? Die Lösung ist ganz einfach: Go Digital! Ein Tablet brennt eben nicht so schnell wie eine alte Papierzeitung.

So geschehen im Clip, den das „neue“ Journal gestern durch die sozialen Netzwerke jagte. Davon abgesehen, dass das Filmchen trotz professioneller Patina doch eher an alte „La Luxembourgeoise“ Reklamen mit Fernand Fox erinnert, ist die Botschaft katastrophal. Muss das Print wirklich brennen, um dem Digitalen zu weichen? Das ist eine interessante Umdeutung der realen Verhältnisse. Sicher, in ein bis zwei Jahrzehnten wird es kaum noch Papierzeitungen geben, trotzdem sollte die Zeit bis dahin genutzt werden, um die Übergänge so zu gestalten, dass der gebotene Journalismus sich vom bleiernen Print zu einem qualitativ hochwertigen Online-Journalismus entwickeln kann. Und das geht nicht mit einem Fingerschnippen, und auch nicht mit viel Geld – sondern nur mit Zeit und vor allem guten, adäquaten Arbeitsbedingungen.

Doch genau das, muss befürchtet werden, wird das Journal 2.0 nicht bieten können. Von der alten Mannschaft sind nur drei Journalist*innen übriggeblieben, und auch der Direktor Claude Karger hat das Handtuch geworfen – wie gestern einer ziemlich oldschool anmutenden Pressemitteilung zu entnehmen war. Wer aber Journalist*innen mit jahrzehntelanger Erfahrung rausschmeißt, wirft auch ihre Erfahrungswerte, Kenntnisse und Kontakte in den Müll. Genau das, was eine gute Zeitung eigentlich zum Funktionieren braucht. Denn Journalist*innen sind keine austauschbaren Angestellten, sondern erarbeiten sich im Laufe der Jahre ihre Profile und kennen ihre Dossiers – so dass sie nicht dazu verdammt sind, die Kommunikationen der Wirtschaft und der Autoritäten nachzuplappern, sondern diese kritisch hinterfragen können. Was immer noch die Hauptaufgabe der Presse ist.

Die Umgestaltung des Journal folgt einer beunruhigenden Tendenz, die nicht nur die luxemburgische Presselandschaft betrifft: Auf der Suche nach Profit auf einem schnelllebigen Markt zählen nicht mehr die Kompetenzen und die Erfahrungswerte, sondern nur noch die Geschwindigkeit und das Design – so untergraben die Medien sich aber schlussendlich selbst und machen sich auf Dauer überflüssig. Da helfen auch die 9 aufgezählten Prinzipien auf der neuen Seite des Journal nicht viel, wenn für die frommen Wünsche ganze Karrieren geopfert wurden. Und was die Idee angeht, die Internet-Seite für Nicht-Abonnent*innen sofort zu sperren, so fragen wir uns wirklich welcher Managements-Kommunikations-Irgendwas-mit-Medienlehrgang dies empfohlen haben kann. Hoffentlich kein allzu teurer…


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