Theater: Feminismus im Wunderland

Das Kollektiv Independent Little Lies bringt nächste Woche ein Theaterstück über Feminismus, Privilegien und gesellschaftliche Veränderung auf die Bühne. Wir haben uns mit Co-Autorin Claire Thill im Vorfeld über das Projekt unterhalten.

Foto: Catherine Elsen

woxx: Wie ist die Idee für „Footnotes“ entstanden?


Claire Thill: 2017, als der erste Women‘s March stattfand, war ich gerade in Paris. Ich arbeitete an einem Audioprojekt, in dessen Kontext ich mit Menschen unterschiedlichen Backgrounds Interviews über ihre Erfahrungen vom Gehen in einer großen Stadt durchführte. Auf den ersten Blick wirkt es wie eine banale Aktivität, aber die Bedeutung des Gehens verändert sich je nach Person und Kontext. Ich habe zum Beispiel mit zwei Mexikanerinnen gesprochen, die um ihr Leben fürchten, wenn sie sich in Mexico City zu Fuß fortbewegen. Tun sie das in Paris, ist es dagegen eine schöne Erfahrung. Als ich kurz nach der Amtseinführung Donald Trumps Zehntausende durch Paris marschieren sah, kam die Idee auf, ein Theaterstück über das kollektive Gehen zu produzieren.

Wie kam es dann zur Umsetzung?


Ich habe die Idee gleich der Regisseurin Jenny Beacraft, mit der ich schon seit Längerem zusammenarbeiten wollte, vorgestellt. Wir waren beide daran interessiert, uns damit auseinanderzusetzen, wie sich der aktuell stattfindende Paradigmenwechsel auf unterschiedliche Bevölkerungsgruppen auswirkt. Im Februar haben wir dann mit einigen Schauspielern eine Residenz organisiert. Wir haben uns in feministische Literatur eingearbeitet und anhand zahlreicher Workshops nach und nach die inhaltlichen Schwerpunkte des Stücks erarbeitet. In dieser Phase war es uns wichtig, einen Safe Space zu schaffen, in dem offen über eigene Privilegien und Unsicherheiten gesprochen werden konnte. Da wir nicht nur weibliche Perspektiven auf Feminismus und Patriarchat einbeziehen wollten, haben wir Menschen in Interviews nach ihrer Meinung zu diesen Themen befragt, die in puncto Geschlecht, Ethnizität oder Sexualität anders positioniert waren als wir. Als uns im Laufe der Residenz auffiel, dass wir alle vier privilegierte weiße Frauen sind, haben wir uns dazu entschlossen, weitere Rollen anhand eines Castings zu besetzen. Es war also auch Teil des Arbeitsprozesses, uns mit unseren eigenen Privilegien auseinanderzusetzen.

Foto: Catherine Elsen

Thema des Stücks ist also eine feministische Politisierung?


„Footnotes“ ist wahrscheinlich am ehesten mit Alice im Wunderland zu vergleichen. Die Protagonistin des Stücks nimmt am Women‘s March teil, trifft dort einen Engel, der symbolisch für den Fortschritt steht, und wird anschließend in eine fantastische Welt entführt. In dieser lernt sie Figuren kennen, die ihr helfen, ihre Weltsicht zu erweitern. Es war uns aber wichtig, kein didaktisches Stück zu machen. Deshalb haben wir uns für das Genre des magic realism entschieden. Wir wollten, dass es möglichst witzig und absurd wird. Es gibt nicht nur einen Engel, sondern auch Ninjas. Letztere stehen metaphorisch für gesellschaftliche Veränderungen. Jede Figur ist eine metaphorische Interpretation dessen, was bei unseren Recherchen, Diskussionen und Improvisationen aufgekommen ist.

Ist „Footnotes“ ein klassisches Stück oder eher eine Performance?


Es ist uns schnell bewusst geworden, dass sich kein klassisches Theaterstück darüber machen lässt, welche unterschiedlichen Erfahrungen Menschen in Bezug auf das Gehen haben. Wir wollten aber keine klassische Geschichte erzählen und das Stück ist deshalb auch als kritische Auseinandersetzung mit dem patriarchal geprägten Modell der Heldenerzählung zu verstehen. Auch der Entstehungsprozess war nicht klassisch: Als im September die Proben begannen lag zwar eine erste Version vor, durch Improvisationen kamen aber noch viele Elemente auf, die erst daraufhin eingearbeitet wurden. Wir haben also in einem Kollektiv gearbeitet, in dem jeder artistische Input ernst genommen wurde.

Foto: Émile Hengen

Waren Sie auch schon davor feministisch interessiert oder ging das erst mit dem Women’s March los?


Auch schon davor, aber ich habe mich seitdem natürlich weiterentwickelt. Ich habe zum Beispiel erst in den letzten Jahren ein wirkliches Bewusstsein für mein Privileg als weiße Person entwickelt. Alle, die sich am Stück beteiligt haben, haben viel dazugelernt und wir hoffen, auch dem Publikum Denkanstöße geben zu können.

Im Escher Theater am 14. und 15. November und im TNL am 10. Dezember. 
Weitere Informationen über das Theaterstück 
sowie das daran anknüpfende Rahmen-programm unter www.ill.lu

Kriteschen an onofhängege Journalismus kascht Geld - och online. Ënnerstëtzt eis! Kritischer und unabhängiger Journalismus kostet Geld - auch online. Unterstützt uns! Le journalisme critique et indépendant coûte de l’argent - en ligne également. Soutenez-nous !
Tagged , , . Bookmark the permalink.

Comments are closed.