Theater: Feminismus im Wunderland

von | 07.11.2019

Das Kollektiv Independent Little Lies bringt nĂ€chste Woche ein TheaterstĂŒck ĂŒber Feminismus, Privilegien und gesellschaftliche VerĂ€nderung auf die BĂŒhne. Wir haben uns mit Co-Autorin Claire Thill im Vorfeld ĂŒber das Projekt unterhalten.

Foto: Catherine Elsen

woxx: Wie ist die Idee fĂŒr „Footnotes“ entstanden?


Claire Thill: 2017, als der erste Women‘s March stattfand, war ich gerade in Paris. Ich arbeitete an einem Audioprojekt, in dessen Kontext ich mit Menschen unterschiedlichen Backgrounds Interviews ĂŒber ihre Erfahrungen vom Gehen in einer großen Stadt durchfĂŒhrte. Auf den ersten Blick wirkt es wie eine banale AktivitĂ€t, aber die Bedeutung des Gehens verĂ€ndert sich je nach Person und Kontext. Ich habe zum Beispiel mit zwei Mexikanerinnen gesprochen, die um ihr Leben fĂŒrchten, wenn sie sich in Mexico City zu Fuß fortbewegen. Tun sie das in Paris, ist es dagegen eine schöne Erfahrung. Als ich kurz nach der AmtseinfĂŒhrung Donald Trumps Zehntausende durch Paris marschieren sah, kam die Idee auf, ein TheaterstĂŒck ĂŒber das kollektive Gehen zu produzieren.

Wie kam es dann zur Umsetzung?


Ich habe die Idee gleich der Regisseurin Jenny Beacraft, mit der ich schon seit LĂ€ngerem zusammenarbeiten wollte, vorgestellt. Wir waren beide daran interessiert, uns damit auseinanderzusetzen, wie sich der aktuell stattfindende Paradigmenwechsel auf unterschiedliche Bevölkerungsgruppen auswirkt. Im Februar haben wir dann mit einigen Schauspielern eine Residenz organisiert. Wir haben uns in feministische Literatur eingearbeitet und anhand zahlreicher Workshops nach und nach die inhaltlichen Schwerpunkte des StĂŒcks erarbeitet. In dieser Phase war es uns wichtig, einen Safe Space zu schaffen, in dem offen ĂŒber eigene Privilegien und Unsicherheiten gesprochen werden konnte. Da wir nicht nur weibliche Perspektiven auf Feminismus und Patriarchat einbeziehen wollten, haben wir Menschen in Interviews nach ihrer Meinung zu diesen Themen befragt, die in puncto Geschlecht, EthnizitĂ€t oder SexualitĂ€t anders positioniert waren als wir. Als uns im Laufe der Residenz auffiel, dass wir alle vier privilegierte weiße Frauen sind, haben wir uns dazu entschlossen, weitere Rollen anhand eines Castings zu besetzen. Es war also auch Teil des Arbeitsprozesses, uns mit unseren eigenen Privilegien auseinanderzusetzen.

Foto: Catherine Elsen

Thema des StĂŒcks ist also eine feministische Politisierung?


„Footnotes“ ist wahrscheinlich am ehesten mit Alice im Wunderland zu vergleichen. Die Protagonistin des StĂŒcks nimmt am Women‘s March teil, trifft dort einen Engel, der symbolisch fĂŒr den Fortschritt steht, und wird anschließend in eine fantastische Welt entfĂŒhrt. In dieser lernt sie Figuren kennen, die ihr helfen, ihre Weltsicht zu erweitern. Es war uns aber wichtig, kein didaktisches StĂŒck zu machen. Deshalb haben wir uns fĂŒr das Genre des magic realism entschieden. Wir wollten, dass es möglichst witzig und absurd wird. Es gibt nicht nur einen Engel, sondern auch Ninjas. Letztere stehen metaphorisch fĂŒr gesellschaftliche VerĂ€nderungen. Jede Figur ist eine metaphorische Interpretation dessen, was bei unseren Recherchen, Diskussionen und Improvisationen aufgekommen ist.

Ist „Footnotes“ ein klassisches StĂŒck oder eher eine Performance?


Es ist uns schnell bewusst geworden, dass sich kein klassisches TheaterstĂŒck darĂŒber machen lĂ€sst, welche unterschiedlichen Erfahrungen Menschen in Bezug auf das Gehen haben. Wir wollten aber keine klassische Geschichte erzĂ€hlen und das StĂŒck ist deshalb auch als kritische Auseinandersetzung mit dem patriarchal geprĂ€gten Modell der HeldenerzĂ€hlung zu verstehen. Auch der Entstehungsprozess war nicht klassisch: Als im September die Proben begannen lag zwar eine erste Version vor, durch Improvisationen kamen aber noch viele Elemente auf, die erst daraufhin eingearbeitet wurden. Wir haben also in einem Kollektiv gearbeitet, in dem jeder artistische Input ernst genommen wurde.

Foto: Émile Hengen

Waren Sie auch schon davor feministisch interessiert oder ging das erst mit dem Women’s March los?


Auch schon davor, aber ich habe mich seitdem natĂŒrlich weiterentwickelt. Ich habe zum Beispiel erst in den letzten Jahren ein wirkliches Bewusstsein fĂŒr mein Privileg als weiße Person entwickelt. Alle, die sich am StĂŒck beteiligt haben, haben viel dazugelernt und wir hoffen, auch dem Publikum DenkanstĂ¶ĂŸe geben zu können.

Im Escher Theater am 14. und 15. November und im TNL am 10. Dezember. ‹Weitere Informationen ĂŒber das TheaterstĂŒck ‹sowie das daran anknĂŒpfende Rahmen-programm unter www.ill.lu

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