Weltklimarat warnt vor Zusammenbruch

Der Klimawandel erfolgt schneller und mit drastischeren Auswirkungen als bisher gedacht, so der Tenor eines geleakten Berichts des IPCC.

Korallenriff: Fragile Hochburg der Biodiversität.
(Wikimedia; Copyright 2004 Richard Ling; CC BY-SA 3.0)

„Das Leben auf der Erde kann sich von einem drastischen Klimawandel erholen, indem sich neue Arten und Ökosysteme entwickeln. Die Menschheit kann das nicht.“ Diese Warnung findet sich im Entwurf des Klimaberichts des Working Group II des Weltklimarates (Intergovernmental Panel on Climate Change, IPCC). Der Text wurde der Presseagentur AFP zugespielt; eine Übersicht über die Artikel zum Thema findet sich auf dem Onlineportal Carbon Brief.

„Der Klimawandel wird das Leben auf der Erde in den kommenden Jahrzehnten grundlegend verändern, selbst wenn die Menschheit die globale Erwärmung durch Treibhausgase zähmen kann“, heißt es im auf Yahoo veröffentlichten AFP-Hauptbeitrag. Der 4.000-seitige Bericht sei die bisher umfassendste Analyse darüber, wie der Klimawandel unsere Welt auf den Kopf stelle.

1,5 Grad sind schon zu viel

Anders als die Klimaforschung lange dachte, seien gravierende Veränderungen nicht erst für Ende des Jahrhunderts und bei einer Erwärmung von zwei Grad zu erwarten, hält die AFP fest: Ein dauerhaftes Überschreiten von 1,5 Grad gegenüber dem Beginn der Industrialisierung könnte „zunehmend ernste, jahrhundertelange und in manchen Fällen irreversible Folgen“ haben.

Für das Überleben mancher Ökosysteme, wie der Korallenriffe, könnte es bereits bei einer Erwärmung von 1,5 Grad zu spät sein, zitiert die AFP den Bericht. Auch die Auswirkungen auf die menschlichen Lebensbedingungen sind bedrohlich. Der IPCC nennt Hungersnöte und Hitzewellen, aber auch Wasserknappheit. Von letzterer wären bei einer Erwärmung um zwei Grad 410 Millionen Menschen in urbanen Zonen betroffen, bei 1,5 Grad „nur“ 350 Millionen.

Kipppunkte: Antarktis, Amazonas, Permafrost

Der Bericht warnt auch vor den Kipppunkten, wenn die Auswirkungen des Klimawandels ihrerseits zur Erwärmung beitragen und irreversible Veränderungen drohen. Bekanntestes Beispiel ist das Abschmelzen der Polkappen (online-woxx: Die Antarktis schmilzt weg), doch auch die Verwandlung des tropischen Amazonasbecken in eine Savanne oder die Freisetzung des Methans aus Permafrostböden (woxx 1135: Megatonnen aus dem Moor) sind besorgniserregend.

Wer die vergangenen Berichte des IPCC kennt, wird nicht wirklich überrascht sein. Bereits 2018 hatte der Szenarienvergleich zwischen 1,5 und zwei Grad Erderwärmung gezeigt, dass es in beiden Fällen schwerwiegende Auswirkungen gibt (woxx 1497: Demi-degré à éviter). Doch damals hatte der IPCC den Akzent eher auf die Notwendigkeit gelegt, das „glimpflichere“ 1,5-Grad-Szenario anzustreben.

Weltuntergangs-Leak: Fluch oder Segen?

Mittlerweile scheint Ratlosigkeit vorzuherrschen, weil in den Klimamodellen sogar dieses Szenario nicht ausreichen könnte und sich andererseits in der realen Welt ein Szenario mit einer Erwärmung von über drei Grad abzeichnet. Und so fallen die Warnungen des IPCC diesmal drastischer aus: „Die Entscheidungen, die die Gesellschaften heute treffen, werden bestimmen, ob unsere Spezies im 21. Jahrhundert gedeihen oder gerade mal überleben kann.“

Eigentlich sollen solche Entwürfe von Berichten nicht öffentlich gemacht oder zitiert werden, ließ der IPCC mittlerweile in einer Stellungnahme wissen. Es gehe um den Respekt vor den Autor*innen und deren Möglichkeit, ihre Arbeit abzuschließen, bevor sie veröffentlicht wird. Allerdings sind die Leaks nicht ungewöhnlich und die Veränderungen an den Texte meist geringfügig. Vor allem aber: Die Veröffentlichung ist für frühestens Februar 2022 geplant – also erst nach dem Klimagipfel COP26 im kommenden November.

Mit anderen Worten: Eigentlich tut die AFP dem IPCC einen Gefallen, indem sie das Bewusstsein für den Ernst der Lage schärft. Der Leak dieses Berichts erhöht auf diese Weise den Druck auf die Entscheidungsträger*innen damit der – oft als alles entscheidend angesehene – Gipfel ein Erfolg wird.

 


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