Willis Tipps: Juni 2021

Mali-Shouterin posthum

Die starke malische Sängerin Khaira Arby aus Timbuktu, die in Folge eines Schlaganfalls 2018 nicht einmal 60-jährig verstarb, blieb in Europa leider ein Geheimtipp. Als erste Sängerin Nordmalis veröffentlichte sie Anfang der 1990er ein Album unter eigenem Namen und wurde in der Folge als die Nachtigall Timbuktus bezeichnet. Der Terror von Fundamentalisten zwang Arby 2012, nach Bamako zu gehen. Trotz zweier internationaler Plattenveröffentlichungen und Kooperationen mit Ali Farka Touré und Bassekou Kouyaté erreichte sie international nicht den Bekanntheitsgrad, den sie sich in Mali erarbeitet hatte. Nun ist posthum das Album New York Live erschienen, das 2010 aufgezeichnet wurde. Die elektrische Band und die malischen Lauten Tehardant und Ngoni erzeugen hohen Druck und Dramane Touré zaubert auf der verzerrten E-Gitarre. Das ist genau die instrumentelle Basis, auf der sich Khaira Arby als stimmgewaltige Shouterin entfalten kann. Ein ganz starkes Stück Mali-Rock in schweißtreibender Live-Atmosphäre von einer energiegeladenen Sängerin, die hier zu Lebzeiten viel mehr Anerkennung verdient gehabt hätte. Unbedingt hörenswert!


Khaira Arby – New York Live – Clermont Music


Armenische Melancholie

Ein Meister des armenischen Nationalinstruments Duduk ist Arsen Petrosyan, der seine akademische Ausbildung in der armenischen Hauptstadt Jerewan absolviert hat. Er ist Mitglied des jungen A.G.A Trios und hat soeben sein zweites Soloalbum Hokin Janapar herausgebracht, das während des erneuten, tragischen Krieges mit dem Nachbarn Aserbaidschan fertiggestellt wurde. Die Wurzeln der armenischen Musik mit ihrer ganz spezifischen Tonstruktur reichen Jahrtausende zurück und die Urform der Duduk entstand wohl um die Zeitenwende. Es handelt sich bei der Duduk um ein aus Aprikosenholz gefertigtes Blasinstrument mit markantem, klagendem Klang. Petrosyan hat für diese Platte zum Teil traditionell überlieferte Stücke aufgenommen, zudem finden sich darauf zeitgenössische Kompositionen und solche, die bis zu 400 Jahre alt sind. Überwiegend handelt es sich um getragene Melodien. Die Begleitung kommt von einer zweiten Duduk als Borduninstrument, der Dhol-Trommel, einer Harfe und den Kastenzithern Santur und Qanun. Wer armenische Musik bereits kennt, wird auch an dieser Platte ihre*seine Freude haben. Wer sie noch nicht kennt, findet hier eine hervorragende Einführung in die außergewöhnliche Klangwelt Armeniens durch einen großen Künstler.

Arsen Petrosyan – Hokin Janapar – ARC Music


Naturnahes lettisches Erbe

Ganz merkwürdig, wie unbekannt die Musik des Baltikums hier noch ist! Dabei gibt es dort ganz viel Hochinteressantes zu entdecken, und zwar sowohl in moderner wie in traditioneller Form. Einen der althergebrachten Stile kann man auf dem Doppelalbum Daba erleben. Es geht hier um eine alte Form polyphonen Gesangs aus Lettland, der in der Natur praktiziert wird. Das kompetente, zehnköpfige Frauenensemble Saucejas hat sein Repertoire auf Basis von Liedersammlungen zusammengestellt, die teilweise vor mehr als 100 Jahren veröffentlicht wurden. Die 60 Stücke sind tatsächlich in der freien Natur aufgenommen worden, was ihnen eine verblüffende Authentizität verleiht. Das ist eine bemerkenswerte Reise zurück in alte Zeiten für aufmerksame Zuhörer*innen. Die CD-Ausgabe ist anständig betextet, wer aber mehr über die Hintergründe und die einzelnen Lieder erfahren will, sollte zur ausführlichen lettisch-englischen Buchausgabe greifen; CDs inklusive. Hier wird ein beinahe verlorener, wertvoller A-cappella-Schatz gehoben, den zu entdecken, sich wahrlich lohnt.

Saucejas – Daba – Lauska/CPL Music


Juni – Top 20

1. Canzoniere Grecanico Salentino (CGS) · Meridiana · Ponderosa Music
2. Ballaké Sissoko · Djourou · Nø Førmat!
3. Samba Touré · Binga · Glitterbeat
4. Antonis Antoniou · Kkismettin · Ajabu!
5. Balkan Taksim · Disko Telegraf · Buda Musique
6. Ben Aylon · Xalam · Riverboat / World Music Network
7. Jupiter & Okwess · Na Kozonga · Zamora Label
8. Atine · Persiennes d’Iran · Accords Croisés
9. Christine Salem · Mersi · Blue Fanal
10. Toumani Diabaté and The London Symphony Orchestra · Kôrôlén · World Circuit
11. San Salvador · La Grande Folie · La Grande Folie / Pagans / MDC
12. Kasai Allstars · Black Ants Always Fly Together, One Bangle Makes No Sound · Crammed Discs
13. Kady Diarra · Burkina Hakili · Lamastrock
14. Arsen Petrosyan · Hokin Janapar: Music Performed on Armenian Duduk · ARC Music
15. Bagga Khan · Bhajan · Amarrass
16. Katerina Papadopoulou & Anastatica · Anastasis · Saphrane
17. Comorian · We Are an Island, but We’re Not Alone · Glitterbeat
18. Dagadana · Tobie · Agora Muzyka
19. Kapela ze Wsi Warszawa / Warsaw Village Band · Uwodzenie / Waterduction · Karrot Kommando
20. Luís Peixoto · Geodesia · Groove Punch Studios

Die TWMC TOP 20/40 bei: http://www.transglobalwmc.com/ und bei Facebook „Mondophon auf Radio ARA“ und www.woxx.lu/author/Klopottek.


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