Baudenkmäler: Ende der Schonzeit

Seit die für Wochen stillgelegte Baubranche wieder arbeiten darf, vermelden Denkmalschützer*innen erschreckend viele Abrisse oder Zerstörungen alter Bausubstanz.

Foto: Karin Waringo

Die Zeit der Einkehr war nur kurz. Wurde da nicht von Umdenken, der Zeit „nach Corona“ mit umgekehrten Vorzeichen, einem anderen Wirtschaften mit neuem Bewusstsein geredet? Zumindest in Sachen einer radikalen Beseitigung alter Bausubstanz scheint dieses Umdenken nicht stattgefunden zu haben, im Gegenteil.

Spektakulärstes Signal in diesem Sinne ist wohl die Zerstörung der Keeseminnen auf dem Terres-Rouges-Gelände, die spontan zu viel beachteten Protesten geführt hat. Dass Luxemburg im Umgang mit Industriekultur seine Probleme hat, war zwar schon öfter Thema in den Spalten dieser Zeitung, allerdings ist es doch erschreckend, wie ein gut dokumentiertes und viel diskutiertes Beispiel aus einer für das Selbstverständnis der Luxemburger*innen wesentlichen Epoche, von den politisch Verantwortlichen „vergessen“ oder aber gar als nicht relevant eingestuft wird.

Weniger spektakulär fanden in den letzten Wochen aber auch einige Abrisse im ländlichen Raum statt. Natürlich lässt sich schwerlich unterstellen, dass hier ein bewusst initiiertes System dahintersteckt. Doch die Häufung solcher Vorfälle gibt zu denken. Ein Blick auf die Facebook-Seite von „Luxembourg under destruction“ zeigt einige der erwähnenswerten Fälle.

Vollendete Tatsachen

Ob am Ende über das ganze Jahr gerechnet tatsächlich mehr alte, erhaltenswerte Gebäude betroffen sein werden als in den Jahren davor, wird sich erst noch zeigen. Jedenfalls scheint das neue Bewusstsein in Sachen Baudenkmäler, das seit der Deponierung des Gesetzesvorhabens zur Novellierung des Denkmalschutzes im August 2019 aufzuflammen schien, nicht länger anzudauern.

Einige Beispiele zeigen, inwieweit die Politik der vollendeten Tatsachen, die besagtes Gesetz in Zukunft verhindern will, eine Art Renaissance zu erleben scheint: Gleich am ersten Tag der „Reprise“ im Bausektor wurde die Scheune eines an sich denkmalgeschützten Bauernhofes in Niederanven plattgemacht. Die Facebook-Posterin Karin Waringo, die den Verfall dieses Baudenkmales schon seit Längerem verfolgt, hatte sich mehrfach über den schlechten Zustand des Hofes und der Scheune beklagt und nun auch die Zerstörung detailliert dokumentiert. In Niederanven stünden besonders viele ältere Bauernhäuser leer und weitere Abrisse seien zu befürchten.

Ebenfalls am ersten Tag der Lockerung in Sachen „Confinement“ wurde ein Haus aus der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts in Lorentzweiler zerstört. Waringo hatte zusammen mit anderen Personen die Klassifizierung dieses Hauses, welches über eine charakteristisch neoklassische Fassade verfügte beantragt. Eine Bescheid dazu war bis dahin nicht eingegangen.

Aber nicht nur auf dem flachen Land verschwindet schon fast diskret alte Bausubstanz. Wer in dichter besiedelten Vierteln, zum Beispiel der Hauptstadt, sein Recht zum Spazierengehen während des Lockdowns dazu genutzt hat, die verkehrsberuhigten und auf einmal vom laut hörbaren Vogelgezwitscher beschallten Haupt- und Zubringerstraßen abzuschreiten, begegnete so manchen „Baulücken“, die erst rezent entstanden waren, aber in stressigen Vor-Corona-Zeiten kaum auffielen. So etwa ein für Bonneweg charakteristisches Wohnhaus „um Leschte Steiwer“. Diese Abrisse sind freilich legal und die Baugenehmigungen für die Neubauten am gleichen Ort liegen vor. Doch das Bewusstsein über das, was hier verschwindet, und wie ein ganzes Viertel sich verändert, entsteht bei vielen erst, nachdem die Bagger wieder abgezogen sind.


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