Das Nachleben des Nationalsozialismus: Die Lebenden und die Toten

Im Frühjahr 1945 fand in dem Ort Demmin in Mecklenburg-Vorpommern der vermutlich größte kollektive Selbstmord im Zuge der deutschen Kriegsniederlage statt. Fast 1.000 Menschen nahmen sich damals das Leben. Diese historische Gegebenheit verwebt Verena Keßler in ihrem Debüt-Roman „Die Gespenster von Demmin” mit einer Coming-of-Age-Geschichte.

Verena Keßler: Die Gespenster von Demmin. Verlag Hanser Berlin, 238 Seiten.

Larissa, genannt Larry, hängt kopfüber im Apfelbaum. Sie möchte Kriegsreporterin werden und probt schon mal den Ernstfall. Die Nachbarin, Frau Dohlberg, schaut ihr dabei zu. Die alte Frau, die kurz vor dem Umzug ins Altersheim steht, hat den Zweiten Weltkrieg selbst miterlebt und der Anblick der turnenden Halbwüchsigen lässt vor ihrem inneren Auge ganz andere Bilder auftauchen.

Der Roman „Die Gespenster von Demmin“ von Verena Keßler geht auf reale Ereignisse zurück. Am 30. April 1945 stand die Rote Armee vor dem in Ostdeutschland gelegenen Ort. Demmin, wo bei der Reichstagswahl 1933 der Stimmenanteil für die NSDAP höher lag als im Rest des Landes, war bis dahin von Bombardierungen größtenteils verschont geblieben. Obwohl die sowjetischen Truppen näher rückten, beschwichtigte man die Bevölkerung. „Über die Oder kommen die Russen nicht!” In Wahrheit aber hatte die Wehrmacht die Ortschaft, in der sich neben Frauen, Kindern und alten Männern auch eine große Anzahl Flüchtlinge aus den Ostgebieten aufhielten, bereits aufgegeben. Ziel der Behauptung war es, die Bevölkerung davon abzuhalten, in Richtung Westen zu flüchten und so den Abzug der Wehrmacht zu behindern.

Demmin liegt im sogenannten „Dreistromdelta” von Mecklenburg-Vorpommern, zwischen den Flüssen Peene, Treben und Tollense. Als die Einwohner*innen des Ortes am Morgen des 30. April 1945 Detonationen hörten, wussten sie, dass sie in der Falle saßen: Die sich zurückziehenden deutschen Truppen hatten die drei Brücken über die Wasserläufe hinter sich gesprengt, die SS und viele NSDAP-Mitglieder den Ort verlassen.

Schon seit Monaten hatte Reichspropagandaminister Josef Goebbels die Angst vor der Roten Armee geschürt. Auch im Bewusstsein des Leids, das die Nazis im Osten angerichtet hatten, befürchtete man Vergeltung. Eigentlich wollten die Russen auf direktem Weg weiter nach Rostock, aber nun saßen sie in Demmin fest, bis Notbrücken errichtet waren. Ein Studienrat griff, nachdem er Frau und Kind getötet hatte, die Russen mit einer Panzerfaust an. Daraufhin wurde die Stadt für vogelfrei erklärt, es kam zu Vergewaltigungen und Plünderungen. Nach fünf Tagen waren zwei Drittel der Stadt abgebrannt; laut Schätzungen haben sich 700 bis 1.000 der insgesamt 15.000 Einwohner*innen das Leben genommen. Darunter waren viele Frauen, die sich selbst nicht zuletzt aus Angst vor Vergewaltigung oder aus Verzweiflung über die bereits erlittene sexuelle Gewalt umbrachten und ihre Kinder mit in den Tod nahmen.

Zeitzeugen schilderten unter anderem in Martin Farkas’ Dokumentarfilm „Über Leben in Demmin” von 2017, wie die Leichen am Ufer der Flüsse aufgereiht lagen oder in den Bäumen hingen. Peene, Treben und Tollense sind keine reißenden Flüsse. „Es bedurfte schierer Entschlossenheit, sich in diesen Gewässern ertränken zu wollen”, schreibt der Historiker Florian Huber in seinem lesenswerten Buch „Kind, versprich mir, dass du dich erschießt”, in dem es um die Selbstmordwelle in Deutschland am Kriegsende geht. Mütter banden sich mit Steinen gefüllte Rucksäcke auf den Rücken, steckten Steine in die Taschen ihrer Kinder.

Verena Keßler hat keinen historischen Roman geschrieben. Die eigentlichen Ereignisse von 1945 fließen in die Handlung ein, aber der Autorin geht es, wie der Titel es bereits andeutet, vor allem um die Auswirkungen, die diese Ereignisse auch heute noch auf das Leben der Einwohner*innen von Demmin haben.

Angesichts des ernsten Hintergrunds erstaunt anfangs der ironische, schnoddrige Ton, den die 1988 geborene Autorin anschlägt, zumindest in den Kapiteln, in denen der Fokus auf der Heranwachsenden Larry liegt. Es sei eben die Unbedarftheit dieser Figur, welche es ihr als Autorin ermöglicht habe, die nötige Distanz zu erlangen, erklärt sie in Interviews. Die Ich-Erzählerin mault über den peinlichen neuen Freund der Mutter und über die hormongesteuerte beste Freundin, verliebt sich in den eigentlich ebenso peinlichen Timo, der im „Netto“-Markt Regale einräumt. Um sich ein Taschengeld zu verdienen, pflegt sie den örtlichen Friedhof und muss ansonsten oftmals allein klarkommen, da ihre alleinerziehende Mutter entweder gerade Nachtdienst auf der Intensivstation hat oder zu sehr mit sich selbst beschäftigt ist.

„Die Gespenster von Demmin” überzeugt am meisten, wenn sich das leicht Absurde mit dem Unvorstellbaren kreuzt.

Erst nach und nach wird deutlich, dass Trauer für Larry auch ein persönliches Thema ist: Ihr älterer Bruder ist vor ihrer Geburt bei einem Unfall ums Leben gekommen, die Ehe der Eltern ging danach in die Brüche. Deren Sprachlosigkeit, ihre Unfähigkeit, mit dem Erlebten umzugehen, ist ein Verweis auf das Schweigen, welches auch lange Zeit in Demmin herrschte. In der DDR war eine Aufarbeitung des Fehlverhaltens der Roten Armee nicht erwünscht. Heute ziehen Neonazis am 8. Mai, dem Tag der deutschen Kapitulation, in sogenannten „Trauermärschen” durch Demmin und vereinnahmen so das Geschehene.

Foto: Wikimedia/CC-BY-3.0

Über der Stadt und allem was hier geschieht liegt ein Nebel, ähnlich dem halbtransparenten Papier zwischen den Seiten des alten Fotoalbums, das Larry im Zimmer ihrer Mutter aufspürt. Timos Vater hat mehrmals versucht, sich umzubringen, die Mutter der besten Freundin hat Krebs. Larry reagiert darauf, indem sie sich immer gefährlichere Stunts ausdenkt, vermeintlich, um sich für ihre Aufgabe als Kriegsreporterin vorzubereiten, aber eigentlich nur bis endlich jemand aufhorcht und anfängt zu reden.

„Die Gespenster von Demmin” überzeugt am meisten, wenn sich das leicht Absurde mit dem Unvorstellbaren kreuzt. Zum Beispiel wenn Larry einem älteren Mann begegnet, der jede seiner Katzen „Igor” tauft, weil ein russischer Soldat ihn damals aus dem Fluss rettete. Weniger erfolgreich ist Keßler, wenn sie unbedingt alle Fäden zusammenführen möchte und wirklich jeden Erzählstrang so vorbildlich zu Ende aufrollt, wie es im richtigen Leben eben nie passiert. Die Begegnung mit einem syrischen Flüchtling, der Larry davon überzeugt, dass Krieg doch nicht so toll ist, ist zwar sehr didaktisch, wirkt aber forciert. Wenn Larry mit der Friedhofsverwalterin das Warennotizbuch durchsieht, in das man 1945 notdürftig die Toten notierte, dann scheint es, als wolle die Autorin am Ende dafür sorgen, dass die Leser*innen über den zahlreichen anderen Konflikten die „große” Geschichte nicht vergessen.

„Die Gespenster von Demmin” tut sich schwer damit, diese Geschichte wirklich greifbar zu machen. Vor allem die Figur der Frau Dohlberg bleibt schemenhaft. Das Unfassbare, das die 90-Jährige als Kind erleben musste, sprengt die Dimensionen des eher kurzen Romanes. Wer wirklich etwas über die historischen Ereignisse erfahren möchte, ist mit Florian Hubers Sachbuch womöglich besser beraten. Die jüngeren Charaktere sind der Autorin jedoch sehr gut gelungen: Sie dürfen ihre eigenen Abenteuer erleben, während Frau Dohlberg als Gefangene eines Schicksals präsentiert wird, das scheinbar schon entschieden war, bevor sie überhaupt eigene Entscheidungen treffen konnte. Larry und Frau Dohlberg beobachten sich, aber ihre Wege kreuzen sich nicht.

Der Roman wurde allgemein sehr positiv besprochen, nur Bernard Schlink („Der Vorleser”) äußerte sich im „Literarischen Quartett” kritisch. Ihn irritierte, wie sich alle Konflikte in diesem Buch in Wohlgefallen aufzulösen scheinen. Es schien ihm der Ernsthaftigkeit des Themas nicht angemessen. Der neue Stiefvater entpuppt sich am Ende als netter Kerl, über den verstorbenen Bruder lässt sich plötzlich nach Jahrzehntelangem Schweigen mühelos reden und sogar über den Tod der Mutter der besten Freundin kann man hinwegkommen, wenn man sich nur jedes Mal an sie erinnert, wenn es Kroketten gibt.

Keßler möchte ihren jugendlichen Figuren angesichts des Grauens, das die Generation vor ihnen erlebte, unbedingt etwas Tröstliches mit auf den Weg geben. „Ich finde, man sollte sich einfach Mühe geben, zu überleben. Egal, was einem passiert und wie schlimm man gerade alles findet. Irgendwann stirbt man eh, so alt werden Menschen ja gar nicht, und bis dahin kann man doch auch einfach durchhalten, oder?”, lässt sie Timo sagen. „Es sei denn, man ist ein Nazi”, schiebt Larry hinterher.

Dass Keßler weiß, wie man auch mit sehr wenig sehr viel andeuten kann, beweist sie mit einer Formulierung, die sie der Friedhofsverwalterin in den Mund legt. Auf Larrys Frage, ob die Toten im Massengrab von Demmin denn kreuz und quer liegen – „die Füße des einen im Gesicht des anderen” – antwortet diese: „Nein. Mit den eigenen Leuten haben sie das nicht gemacht.”

Auch interessant: Florian Huber: Kind, versprich mir, dass du dich erschießt. Piper Verlag, 303 Seiten.


Der Dokumentarfilm von Martin Farkas, „Über Leben in Demmin”, ist in der Mediathek der Bundeszentrale für politische Bildung verfügbar.

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