Auf der Route der Befreiung

Wer sich auf die Spuren der Befreier von der Nazi-Herrschaft begeben will, kann das zum 75. Jubiläum mithilfe eines neuen Reiseführers tun. Berücksichtigt werden nicht nur die Routen der westlichen Alliierten, sondern auch jene der Roten Armee.

Nicht nur dank Fotos in Erinnerung: Manche der Kinder von einst erzählen noch heute begeistert von der Ankunft der „Amerikaner“. (Bilder und Bildrechte: Tony Krier/Photothèque Ville de Luxembourg)

Für die Befreier konnte die Situation auf ihrem Vorstoß in Richtung Deutschland manchmal ganz schön verwirrend und unübersichtlich sein. So wussten auch manche US-Truppen bei der Befreiung Luxemburgs zunächst gar nicht, wie ihnen hier geschah.

„Wir erreichten die Stadt Luxemburg im frühen Herbst, als das Großherzogtum erst teilweise befreit war. Nur wenige Kilometer östlich der Hauptstadt wurde noch gekämpft, doch das schien die Leute kaltzulassen. Die kleine Stadt, die fröhlich ihre Befreiung feierte, sah aus wie eine romantische Filmkulisse. Sie machte einen netten, gepflegten und sehr deutschen Eindruck.“

Und das kam bei den US-Soldaten eher nicht gut an, wie sich einer von ihnen, Saul K. Padover, erinnert. Skepsis weckte vor allem, dass die Leute hierzulande „auch wie Deutsche“ aussahen: „untersetzte, gleichmütige, bäuerliche Gestalten, denen die Lebhaftigkeit und der Witz ihrer französischen und belgischen Nachbarn fehlte“.

Doch dann merkten die GI‘s, dass dieses „germanische Erscheinungsbild täuschte“: „Bald stellte sich heraus, daß die Luxemburger zwar Nachbarn der Deutschen waren und einen deutschen Dialekt sprachen, im übrigen aber nichts mit den Deutschen gemeinsam hatten. Sie feierten ihre Befreiung mit Landesfahnen, patriotischen Spruchbändern und Porträts des Herrscherpaars und der großherzoglichen Familie. Überall stand in roten Lettern: LETZEBUERG ASS FREI.“

Padover hat diese Episode in seinem auf Deutsch unter dem Titel „Lügendetektor“ erschienenen Buch festgehalten. Als Mitglied der Abteilung für psychologische Kriegsführung immer an den vorderen Frontabschnitten unterwegs, um die „Moral des Feindes zu untergraben“ und die Mentalität der Deutschen hinsichtlich der anzustrebenden Nachkriegsordnung zu studieren, war Padover auf der Befreiungsroute manches Mal orientierungsbedürftig, wo genau er sich nun gerade wieder befand.

Handbuch zur Orientierung

Damit es historisch Interessierten heutzutage nicht genauso ergeht, hat der Reiseführer-Verlag „Rough Guides“ nun einen Band herausgegeben, mit dessen Hilfe man sich auf den Spuren der „Liberation Route Europe“ zurechtfinden kann. Diese transnationale Erinnerungsroute verbindet die Orte und Geschichten, die für die Befreiung Europas von der Naziherrschaft stehen. Deren Verlauf wird in dem Buch chronologisch und nach Ländern, Städten und Regionen aufgeteilt erzählt. In eine knappe historische Darstellung eingebettet, werden die wichtigsten Museen und Erinnerungsorte aufgelistet und erläutert. Immer wieder finden sich allgemeine Artikel eingestreut, so zum Leben unter der deutschen Besatzung, zu den europäischen Widerstandsbewegungen und zum Holocaust.

In kurzen biografischen Abrissen werden die wichtigsten Akteure der damaligen Zeit präsentiert, wie etwa Winston Churchill oder Dwight D. Eisenhower. Auch die Befreiung vom Osten her durch die Rote Armee wird berücksichtigt, um ein Bild zu korrigieren, das meist sehr stark auf den angloamerikanischen Kriegsbeitrag fokussiert. Die Beteiligung von Soldaten aus den Kolonialgebieten findet ebenfalls kurz Erwähnung.

Das Kapitel zu Luxemburg und Belgien und umfasst leider nur 14 von insgesamt knapp vierhundert Seiten, wenig überraschend werden hier die Ardennenoffensive und die „battle of the bulge“ um Bastogne betont. Als Erinnerungsorte hierzulande werden Schumann‘s Eck, das Diekircher Militärmuseum, sowie der amerikanische und der deutsche Soldatenfriedhof in Hamm beziehungsweise Sandweiler genannt.

Der Band kann sicherlich manche Informationen und Hinweise vermitteln, als Handbuch liefert es einen breitgefächerten ersten Überblick. Darüber hinaus ist sein Gebrauchswert aber vermutlich beschränkt. Hingegen ist Saul K. Padovers Dokumentarbericht, ähnlich wie Stefan Heyms großartiger Roman „Der bittere Lorbeer – Kreuzfahrer von heute“, nach wie vor empfehlenswert, um auch literarisch auf den Spuren der Befreiungsroute zu wandeln. Und das nicht nur, weil in beiden Büchern auch Episoden aus Luxemburg enthalten sind.

Nick Inman, Joe Staines: Travel The Liberation Route Europe. Rough Guides 2019.
Saul K. Padover: Lügendetektor – Vernehmungen im besiegten Deutschland 1944/1945. Die Andere Bibliothek 2016.
Stefan Heym: Der bittere Lorbeer – Kreuzfahrer von heute. Derzeit nur antiquarisch, verschiedene Ausgaben.

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