Die andere Corona-Epidemie: Gerüchte 
und Halbwahrheiten

Fake News führen zu Verunsicherung, doch bei der Corona-Epidemie gibt es nicht die eine Scientific Truth. Besser als Fake-News-Filter: sich informieren und weiterdiskutieren.

Braucht dieser Mann eine Maske? Wie verhindert man die Ausbreitung von Grippeviren – und von Fake News? (Foto: EPA /Jim Lo Scalzo)

Ist das Coronavirus eine biologische Waffe, aus einem Militärlabor freigesetzt? Das Gerücht macht seit Februar in den sozialen Medien die Runde, wird auch vom britischen Daily Express aufgegriffen. Fake News? Nein, denn ausschließen kann man ein solches Szenario nicht, weil trotz Biowaffenkonvention in manchen Ländern der militärische Einsatz von Krankheitserregern erforscht wird. Aber ein militärischer Hintergrund erscheint unwahrscheinlich – schon alleine, weil die Letalität der Covid-19-Krankheit eher niedrig ist. Außerdem widersprechen sich die Biowaffen-Theorien: Mal soll das Virus aus einem chinesischen Labor stammen, mal aus einem japanischen oder amerikanischen. Und schließlich: Niemand scheint über einen Impfstoff zu verfügen, da ist es egal, ob „das Militär“ schuld ist oder „die Fledermäuse“.

 

Panikmache und Verharmlosung

„Es ist viel bedrohlicher, als man euch glauben macht.“ Auch das ist eine beliebte Botschaft, die sich ebenso „viral“ verbreitet wie das Sars-CoV-2. Dass diese Botschaft recht plausibel klingt, liegt wohl an der Hast, mit der in den vergangenen Wochen viele Länder von einem laschen Umgang mit der Bedrohung auf drastische Maßnahmen zur Eindämmung umgeschwenkt sind. Der Satz mag also vor einem Monat noch gestimmt haben (obwohl damals manchmal als Fake News abgestempelt), doch mittlerweile klingen die Aussagen der Regierungen der betroffenen Länder kompetent und glaubwürdig. Und wie die Situation in Italien und Spanien dargestellt wird, das kann man nicht wirklich als verharmlosend bezeichnen.

Angesichts der drastischen Einschränkungen für das soziale und ökonomische Leben gibt es auch Stimmen, die vor Überreaktionen warnen. Gewiss, der Hinweis, Covid-19 sei weniger gefährlich als „die normale Grippe“ (Influenza), gilt mittlerweile als Fake News (auch wenn er vor einem Monat noch vielen plausibel erschien). Doch wie weit man bei den Eindämmungsmaßnahmen gehen muss, bleibt unklar. Ob zum Beispiel die jüngst in Frankreich eingeführten, ebenso drastischen wie sozial ungerechten Maßnahmen wirklich notwendig sind, ja, ob sie überhaupt mittelfristig durchgesetzt werden können, daran darf man zweifeln.

Was aber sind denn nun Fake News? Zum Beispiel die über die sozialen Medien verbreitete Aussage, die Wiener Uniklinik warne vor der Einnahme von Ibuprofen, weil dieses Fiebermedikament die Covid-19-Symptome verstärke. Gefälscht ist aber nur der Verweis auf die Uni Wien, die die Nachricht ausdrücklich dementierte. Demgegenüber gehen die Meinungen über die Warnung an sich auseinander: Die Schädlichkeit von Ibuprofen in Verbindung mit Covid-19 ist zwar nicht bewiesen, dennoch raten manche Expert*innen dazu, vorsichtshalber auf andere Fiebermedikamente zurückzugreifen.

Informationen keulen?

Die wahrscheinlich häufigsten zweifelhaften News zum Coronavirus betreffen Hausmittel, die vor einer Infektion schützen sollen. Die wenigsten dürften etwas nützen, doch die meisten sind gut gemeint – manche gehen allerdings auch auf skrupellose Geschäftemacherei zurück. Dann gibt es Paniknachrichten wie die, ab morgen würden alle Geschäfte schließen – vermutlich Clickbaiting, das Likes und Shares im Interesse der eigenen Online-Bekanntheit hervorrufen soll. Und zu Hamsterkäufen und Atemmasken-Diebstahl verführt. Auf der anderen Seite gibt es immer noch unhaltbare Verharmlosungen, die Menschen dazu ermutigen, die Eindämmungsmaßnahmen zu unterlaufen.

Ist die Infodemie „genauso gefährlich wie die Epidemie“, wie es bereits Mitte Februar der Generaldirektor der WHO formulierte? Und wenn ja, welche Ärzt*innen können die „kranken“ Informationen identifizieren und bekämpfen? Auf der News-Plattform heise.de wird sogar vorgeschlagen, den sozialen Medien ein Lockdown aufzuerlegen. Das erinnert an die zweifelhafte Strategie des Keulens bei Nutztierseuchen, wo gesunde und kranke Tiere unterschiedslos geschlachtet werden, um jedwede Ansteckung zu verhindern.

Fakebook bekämpft Face News

Verschiedene Länder sind eine Art Vorreiter dieser Herangehensweise, zum Beispiel Ungarn. Dort wurde bereits im Februar ein Fake-News-Netzwerk ausgehoben, das durch Meldungen über Corona-Todesfälle Panik verbreitete. Mit einem Notstandsgesetz will sich die Regierung nun auch die Möglichkeit geben, Gefängnisstrafen für die Verbreitung von Falschinformationen zu verhängen. Das Problem: Viktor Orban nutzt schon jetzt jede Möglichkeit aus, nicht nur gegen „falsche“, sondern auch gegen „unerwünschte“ Informationen vorzugehen.

Der wahre Vorreiter ist allerdings China: Dort sind die – intensiv genutzten – sozialen Netzwerke seit über zehn Jahren einer immer stärkeren staatlichen Kontrolle unterworfen. In der Anfangsphase der Epidemie wurde alles getan, um die warnenden Stimmen, darunter die des an der Krankheit verstorbenen Arztes Li Wenliang, mundtot zu machen. Im Windschatten der Corona-Epidemie geht das Land derzeit auch massiv gegen alle Regimekritiker*innen vor. Dass jetzt in den westlichen Demokratien auch der Notstand ausgerufen und Grundrechte außer Kraft gesetzt werden, macht es nicht leichter, die Übergriffe der chinesischen oder ungarischen Regierungen zu monieren. Die Möglichkeiten der Exekutive sind in den westlichen Ländern im Prinzip zeitlich begrenzt und einer parlamentarischen Kontrolle unterworfen, doch diese Einschränkungen müssen sich in der Praxis erst einmal bewähren.

Das staatliche Vorgehen gegen Fake News ist gefährlich, weil es für die Unterdrückung politisch unerwünschter – statt nur „falscher“ – Informationen missbraucht werden kann. Doch auch die politisch eher neutralen Betreiber*innen der sozialen Netzwerke sind nicht als Ärzt*innen für die „Informationskrankheit“ geeignet – denn ihre Filter-Algorithmen sind völlig intransparent.

Wie es scheint, werden derzeit die Militärlabor-Gerüchte in ihrem Informationswert zurückgestuft und die Verlautbarungen der Regierungen an die Spitze der Suchanfragen gestellt. Doch wie hilfreich ist das, wenn morgen in einem Militärlabor ein Unfall passiert und die Regierung versucht, dies geheim zu halten? Würde Facebook konsequenter filtern, wie von manchen gefordert, was wäre mit dem Appell „Bleibt zuhause!“ zweier Ärzte aus dem Robert-Schumann-Spital vom 16. März passiert? Gelöscht, weil als Panikmache oder gar als Fake News identifiziert? Oder wäre, im Gegenteil, die Kritik am Appell als unerwünschte „Verharmlosung“ gelöscht worden?

Illu: CC BY-SA 4.0 Anika Nawar Eeha

Ist das Virus eine Scheibe?

Die „Befreiung“ der Menschheit von Fake News dürfte mindestens so schwierig sein wie die vom Coronavirus. Und noch mehr Kollateralschäden verursachen als Letzteres, denn zwischen wahr und falsch zu unterscheiden, ist nicht so einfach. Manche Aussage zur Epidemie, die man heute als Falschinformation ansieht, erschien vor einem Monat plausibel. Häufig wiederholte Aussagen der Expert*innen, die Masken seien zu nichts nutze, werden seit Kurzem wieder relativiert: Zwar gilt immer noch, dass sie nichts zum Selbstschutz beitragen und dem Gesundheitswesen nicht vor der Nase „weggekauft“ werden sollten, doch für Infizierte wären sie ein Beitrag, ihre Mitmenschen zu schützen – angesichts einer großen Anzahl „stiller Träger“ nicht irrelevant.

Bei geophysischen Fragen wie „Kugel oder Scheibe?“ mag die Erkennung von Fake News eindeutig sein, bei vielen anderen Themen gibt es aufgrund der Komplexität und der Unsicherheiten Grauzonen zwischen richtiger und falscher Information. Beim Coronavirus ist die Unsicherheit besonders groß und das selektive Löschen von Wortmeldungen besonders problematisch. Statt die mutmaßlich „kranken“ Informationen zu eliminieren, wäre es ratsam, die Bildung von „medialen Antikörpern“ zu fördern. Mit andern Worten, die Medienkompetenz der Menschen zu stärken und auf problematische Wortmeldungen mit Gegenargumenten zu reagieren. Die Meinungs- und Gerüchtevielfalt ist oft nervig, doch das Schöne daran ist, sie zeigt, dass wir – noch – in einer offenen Gesellschaft leben.

Stimmt es, dass wir die Maßnahmen zurückfahren müssen, um eine Wirtschaftskrise zu vermeiden? Wird das Virus noch mutieren und auf einmal viel tödlicher werden? Fragen, auf die es nicht die eine Antwort gibt. Es ist allerdings unwahrscheinlich, dass die Menschheit ausgerottet wird oder die Gesellschaften vor lauter Fake News kollabieren. Ein Kollaps aufgrund der wirtschaftlichen Folgen und der gesellschaftlichen Spannungen ist da schon wahrscheinlicher. Also ist das Virus vielleicht doch eine Biowaffe, eingeschleust von Außerirdischen, die uns um unsere iPhones oder unser Klopapier beneiden …


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