Grenzgänger*innen in Luxemburg: Zunehmend erforscht

Fast die Hälfte aller in Luxemburg arbeitenden Menschen haben ihren Wohnsitz im Ausland. Bei zwei Dritteln davon handelt es sich um Männer. Das sind nur einige der aktuellen Daten bezüglich Grenzgänger*innen, die letzte Woche im Rahmen einer Konferenz der Asti vorgestellt wurden.

Bei einer Online-Veranstaltung am vergangenen Mittwoch drehte sich alles um Grenzgänger*innen. Während wir diese Woche in der Printausgabe der woxx das Theaterstück „Les frontalières“ vorstellen, dessen Regisseurin auf der Asti-Konferenz zu den Vortragenden zählte, soll der folgende Artikel einen Überblick der Statistiken liefern, die die Forscher*innen Isabelle Pigeron-Piroth (Universität Luxemburg) und Rachid Belkacem (Université de Lorraine) zu diesem Anlass präsentierten.

26 Jahre ist es her, dass die erste wissenschaftliche Studie über Grenzgänger*innen in Luxemburg veröffentlicht wurde. Seither hat sich viel verändert: Hatten 1994 noch 24,7 Prozent der hiesigen Arbeitnehmer*innen ihren Wohnsitz im Ausland, waren es im letzten Jahr 44,8 Prozent. Der größte Anstieg ist bei denjenigen aus Frankreich zu verzeichnen. Von ihnen arbeiten mit 17,3 Prozent die meisten im Bausektor. Grenzgänger*innen aus Belgien und Deutschland sind hingegen vor allem im Handel tätig.

Ebenfalls interessant: Der Prozentsatz an Arbeitnehmer*innen, die zwar in Luxemburg wohnen, jedoch über einen ausländischen Pass verfügen ist mit 28 Prozent gleichgeblieben. Der Prozentsatz derer mit luxemburgischem Pass seinerseits ist innerhalb eines Vierteljahrhunderts von 47,2 auf 26,9 Prozent gesunken. Bezüglich des Durchschnittsalters gibt es zurzeit keinen Unterschied zwischen ausländischen und luxemburgischen Arbeitnehmer*innen.

Trotz des geringen Anteils, ist letztere Gruppe in manchen Berufssparten überproportional vertreten. So etwa in den öffentlichen Verwaltungen (87 Prozent). Laut Isabelle Pigeron-Piroth sei dies dadurch zu erklären, dass diese Berufe oftmals die Kenntnis der drei Amtssprachen erfordere und zum Teil auch die luxemburgische Staatsbürgerschaft. Die Bereiche, in denen die Grenzgänger*innen gegenüber Einwohner*innen mit und ohne luxemburgischem Pass überwiegen, sind unter anderem die Verarbeitungsindustrie (67,2 Prozent), der Handel (59,2 Prozent) und der Bausektor (56,3 Prozent) „Donc on peut parler de ségmentation de l‚emploi“, so Pigeron-Piroth.

Bei rund zwei Dritteln der in Luxemburg arbeitenden Grenzgänger*innen handelt es sich um Männer. Pigeron-Piroth hat auch eine Vermutung, woran das liegen könnte:(…) Très probablement parce que les femmes sont encore bien souvent en charge de l’organisation familiale et sont moins enclines à connaître des mobilités qui peuvent être plus longues et plus contraignantes pour elles.“ Der Genderaspekt spielt auch bei der Jobauswahl eine Rolle: So arbeiten in der Industrie und im Bausektor vor allem männliche Grenzgänger, im Handel, dem Finanzsektor und im Gesundheitswesen dagegen deutlich mehr weibliche.

Im Anschluss an die Vorstellung dieser Zahlen und Fakten ging Rachid Belkacem auf das Bild der Grenzgänger*innen ein. Diese werden bei der luxemburgischen Bevölkerung zum einen für ihren Beitrag zur ökonomischen Entwicklung, zum anderen als soziale und kulturelle Bereicherung geschätzt. Es gibt aber auch negative Konnotationen: der Verlust der kulturellen Identität, das Verschwinden der luxemburgischen Sprache, der Schaden für Umwelt und Lebensqualität durch den Zustrom von Pendler*innen. Belkacem zeichnete abschließend die größten Hürden auf, die in puncto Grenzarbeit bevorstehen. Eine davon betrifft das Alter: „D‚ici cinq ans nous aurons trente pourcents qui partent à la retraite et on n’a personne pour les remplacer.“ Die Herausforderung, die sich laut Belkacem in diesem Zusammenhang stellt: Wie können die wachsenden offenen Stellen besetzt werden?

Das Bild, das Grenzgänger*innen ihrerseits von Luxemburg haben, hat die Forschung bisher deutlich weniger interessiert. Im Mai letzten Jahres gab die Asti deshalb bei der TNS Ilres eine entprechende Umfrage in Auftrag. Als Motivation in Luxemburg zu arbeiten, gaben 71 Prozent das bessere Gehalt an. 46 Prozent gaben an, oft oder sehr oft privaten Kontakt mit luxemburgischen Bürger*innen zu haben, bei professionellen Kontakten belief sich die entsprechende Zahl auf 69 Prozent. Mehr als die Hälfte der Befragten verfolgen die politische und soziale Aktualität des Großhergzogtums, 48 Prozent lesen wöchentlich luxemburgische Medien. „Et c’est justement ça qu’on voulait signaler: nous pensons en tant qu’Asti qu’on ne peut pas juste considérer les frontaliers comme des salariés, une main-d’œuvre qui nous apporte pas mal de richesses. Mais on doit peut-être réfléchir à une participation politique des salariés frontaliers“, kommentierte Laura Zuccoli diese Ergebnisse. Mehr Details zu dieser im Mai 2020 vorgestellten Umfrage können im woxx-Artikel Hassliebe zwischen den Grenzen gefunden werden.

Die integrale Konferenz der Asti kann auf Youtube gestreamt werden.


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