In der ARD-Mediathek: Wie Gott uns schuf

Wer dachte, dass sich queere Menschen aus Selbstschutz von Ämtern der katholischen Kirche fernhalten, wurde diese Woche eines Besseren belehrt: Die Doku „Wie Gott uns schuf – Coming-out in der katholischen Kirche“ gibt über 100 Betroffenen eine Stimme. Sie reden über Diskriminierung, Einsamkeit und jahrzehntelanges Versteckspiel.

Bilder: rbb/EyeOpeningMedia

125 Mitarbeitende der katholischen Kirche in Deutschland haben sich am Montag als queer geoutet. Sie taten dies mittels einer Doku, die in der ARD ausgestrahlt wurde und seither in der Mediathek des Senders kostenlos gestreamt werden kann.

„Es ist das größte Coming-out in der Geschichte der katholischen Kirche“, so eine Erzählerstimme zu Beginn des Films. Die Menschen, um die es geht, sind hauptamtliche, ehrenamtliche, potenzielle und ehemalige Mitarbeiter*innen der römisch-katholischen Kirche. Sie sind unter anderem in der Bildung, der Erziehung, der Pflege, der Verwaltung, der sozialen und karitativen Arbeit, als Kirchenmusiker*innen oder in der Kirchenleitung tätig. Einige wenige waren bereits zuvor geoutet, die meisten aber tun dies nun mittels dieses Films. Nach katholischem Arbeitsrecht riskieren sie damit ihren Job.

Eine solche Erfahrung machte etwa die ehemalige Dekanatsreferentin Carla Bieling. Als sie im siebten Monat mit ihrem zweiten Kind schwanger war, wurde sie fristlos entlassen. Der Grund: Man hatte herausgefunden, dass sie Jahre zuvor eine eingetragene Partnerschaft mit einer Frau eingegangen war.

Auch der angehende Religionslehrer und trans Mann Theo Schenkel stößt sich am katholischen Arbeitsrecht. Eigentlich würde er gerne seine Partnerin heiraten. Da die Kirche ihn nicht als Mann anerkennt, muss er sich jedoch entscheiden: Heiraten oder Berufsziel aufgeben?

Viele der Menschen, die in der Doku zu Wort kommen, hielten ihre sexuelle Orientierung viele Jahre geheim, manche sogar ihre Partnerschaften. Sie nahmen weite Arbeitswege auf sich, um eine möglichst große Distanz zwischen ihrem privaten und professionellen Leben zu gewährleisten. „Sicherheitsabstand“ nennt dies eine der Interviewten. „Mein ganzes Berufsleben war davon geprägt, dass ich mich permanent kontrollieren musste“, erzählt ihre Partnerin, eine ehemalige Religionslehrerin. Vor allem Betriebsausflüge oder Ähnliches seien für sie schwer gewesen, weil sie üblicherweise Anlass für Privatgespräche geben. Unentwegt musste sie darauf achten, ihre Lebensgefährtin, mit der sie mittlerweile 40 Jahre lang zusammen ist, mit keinem Wort zu erwähnen.

In der Doku wendet sie sich an den Kirchenrechtler Thomas Schüller: Kann ihr die Rente entzogen werden, jetzt wo sie nicht mehr arbeitet? Sie habe informell gehört, dass die Loyalitätsverpflichtung über die aktive Dienstzeit hinausgehe. Schüller kann Entwarnung geben, die Kirche habe sie fehlgeleitet. „Einerseits bin ich jetzt erleichtert. Andererseits habe ich mir all die Jahre diese Angst umsonst gemacht, aufgrund einer inkorrekten Information“, sagt die pensionierte Religionslehrerin unter Tränen. Schüller ist überzeugt, dass das kein Zufall ist: „Man hat mit ihrer Angst gespielt. Und das ist eigentlich das Perfide an der kirchlichen Taktik“.

Was die Spitze der Weltkirche zu all dem zu sagen hat, erfahren wir in der Doku nur indirekt. Denn kein Verantwortlicher aus dem Vatikan war bereit, ein Interview zu geben.

Indem sie über ihre Erfahrungen als lesbische, schwule, bisexuelle, queere, nicht-binäre und trans Katholik*innen sprechen, wollen diese 125 Betroffenen einerseits das Schweigen brechen, sich andererseits aber auch für eine diskriminierungsfreie Kirche einsetzen. Bei Letzterem geht es vor allem darum, die sexuelle Orientierung als Kündigungsgrund aus dem katholischen Arbeitsrecht zu streichen.

Die Doku ist Teil der Initiative #outinchurch. Dazu zählen neben der Doku ein Manifest und das im Mai erscheinende Buch „#OutInChurch – für eine Kirche ohne Angst“. Doch so begrüßenswert das Sichtbarmachen dieser Problematik auch ist: Eine „Kirche ohne Angst“ wird die katholische auch dann nicht sein, wenn sie LGBTIQA-inklusiver wird. Dafür wäre es zumindest nötig, auf Missbrauchsfälle innerhalb der Kirche auf angemessene Weise zu reagieren.

Bis zum 24. Januar 2023 in der 
ARD-Mediathek.

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