Jugend und Autos: Problematische Umfrageergebnisse

Quest fragte 500 junge Menschen nach ihrer Beziehung zu Autos. Die Umfrageergebnisse werden unnötig aufgebauscht – ihre Darbietung grenzt an Jugendfeindlichkeit.

Foto: Markus Spiske/pexels

Laut dem Marktforschungsunternehmen Quest proklamieren Politiker*innen und Soziolog*innen einen Paradigmenwechsel, was den Stellenwert des Autos im Leben junger Menschen betrifft: Er habe sich verändert und nehme ab. Quest ging dieser Hypothese auf eigene Faust nach und befragte junge Menschen zwischen 18 und 30 Jahren aus Luxemburg und der Grenzregion zum Thema Fahrzeugnutzung.

Eine Frage bezieht sich auf den Führerschein: 68 Prozent der Befragten haben einen, jeweils 15 Prozent sind dabei einen zu machen oder haben dies vor, und eine „minorité de niche“ von zwei Prozent lehnt es ab einen Führerschein zu erwerben. An dieses Ergebnis schließt Quest in seiner Pressemitteilung nahtlos die Antwort auf folgende Frage an: Firmenwagen – ja oder nein? 98 Prozent sagen „Ja” zum Firmenauto, davon suchten sich 29 Prozent unter drei möglichen Modellen dasjenige heraus, das am meisten CO2 verbraucht und ausstößt. „Seulement” 25 Prozent würden das umweltfreundlichste Auto auswählen. Über die Hälfte der Jugendlichen optiert für ein Zwischending. Das erwähnt Quest nicht.

Lieber hebt das Unternehmen hervor, dass sich „nur” fast ein Viertel der Befragten für die umweltfreundlichste Option ausspricht. Das ist zum einen nicht wenig, zum anderen im Vergleich zu den 29 Prozent, die eine Drecksschleuder bevorzugen, kein großer Unterschied. Noch dazu gibt Quest erst am Ende der Umfrageergebnisse an, dass die Reihenfolge der Fragen das Ergebnis beeinflusst habe: Wer zuerst Pro- und Contra-Argumente für die Nutzung von Autos aufzählen musste, wählte tendenziell die umweltfreundlichste Alternative unter den Firmenwagen. Das wiederum lässt darauf schließen, dass die Teilnehmer*innen die Umfrage unter unterschiedlichen Bedingungen beantworteten – und das relativiert das Ergebnis.

Ein weiteres „seulement” schiebt Quest vor die Information, dass 49 Prozent – also fast die Hälfte der Befragten, vorrangig junge Frauen – sich der Umwelt zuliebe generell gegen die Nutzung eines Autos ausspricht. Das ist nach dem Zugang zu Parkplätzen (63 Prozent) das zweitmeist genannte Gegenargument. 42 Prozent führten die Kosten an, 34 Prozent die Unfallgefahr. Nur vor das Umwelt-Argument platziert Quest das Wörtchen „seulement”. Warum nicht vor die erstaunlich selten genannte Unfallgefahr?

Über die Antwort lässt sich spekulieren. Eine naheliegende Erklärung: Quest gibt zwei bis drei Mal im Jahr Studien zu Gesellschaftsthemen in Auftrag, die potenzielle und bestehende Kundschaft interessieren könnten. Wer eins und eins zusammenzählt, erkennt schnell, wem so aufgearbeitete Umfrageergebnisse in die Karten spielen: der Automobilindustrie.

Das fällt auch dann auf, wenn Quest davon spricht, die Argumente für die Fahrzeugnutzung seien ausgeprägter als die Gegenargumente. Das mag daran liegen, dass Quest in der Darstellung der Umfrageergebnisse auseinandernimmt, was zusammengehört: Die Aspekte von Bequemlichkeit, Flexibilität, Autonomie und das Gefühl von Freiheit werden einzeln als von den Befragten bestätigtes Pro-Argument aufgezählt. Nur der Fakt, dass ein Auto bei der Arbeitssuche nützlich sein könnte, tanzt aus der Reihe und wurde von 68 Prozent der Teilnehmer*innen genannt.

Interessant ist auch, dass die Befragten gar nicht erst die Möglichkeit hatten, sich anstatt für die Fahrzeugnutzung für den öffentlichen Transport zu entscheiden. Die Umfrage klammerte alternative Fortbewegungsmittel aus. Das ist zwar legitim, um den Stellenwert des Autos im jungen Teil der Gesellschaft grob zu ermitteln, sagt aber längst nichts über das Umweltbewusstsein der Jugendlichen bezüglich des Transports aus. Das aber schwingt bei den Formulierungen von Quest mit. Das Fazit, dass der proklamierte Paradigmenwechsel noch nicht vollständig in die Gewohnheiten der ortsansässigen oder in der Nähe lebenden jungen Menschen einfließe, ist deshalb mit Vorsicht zu genießen. Es grenzt an Jugendfeindlichkeit, die entsprechenden Umfrageergbnisse derart wertend wiederzugeben.

Immerhin spendet Quest für jeden ausgefüllten Fragebogen einen gewissen Betrag an Hilfsorganisationen (Médecins sans frontières, SOS Villages d’enfants monde, Humanity & Inclusion, Croix-rouge luxembourgeoise, Caritas Luxembourg). Die hier besprochene Studie brachte 1.000 Euro ein, die an die unterschiedlichen Organisationen verteilt wurden.


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