Lesbos und Corona-Krise: „Die Leute hier kämpfen“

Von der Europäischen Union im Stich gelassen, sind die Flüchtlinge im Camp Moria auf Lesbos völlig auf sich allein gestellt. Thomas von der Osten-Sacken, Geschäftsführer des Verbands für Krisenhilfe und solidarische Entwicklungszusammenarbeit „Wadi e.V.“, ist vor Ort und unterstützt die verschiedenen selbstorganisierten Gruppen bei ihren Kampagnen. Die woxx hat mit ihm über die Lage auf der Insel und im Camp gesprochen.

Mitglieder des Moria Corona Awareness Teams bringen im Flüchtlingscamp Plakate an, um über Covid-19-Prävention aufzuklären. (Foto: Stand By Me Lesvos)

woxx: Gibt es schon Fälle von Covid-19-Infektionen auf Lesbos?

Thomas von der Osten-Sacken: Es gibt bislang [Stand Donnerstagnachmittag; Anm. d. Red.] vier gesicherte positive Fälle auf der Insel. Viele Griechen kommen derzeit aus dem Urlaub zurück, darunter auch die betreffenden Personen.

Im Flüchtlingscamp Moria selbst gibt es also noch keine Infektionsfälle?

Es gibt hier im Camp natürlich viele Krankheitsfälle, aber es gibt keinen getesteten Covid-19-Fall. Die Leute merken unter Umständen gar nicht, woran sie erkrankt sind. Doch zumindest gibt es bislang keine entsprechenden Auffälligkeiten, etwa dass plötzlich extrem viele Leute Fieber bekämen. Daher besteht im Moment die Hoffnung, dass sich die Infektion noch nicht im Camp ausgebreitet hat.

Die größte Herausforderung ist es daher, möglichst jede Art von Kontakt zwischen Flüchtlingen einerseits und den Griechen beziehungsweise Leuten von außerhalb zu minimieren. Deshalb auch die große Kampagne, die Anfang der Woche ins Leben gerufen wurde, um den Flüchtlingen klarzumachen, dass nun jeder Kontakt außerhalb des Lagers Risiken birgt. Von verschiedenen Selbstorganisationen der Flüchtlinge werden entsprechende Maßnahmen ergriffen, um das Bewusstsein der Bewohner des Camps zu schärfen. Es geht nicht darum, dass nun keiner mehr ins Lager rein oder raus kommt. Man kann weiterhin Bus fahren, mit dem Taxi rauskommen, die ganzen Schleichwege bestehen weiter. Es ist auch nicht so, dass die Polizei das Camp mit militärischen Mitteln abgesperrt hätte. Es kommen also immer noch Flüchtlinge nach Mytilini (eine Hafenstadt auf Lesbos und zugleich das wirtschaftliche und kulturelle Zentrum der Insel; Anm. d. Red.). Jeder kann das Virus potenziell mit zurück ins Lager bringen. Im Camp selbst wird ein Ausbruch nicht kontrollierbar sein. Es gibt keinerlei Möglichkeiten der Quarantäne, die Leute sitzen dicht an dicht oder stehen in den Schlangen für die Essensausgabe.

Welche hygienischen Vorkehrungen können unter solchen Bedingungen überhaupt getroffen werden?

Eigentlich gar keine. Jedes Corona-Aufklärungsplakat, das jetzt aufgehängt wird, beinhaltet blanken Zynismus: „Wasch Dir die Hände!“, obwohl es hier kein Wasser gibt, „Bleib zuhause!“, das ist dann ein Zelt oder ein Wohncontainer, in dem man sich dicht an dicht drängt. Bereits die einfachsten Vorkehrungen können hier also gar nicht getroffen werden. Weder die UNO noch andere größere Hilfsorganisationen haben hier frühzeitig mit einer Aufklärungskampagne begonnen. Stattdessen wurde vom „Moria Corona Awareness Team“ eine erste Kampagne ins Leben gerufen – mit selbstgeschriebenen Plakaten, Megafondurchsagen und ähnlichem. Dieses Team hat sich angesichts der katastrophalen Lage vor zwei Wochen unter den Flüchtlingen gegründet.

Woran fehlt es am dringendsten?

Dieses Camp ist ein Höllenloch, in dem Menschen unter Olivenhainen ohne Strom und Wasser hausen. Ich habe in meinem Leben schon viele Flüchtlingslager gesehen, aber das hier toppt selbst Lager im Irak. Im Prinzip handelt es sich hier um einen Flüchtlings-Slum, der aber zudem extrem schlecht verwaltet wird, weil die Menschen nicht wirklich die Möglichkeit haben, selbst die Initiative zu ergreifen. Sie sind davon abhängig, dass eine völlig unzureichend ausgestattete griechische Lagerverwaltung und ein paar Hilfsorganisationen pure Elendsverwaltung betreiben.

Es gab keinerlei Unterstützung seitens europäischer Institutionen?

Die EU hat einmal mehr gnadenlos versagt, denn eigentlich hätte man angesichts des sich verbreitenden Virus bereits vor Wochen Maßnahmen ergreifen müssen. Ebenso hätte man, wenn man schon nicht alle Flüchtlinge von hier evakuiert, zumindest ganz massiv alte und kranke Menschen, also die sogenannten Corona-Risikogruppen, aus diesem Camp rausholen müssen. Das sind nicht so viele, weil die Altersstruktur der Flüchtlinge hier im Lager in etwa jener der Bevölkerung in den Herkunftsländern der Menschen entspricht; in Syrien, Afghanistan, im Iran und Irak liegt das Durchschnittsalter jeweils irgendwo zwischen 19 und 24 Jahren. Im Vergleich zu Italien oder Deutschland gibt es also wenig alte Leute. Hätte man wenigstens sie rausgeholt, wären, wenn das Virus ankommt, nicht mehr die Leute hier, die ganz extrem bedroht sind. Ärztliche Versorgung gibt es de facto keine. Hier im Camp gibt es insgesamt acht oder neun Ärzte für 20.000 Leute.

Thomas von der Osten-Sacken vom Verband für Krisenhilfe und solidarische Entwicklungs-Zusammenarbeit „Wadi e.V.“ (Foto: Verbrecher Verlag)

Wie verhält sich die griechische Bevölkerung auf Lesbos in der derzeitigen Lage?

Die griechischen Flüchtlings-Hotspots wie hier auf Lesbos sind nicht die Folge von Naturkatastrophen, sondern das Resultat des völlig verkorksten EU-Türkei-Deals. Man hat über die Dublin-Verordnung Griechenland die Hauptlast der Flüchtlingskrise aufgebürdet, und zwar wissend, dass letztlich schon die griechische Verwaltung mit so etwas vollkommen überfordert ist. Man hat diese Entwicklung immer akzeptiert, weil man abschrecken will und hofft, dass so weniger Leute aus der Türkei herüberkommen. Ansonsten hat man nichts getan als viel geredet. Und die Menschen hier auf diesen Inseln haben das alles seit fünf Jahren zu ertragen – anders kann man das nicht bezeichnen. Mytilini ist eine Kleinstadt mit rund 30.000 Einwohnern, und an deren Stadtrand wohnen inzwischen über 20.000 Flüchtlinge. Man muss sich nur einmal vorstellen, wie die Situation wäre, wenn es so etwas in Deutschland oder Frankreich gäbe. Die Flüchtlinge könnten dort wohl kaum weiter unbehelligt durch die Stadt laufen, wie es hier der Fall ist.

Hofft unter den Insulanern in und außerhalb des Camps überhaupt noch jemand auf die Europäische Union?

An die ganzen Versprechungen der EU, etwas zu tun, glaubt hier niemand mehr. Man hätte schon längst mit der Auflösung des Lagers beginnen müssen. Nachdem die Türkei vor ein paar Wochen die Grenze aufgemacht hat, begann eine entsprechende Diskussion von neuem, aber ich war mir schon damals sicher, dass wieder nichts unternommen wird. Europa ist weder handlungsfähig noch war je wirklich der Wille erkennbar, aktiv zu werden. Griechenland wird einmal mehr allein gelassen, vor allem die griechischen Inseln. Wir sind hier völlig abgeschnitten. Es gibt de facto keinen Flugverkehr mehr und Westeuropa hat solche Probleme mit sich selbst, dass alles andere nur schönes Gerede bleibt.

Was bleibt auf Lesbos dann noch für eine Perspektive?

Es bleibt nur die Selbstorganisation der Lager, um zu versuchen, die Situation irgendwie zu meistern. Die Leute hier kämpfen, die Flüchtlinge möchten, dass zumindest ihre Stimme gehört und gesehen wird, was sie tun, wie sie sich mit nichts in der Hand dem Virus entgegenstellen. Es gibt auch ein wachsendes Gefühl der Solidarität zwischen den Flüchtlingen und der griechischen Bevölkerung, trotz des kompletten Shutdowns, der ja auch in Griechenland gilt. Man möchte irgendwie zusammen durch diese Krise durch, was auch durch symbolische Aktionen der Flüchtlinge bekräftigt wird. So haben sie beispielsweise mitgeholfen, in Supermärkten, wo Flüchtlinge und Griechen gemeinsam einkaufen, die neuen Regeln umzusetzen. Es werden Masken genäht, es gibt Statements der Flüchtlinge: „Wir sind hier, wir versuchen mit Euch zu kooperieren, wir fühlen uns auch für das Wohl der ganzen Insel verantwortlich.“ Die griechischen Medien haben hierauf fast durchweg sehr positiv reagiert. Das sind neue Töne, gerade auch nach der enormen Eskalation von Ende Februar/Anfang März. Aber es ist ein Rennen gegen die Zeit, und letztlich ist auch die griechische Seite nicht vorbereitet. Im zentralen Krankenhaus von Mytilini gibt es sechs Quarantänebetten, vierzehn weitere können irgendwie noch improvisiert werden. Vier Fälle sind jetzt bekannt, ab sieben Fällen wird es langsam eng.

Was kann man von Europa aus in der derzeitigen Situation noch tun, um die Menschen in Moria und anderen Lagern zu unterstützen?

Es geht jetzt um europäische Solidarität. Die europäischen Regierungen haben versagt, weshalb es jetzt, darauf ankommt, das andere Europa hochzuhalten, jene Idee, die aus dem antifaschistischen Widerstand entstanden ist. Die Plakate, die wir Anfang der Woche in vier Sprachen gemacht haben, sind binnen fünf Stunden gelayoutet, gedruckt und ins Camp gebracht worden. Wir haben geholfen, sehr viele, auch informelle Strukturen aufzubauen, unter Griechen, internationalen Unterstützern und Flüchtlingen. Es gibt unglaublich viele Menschen auf der Welt, die helfen: beim Layouten, beim Übersetzen, innerhalb einer Struktur, die eben nicht klassischen Hilfsorganisationen entspricht. In Krisensituationen ist ein solches Vorgehen auch häufig viel tragfähiger.

Wofür wird finanzielle Unterstützung benötigt?

Es geht darum, so schnell wie möglich etwas Geld zur Verfügung zu stellen, um improvisierte Wasserstellen zum Händewaschen aufzubauen, eine Müllabfuhr zu organisieren, um die Kommunikation im Camp zu verbessern, um Computer zu beschaffen, damit auch mit den Helfern vor Ort kommuniziert werden kann, ohne sich ständig persönlich sehen zu müssen und damit die Infektionsgefahr zu erhöhen. Fast alles wird mittlerweile per Telefon, WhatsApp und ähnlichem geregelt. Wir haben Busse und Autos, die ins Camp fahren können. Das meiste, was benötigt wird, kann hier trotz des Shutdowns lokal eingekauft werden. Wenn also etwa fünfzig große Wassereimer benötigt werden, sind die am nächsten Tag da.

Bleibt die Evakuierung der Lager dennoch eine wichtige Forderung?

Natürlich hoffe ich immer noch, dass mittels einer Evakuierung zumindest die Alten und Kranken aus dem Camp geholt werden, das ist auch die Forderung der Flüchtlinge. Es hilft nichts, wenn im Moment weiter die Auflösung des gesamten Lagers gefordert wird, die wahrscheinlich ohnehin nie kommen wird. Aber die paar hundert oder tausend Leute, um die es unmittelbar geht, könnten auch per Flugzeug oder Fähre rausgeholt werden. Dann bestünde die Hoffnung, dass im Falle einer Ausbreitung des Virus im Lager die Sterberate wesentlich niedriger ausfiele, als es derzeit zu befürchten ist. Falls in den nächsten Tagen Corona-Infektionen im Lager registriert werden, kommt es vermutlich zu einer Katastrophe.

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Weiterführend:

Moria Corona Awareness Team


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