Youth for Climate: Demonstrieren geht über Studieren

Weltweit wächst die Bewegung von Schüler*innen, die für den Klimaschutz auf die Straße gehen. Die woxx hat sich angeschaut, wie die Situation in Luxemburg aussieht.

Mit Stickern wird auch in Luxemburg-Stadt für den Streik mobilisiert. (Foto: woxx/ja)

Eigentlich begann alles mit einer Schießerei. Nämlich dem Schulmassaker an der Marjory Stoneman Douglas High School in Parkland, Florida. Die 17 Toten und 14 Verletzten brachten das Fass zum Überlaufen: Die „March for Our Lives“-Bewegung gründete sich, angetrieben zum Großteil von Überlebenden des Massakers. Diskussionen über schärfere Waffengesetze stehen seitdem auf der politischen Tagesordnung in den USA und dürften die Midterm-Wahlen durchaus beeinflusst haben. An den US-Schüler*innen, die sich für strengere Waffengesetze einsetzten, inspirierte sich wiederum eine junge Schwedin: Greta Thunberg.

Die 16-jährige Klimaaktivistin, die anlässlich des 8. März von gleich zwei schwedischen Zeitungen zur „Frau des Jahres“ ernannt wurde, ist mittlerweile weltweit bekannt. In Katowice und Davos redete sie den Mächtigen der Welt ins Gewissen. Davor streikte sie fürs Klima – zuerst jeden Tag alleine vor dem schwedischen Parlament, dann gemeinsam mit Tausenden anderen Schüler*innen jeden Freitag.

Aus dem isolierten Protest einer einzelnen Schülerin ist eine Massenbewegung geworden: In Schweden, Australien, Deutschland, Belgien, den Niederlanden, Kanada, dem Vereinigten Königreich, der Schweiz, Finnland, Norwegen, Irland und den USA streiken wöchentlich Schüler*innen, meistens unter dem Motto „Fridays for Future“. Oft war es eine einzige Person, die mit dem Streik begann und nach und nach mehr Jugendliche davon überzeugte, mitzumachen.

Am heutigen Freitag, dem 15. März, wird die Bewegung ihren vorläufigen Höhepunkt erreichen: Unter dem Motto „Global Strike for Climate“ werden über 1.200 Demonstrationen in über 100 Ländern organisiert. Und wer sich gefragt hat, wo denn die luxemburgischen Jugendlichen bleiben, darf beruhigt sein, denn auch im Großherzogtum wird heute gestreikt.

Solidaritätswelle

Das Datum ist seit Längerem bekannt, die Vorbereitungen laufen schon seit Wochen. „Am Anfang waren wir wenige, die im Dezember auf dem ‚March for Climate‘ waren, aber wir haben immer mehr Leute dazugewonnen. Im Moment sind ungefähr 50 Personen in der Organisation des Streiks involviert, davon 20 bis 30 so richtig aktiv“, erklärt Johanna. Die 16-Jährige ist, wie die meisten Jugendlichen beim Klimastreik, nicht zuvor in einer Organisation engagiert gewesen. „Wir bereden das meiste über den Messenger Slack und natürlich treffen wir uns auch“, erklärt sie.

Das Mouvement écologique stellt die Räumlichkeiten für die Treffen zur Verfügung, auch andere Organisationen wie das Cell und Greenpeace unterstützen den Klimastreik. Vom Méco kam auch eine öffentliche Unterstützungserklärung, in der betont wurde, dass sich die eigene Jugendorganisation Move aktiv bei den Protesten einbringe. „Dass junge Menschen jetzt aufstehen, um sich für ihre Zukunft einzusetzen, verdient volle Solidarität. Denn es ist die nächste Generation, die die Lasten eines ‚Nicht-Handelns‘ der aktuellen Entscheidungsträger der Politik und der Gesellschaft tragen müsste. Die Zeit drängt, es ist jedoch noch nicht zu spät, um entschieden vorzugehen“, hieß es weiter von den „Älteren“ des Méco.

Auch der OGBL hat sich öffentlich solidarisiert: „Die Jugendlichen haben vollkommen recht damit, sich ihren Kolleg*innen überall in Europa anzuschließen und dringende Aktionen zu fordern, um endlich den Klimawandel zu bekämpfen. Der Klimaschutz ist ein existenzieller Kampf für die gesamte Menschheit“, schreibt die Gewerkschaft in einer Pressemitteilung.

Am Mittwoch verkündeten die Jugendorganisationen von sechs der sieben im Parlament vertretenen Parteien ebenfalls ihre Unterstützung. In einem gemeinsamen Schreiben von JDL, CSJ, déi jonk Gréng, JSL, déi Lénk Jeunes und Jonk Piraten heißt es: „Klimapolitik muss politische Grabenkämpfe überflügeln und kann nur erfolgreich sein, wenn alle zusammenarbeiten. Dafür gehen die Jugendorganisationen mit gutem Beispiel voran und sprechen sich gemeinsam für den Schülerstreik und somit für eine engagierte Klimapolitik aus.“

Es wirkt ein wenig so, als wäre – zumindest in Luxemburg – beinahe die gesamte politische und zivilgesellschaftliche Landschaft auf Seiten der demonstrierenden Jugendlichen. Die fühlen sich aber nicht unbedingt gehört oder gar verstanden, auch weil immer wieder medial gegen die Proteste als „Schulschwänzen“ gestänkert wird. Der deutsche FDP-Politiker Christian Lindner hatte zum Beispiel gar gemeint, Klimapolitik sei etwas für Expert*innen, die Schüler*innen vergeudeten mit den Protesten wertvolle Unterrichtszeit. „Ich hatte einen Lehrer, der eine ähnliche Bemerkung gemacht hat. Ich habe mir nur gedacht, dass der Klimawandel schon lange bekannt ist, aber trotzdem wurde bisher erst sehr wenig dagegen getan“, erzählt Johanna der woxx.

Für das Leben lernen

„Wenn wir nichts machen, wird gesagt, wir Jugendlichen seien so unpolitisch. Jetzt gehen wir auf die Straße und das wird auch wieder kritisiert. Was sollen wir denn machen?“, so die Aktivistin weiter. Der 18-jährige Kimon ist realistisch: „Natürlich wird es Leute geben, die einfach nach Hause gehen und sich über einen halben Tag schulfrei freuen. Aber die meisten Jugendlichen machen sich Gedanken um ihre Zukunft, der Klimawandel ist uns ein wichtiges Anliegen.“

„Schwänzen“ ist ohnehin ein dehnbarer Begriff: Für den 15. März hat Bildungsminister Claude Meisch (DP) den luxemburgischen Schulen die Erlaubnis gegeben, ihre Schüler*innen für die Demo zu entschuldigen. Außerdem könnten – außerhalb der Schulzeiten natürlich – Informationsversammlungen zum Thema organisiert werden. „Ich bin in einer Privatschule, unsere Direktion sagt, dass die Aussage des Ministers nicht für uns gelte. Das schüchtert viele ein“, erzählt die 18-jährige Giovanna. Diese Einschüchterung sei auch der Grund, wieso in Luxemburg nicht wie in anderen Ländern jeden Freitag gestreikt werde: „Luxemburg ist klein, es ist schwierig, viele Leute zu motivieren, da die meisten Angst vor unentschuldigtem Fehlen haben. Am Freitag werden von meiner Schule nur jene dabei sein, denen das Thema wirklich wichtig ist, denn sie werden unentschuldigte Fehlstunden ins Klassenbuch eingetragen bekommen.“

Die Europaschule teilte der woxx mit, dass ein Streik nicht in den Regeln der Schule vorgesehen wäre, weshalb das Fehlen „ungerechtfertigt“ sei. Die Schule zeigt sich jedoch „von einem menschlichen Standpunkt aus“ sehr froh, dass ihre Schüler*innen sich für dieses „heikle und sehr wichtige Thema“ interessierten und würde Maßnahmen wie Vorträge zum Thema unterstützen, damit ihre Schüler*innen informiert seien und „in ihrem Erwachsenenleben die richtigen Entscheidungen treffen“ könnten.

Foto: C.Suthorn, Frida Eddy Prober 2019 / cc-by-sa-4.0 / commons.wikimedia.org

Die von Lindner zitierten Expert*innen sind auf jeden Fall auf der Seite der Jugendlichen: Über 12.000 Wissenschaftler*innen aus Deutschland, Österreich und der Schweiz haben am 12. März ihre Unterstützung für die Klimaproteste der Jugendlichen kundgetan. Luxemburg hat vor Kurzem seinen Klima- und Energieplan veröffentlicht (siehe woxx.eu/9sju), der ehrgeizige Reduktionsziele von bis zu 55 Prozent CO2-Einsparungen bis 2030 vorsieht.

Die Jugendlichen sind davon aber nicht besonders beeindruckt: „Es gibt viel, was noch passieren muss, gerade im öffentlichen Transport, in vielen Dörfern kommt nur einmal in der Stunde ein Bus. Und wir sollten viel mehr Lebensmittel hier im Land produzieren und nicht nur alles importieren“, meint Johanna dazu. Immer wieder kommt im Gespräch mit den Jugendlichen auch das Thema Plastik auf. „Umweltschutz beschränkt sich nicht auf den Klimawandel, auch zum Beispiel die Plastikverschmutzung der Meere beschäftigt uns sehr“, erklärt Giovanna.

Die jungen Klimaaktivist*innen rechnen mit ungefähr 10.000 Demonstrierenden, die sich am heutigen Freitagvormittag am hauptstädtischen Glacis treffen und von dort aus Richtung Parlament ziehen werden. Die letzte große Demonstration, die von Jugendlichen ausging, war 2014 gegen die Reform der Studienbeihilfen. Damals gingen ungefähr 17.000 Schüler*innen und Studierende auf der Straße. „Es geht uns aber nicht nur um eine Demo, sondern wir hoffen, dass sich auch danach viele Jugendliche für den Klimaschutz engagieren.“


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