Caritas-Sozialalmanach 2019: Aufstieg und Fall des Wachstums

Eine Woche vor der Rede zur Lage der Nation leistet der Sozialalmanach einen wichtigen Beitrag zur Wachstumsdebatte in Luxemburg.

Robert Urbé, 
Marie-Josée Jacons und Carole Reckinger bei der Vorstellung des Caritas-Sozialalmanachs. (
Foto: woxx)

Qualitatives Wachstum! Schon 2003 hatte Jean-Claude Juncker die Idee lanciert, „Unternehmen ins Land zu holen, die weder personalintensiv sind, noch viel Fläche verbrauchen, dafür aber die öffentlichen Finanzen stärken“. Und schon damals ging es um den Bevölkerungszuwachs, genauer gesagt, die weit entfernt scheinende Perspektive des „700.000-Einwohner-Staates“. Mittlerweile steuert das Land auf über eine Million Einwohner zu und die Antwort von Junckers Nachfolger*innen auf diese Herausforderung ist die gleiche geblieben: Her mit dem guten Wachstum, das Geld einbringt, weg mit dem schlechten, das die Umwelt zerstört und mit Verkehrsstaus, Platzmangel und Überfremdung einhergeht.

Rettet Luxemburg!

Eine Woche vor der Rede Xavier Bettels zur Lage der Nation ist, wie seit über zehn Jahren üblich, der Sozialalmanach der Caritas erschienen. Am Dienstag wurde das über 400 Seiten starke Buch vorgestellt, das sich mit dem Thema „qualitatives Wachstum“ kritisch auseinandersetzt. Dabei geht es nicht an erster Stelle um das demografische Wachstum – dieser Aspekt wurde bereits im Almanach von 2017 untersucht. Fast alle Beiträge hatten damals für einen Stopp des Bevölkerungswachstums plädiert, statt ein radikales Umsteuern bei der Raumplanung und das Prinzip der Suffizienz zu thematisieren – so als ginge es darum, die „Insel Luxemburg“ zu retten.

In der diesjährigen Ausgabe des Almanachs dagegen ist es nur noch Energie- und Landesplanungsminister Claude Turmes, der „die Seele Luxemburgs“ bewahren will – nicht ohne sich zugleich von „Nationalstaatsdenken und Rückschrittlichkeit“ zu distanzieren. Die restlichen Autor*innen scheinen, wohl unter dem Eindruck der Klimadebatte, von vorneherein mit einem kritischen und globalen Blick an das Thema „qualitatives Wachstum“ heranzugehen.

Drei Beiträge sind der großregionalen Perspektive gewidmet, unter denen „La petite Europe“ von Roger Cayzelle hervorsticht. Der ehemalige Präsident des Conseil économique, social et environnemental de Lorraine unterstreicht die Rolle Luxemburgs als ökonomisches Zentrum der Großregion. Fluch oder Segen? Zwar profitiere der periphere Raum und die zahlreichen Grenzgänger*innen von dieser Situation, so Cayzelle, doch in manchen Grenzzonen komme das Gefühl auf, man lebe in „territoires de seconde zone“, die von dem Luxemburger Wachstum verdrängt oder ausgenutzt würden. Cayzelle warnt auch, die Bevölkerung der Großregion als Ganzes stagniere und sei von Überalterung bedroht.

Richtig an den Kragen geht es dem Begriff des qualitativen Wachstums dann im Beitrag von Tom Becker, Markus Hesse und Christian Schulz, alle drei an der Uni tätig. Qualitatives Wachstum sei ein „leerer Signifikant“, eine „Begriffshülse“, „die primär politische Alternativen auf symbolischer, diskursiver Ebene suggeriert“. Eigentlich stehe der Begriff für die Hoffnung, das jetzige Wirtschafts- und Konsummodell mit Hilfe neuer Technologien aufrechtzuerhalten – eine Hoffnung, der die Autoren eine Absage erteilen. In der Folge konzentrieren sie sich auf ihr Fachgebiet, die Stadt- und Raumentwicklung: Die bisherige Antwort auf das explosionsartige wirtschaftliche und demografische Wachstum war von Laisser-faire geprägt, was zu einer Mobilitäts- und Wohnungskrise geführt hat.

Qualitativ, naiv?

„Originär qualitative Dimensionen etwa in Bereichen wie denen des Planens und Bauens [spielen] bisher nur eine untergeordnete Rolle“, so die Autoren. Und stellen fest, dass die Wohnungsnot zu Zersiedlung und Bodenspekulation bis über die Grenzen Luxemburgs hinaus führt, also zum Gegenteil eines qualitativen Wachstums. Als Gegenbeispiel wird unter anderem das Stadtentwicklungskonzept Frankfurt 2030 angeführt – ein neu anzulegendes Stadtviertel soll das Wachstum der Mainmetropole absorbieren. Doch in Luxemburg steht einem solchen – im urbanistischen Sinne – qualitativen Wachstum die politische Scheu entgegen, klare Entscheidungen in Sachen Flächennutzung zu treffen, bei denen es Gewinner*innen und Verlierer*innen geben würde. „Wohlstandsgewinne durch Spekulation sind jedoch die lokale Dividende der Globalisierung Luxemburgs“, sie können nicht offen diskutiert werden, stellen die Autoren resigniert fest.

Qualitatives Wachstum, ja, aber bitte richtig, so könnte man die bisher erwähnten Abhandlungen – und mehrere andere – zusammenfassen. Eine erste grundsätzlichere Infragestellung des Begriffs findet man da, wo man sie nicht unbedingt gesucht hätte: im Beitrag von Tom Eischen, einem ehemaligen hohen Beamten im Wirtschaftsministerium, der an der Koordination des Rifkin-Prozesses beteiligt war. Nachdem der Autor die Wichtigkeit der Technologien der dritten industriellen Revolution für ein qualitatives Wachstum dargelegt hat, stellt er seine bevorzugte Dreifach-Strategie für Nachhaltigkeit vor: Effizienz, Konsistenz, Suffizienz. Effizienz steht für klassische Optimierung der Produktion mittels Technologie, Konsistenz dagegen eher für ein Umdenken, bei dem die Technologie auf ihre Kompatibilität mit den natürlichen Prozessen geprüft wird. Diese beiden Begriffe mögen noch kompatibel mit Wachstum sein – Suffizienz aber bedeutet ganz klar weniger materiellen Konsum. Sie erfordert genau das, was der Begriff „qualitatives Wachstum“ aus der Diskussion heraushalten soll: die Décroissance, das Schrumpfen.

Besteht die Antithese zu Wachstum darin, Verzicht zu üben, um die Welt zu retten? Der Eindruck könnte entstehen, umso mehr als auf der Pressekonferenz der ehemalige Generalvikar Mathias Schiltz sogar von Askese schwärmte. Die Gleichsetzung von Suffizienz mit Verzicht aber führt zu einem – teilweise verständlichen – Misstrauen seitens der für soziale Gerechtigkeit engagierten Akteur*innen. Unter dem Vorwand, die Welt zu retten, soll der unteren Mittelschicht ihr „Wohlstand“ weggenommen werden, mutmaßen Gewerkschaftler*innen. Sozialdemokrat*innen alten Stils dagegen, die im Wachstum den Quell der Umverteilung sehen, nehmen die Perspektive des Verzichts zum Vorwand, jedwede Wachstumskritik zu verteufeln.

Vom Verzicht zum Zusammenbruch

Leider fehlt im 2019er-Almanach ein Beitrag zum „buen vivir“, zum der Quechua-Kultur entlehnten Prinzip des „guten Lebens“, das auf Genügsamkeit, Solidarität und Harmonie mit der Natur gründet. Dafür entwerfen Mathias Schiltz und sein Koautor Henri Hamus eine christliche Gegenutopie zum auf materielles Wachstum fixierten individualistisch-neoliberal geprägten Gesellschaftsmodell. Der Beitrag ist eine bunte Mischung von Gemeinplätzen, tiefen Einsichten, katholischer Soziallehre und verklausulierter Kapitalismuskritik, der aber interessanterweise in ein Plädoyer für „eine Gemeinschaft der Liebe“ mündet. Das mag schwülstig klingen, dürfte aber der Solidarität über Landesgrenzen hinweg, die die Klimabewegung auszeichnet, näher kommen als so manche soziologische Untersuchung.

Illu: „Der Garten der Lüste“, um 1500, Hieronymus Bosch

Ist die kirchliche Abhandlung einer Utopie gewidmet, so verschreibt sich der wichtigste zivilgesellschaftliche Beitrag einem urchristlichen Thema: der Apokalypse. Noch 2017 hatte der Koordinator der Transition-Bewegung Norry Schneider zwar für den Abschied vom Wachstum plädiert, dabei aber hoffnungsvolle Alternativen im Kleinen und im Großen aufgezeigt. Doch nun, zweieinhalb Jahre später, ist der mit seiner Kollegin Karine Paris verfasste Beitrag mit „Le silence de l’effondrement“ – „Die Stille des Zusammenbruchs“ – überschrieben. Unter anderem werden neben dem Klimawandel die massiven Biodiversitätsverluste, die Zerstörung der Böden und der Rohstoffverbrauch angeführt.

Es geht dabei aber nicht an erster Stelle darum, zu zeigen, dass die Industrialisierung unausweichlich zum Weltuntergang führt. Wichtig scheint Paris und Schneider vielmehr zu sein, den Lösungen, die ein „weiter wie bisher“ ermöglichen sollen, eine klare Absage zu erteilen. Das erfordere eine Trauerarbeit, ein Abschiednehmen von den bisherigen Träumen einer besseren Zukunft. „Wir sind uns bewusst, dass diese Position einen Bruch darstellt mit dem Modell der nachhaltigen Entwicklung und dem Glauben, unsere Gesellschaften hätten die Zeit, die notwendigen Veränderungen langsam und schrittweise anzugehen, abhängig von dem schwankenden Mut der politischen Entscheider und der Bevölkerungen“, präzisieren die Autor*innen. Daher solle man sich vorbereiten auf den Schock des Zusammenbruchs und auf die Zeit danach. Mit diesem Beitrag setzen Paris und Schneider die Frage des qualitativen Wachstums in einen neuen Kontext – den der Perspektive einer ungesteuerten großen Schrumpfung. Auch wenn in ihrem Text – wie in der Praxis der Transition-Bewegung – immer ein Funke Hoffnung auf ein Wunder glimmt.


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