Rechtsextreme und Open Source-Software: Kampf um das Fediverse

Weil die Regeln gegen Hassrede auch auf US-Plattformen strikter werden, suchen Rechtsextreme, sich neue Plattformen. Und geraten dabei in Konflikt mit der Open Source Community.

Ein freundliches Mammut ist das Maskottchen der Twitter-Alternative Mastodon. Nun haben Nazis und Rechtsextreme die Software für sich entdeckt. (Illustration: joinmastodon.org)

Im Jahr 2016 wurde es einigen Akteur*innen der sogenannten „alt-right“ zu heiß auf den großen sozialen Netzwerken wie Twitter und Facebook, denn sie sahen sich immer wieder mit Accountsperren konfrontiert. Vor allem nach Donald Trumps Wahlsieg geriet die rechtsextreme Szene in den Fokus, was die Netzwerke unter einen gewissen Druck setzte. Somit begannen sie, ihre Regeln bezüglich Hassrede endlich einzuhalten und teilweise sogar zu verschärfen. Also gründeten einige Rechtsextreme mit der Plattform Gab eine Alternative zu Twitter.

Zu einem sozialen Netzwerk gehört mittlerweile aber nicht nur eine Website, sondern auch eine App, mit der es via Smartphone erreicht werden kann. Auch hier waren die Rechtsextremen damit konfrontiert, dass zwei „Gatekeeper“ den Markt kontrollieren: Ihre Apps wurden in den App-Stores von Apple und Google (Android) immer wieder entfernt, da der Inhalt der Plattform auch hier gegen die Regeln verstößt. Erschwerend kam hinzu, dass Gab keinerlei inhaltliche Moderation vornahm, sodass Hassrede nicht gelöscht wurde. Für Apple und Google ein weiterer Grund, die App in ihren Stores nicht zu erlauben.

Gab ist besonders für seinen grassierenden Antisemitismus und die Verherrlichung des Nationalsozialismus bekannt. Das hielt Größen der US-amerikanischen „alt-right“ wie Richard Spencer oder den Verschwörungstheoretiker Alex Jones jedoch nicht davon ab, die Plattform zu benutzen. Im Oktober 2018 musste Gab kurzzeitig offline gehen, nachdem bekannt worden war, dass der Attentäter der Attacke auf die Synagoge in Pittsburgh kurz vor seiner Tat antisemitische Postings auf Gab veröffentlicht hatte.

Wenn Nazis Probleme mit der Technik haben

Seit Anfang des Jahres hatte das rechtsextreme soziale Netzwerk immer wieder mit Ausfällen zu kämpfen, die angeblich auf Hacking-Attacken zurückzuführen seien. Nicht unbedingt eine zufriedenstellende Situation für die Nutzer*innen, die zum Teil auch für Sonderfunktionen zahlen. Am 4. Juli 2019 stellte Gab seine Software um. Statt der eigens entwickelten Software wird nun die quelloffene Twitter-Alternative Mastodon verwendet.

Im Gegensatz zu Twitter ist Mastodon keine zentralisierte Plattform. Stattdessen gibt es viele verschiedene Server, Instanzen genannt, die teilweise unterschiedliche Benimmregeln haben. Diese Instanzen richten sich manchmal auch an spezielle Nutzer*innengruppen, die ein bestimmtes Thema besonders interessiert. Trotzdem ist es möglich, Nutzer*innen von anderen Mastodon-Instanzen zu folgen und mit ihnen zu interagieren. Ermöglicht wird das vom sogenannten Fediverse.

Das Fediverse ist die Gemeinschaft der Mastodon-Instanzen und anderer Plattformen, die alle miteinander kommunizieren können. Neben Mastodon, das ähnlich wie Twitter funktioniert, gibt es im Fediverse zum Beispiel Diaspora (ähnlich wie Facebook), Peertube zum Videostreaming und Pixelfeed zum Teilen von Fotos. Ein ganzes Ökosystem an Alternativen zu kommerziellen und datenhungrigen Plattformen ist am Entstehen. Dabei werden Features eingebaut, die andere Dienste nicht haben und Erleichterungen für gewisse Nutzer*innengruppen bedeuten. Posts bei Mastodon lassen sich zum Beispiel mit einer Warnung für gewisse Inhalte (etwa Beschreibung von Gewalt oder Spoiler für einen Film) versehen. Pixelfeed zeigt die Fotos chronologisch an – ein System, das vom Vorbild Instagram zugunsten eines undurchsichtigen Algorithmus aufgegeben wurde.

Und nun sollte das rechtsextreme Gab Teil des Fediverse werden? Zum Glück hatte die Mastodon-Community schon Erfahrung mit Rechtsextremen und Nazis, die die eigene Instanz „ohne Zensur“ eröffneten. Die Nachricht über solche Nazi-Instanzen verbreitete sich recht schnell und die meisten Instanzen blockierten die Kommunikation mit den rechtsextremen Servern. Das passierte auch mit Gab. Das hält die Rechtsextremen zwar nicht davon ab, sich untereinander auszutauschen – sie können jedoch nicht die Nutzer*innen anderer Instanzen belästigen.

In die Filterblase verbannt

Auf joinmastodon.org können sich Interessierte die für sie passende Instanz aussuchen. Dort werden nur solche Instanzen aufgelistet, die sich an einen Verhaltenscodex halten. Und der sieht ganz klar Moderation gegen Rassismus, Sexismus sowie Homo- und Transfeindlichkeit vor.

Der Wechsel auf Mastodon sollte für Gab nicht nur die technischen Probleme lösen, sondern auch die Verfügbarkeit einer App garantieren. Für Mastodon existieren nämlich mehrere Apps, die mit allen Instanzen funktionieren. Auf welcher man registriert ist, macht für die App keinen Unterschied. Somit hätten die Rechtsextremen, die Gab verwenden wollten, einfach eine beliebige Mastodon-App verwenden können. Allerdings haben sie nicht mit den Entwickler*innen gerechnet: Sowohl Tusky als auch Toot!, zwei populäre Mastodon-Apps, haben Gab sofort blockiert. Das führte zu einem regelrechten Shitstorm auf den App-Stores, wo es negative Bewertungen von Rechtsextremen hagelte.

Auf f-droid.org, einer quelloffenen Alternative zum Google Play Store, passierte dies ebenfalls. Hier meldeten sich die Betreiber*innen nach wenigen Tagen zu Wort: Sie begrüßten die Entscheidung von Tusky und würden Apps, die rechtsextreme Netzwerke wie Gab bewerben, von ihrer Seite ausschließen.

Foto: CC BY Alex Proimos NC 2.0

Da die Apps quelloffen sind, ist es für die Rechtsextremen zwar kein Problem, eine eigene Version zu veröffentlichen – dies ist jedoch wieder mit dem Risiko verbunden, dass diese von Apple, Google oder eben F-Droid gesperrt werden, wenn sie zu sehr darauf aufmerksam machen, dass sie einen Zugang zu Gab bieten.

Freie Software für alle?

Insgesamt ist Gab ein Symbol dafür, dass die Open Source-Community sich immer wieder schwierigen Fragen stellen muss: Wenn die Software, die sie produziert, von allen benutzt werden darf, wenn der Programmcode für alle offen verfügbar ist, schließt das Nazis und Rechtsextreme mit ein. Es gibt viele verschiedene Lizenzen für quelloffene Software, die sich jedoch vor allem darin unterscheiden, unter welchen Bedingungen Änderungen am Code ebenfalls quelloffen publiziert werden müssen. Eine Beschränkung der Nutzungszwecke ist nicht vorgesehen und wäre vermutlich rechtlich auch schwer durchzusetzen.

Damit, dass auch Nazis ihre Software für „free speech“ benutzen können, müssen sich die Entwickler*innen quelloffener Software also abfinden. Im Falle von Gab führt das zu der absurden Situation, dass das Netzwerk die Funktion für Inhaltswarnungen – in den Augen der Gab-Nutzer*innen vermutlich etwas für verweichlichte „Snowflakes“ – ebenfalls beinhaltet. Ob und wie Gab die Mastodon-Software weiterentwickeln will, ist bisher nicht bekannt. Viel können Open Source-Entwickler*innen also nicht tun, um Nazis davon abzuhalten, ihre Software zu nutzen – mehr als symbolische Aktionen wie das Verstecken antifaschistischer Slogans im Quellcode wird realistischerweise nicht möglich sein.

Das dezentrale System des Fediverse hat jedoch einen Vorteil: Einerseits können Nutzer*innen sich eine Instanz aussuchen, die Regeln hat, die ihnen gefallen, andererseits können Nazi-Server kollektiv geblockt und somit vom Netzwerk ausgeschlossen werden. Außerdem ist es recht leicht, von einer Instanz zur nächsten umzuziehen. Damit müssen die Betreiber*innen von Instanzen Verantwortung übernehmen – etwas, womit sich große kommerzielle Netzwerke wie Twitter oder Facebook immer noch schwer tun, auch wenn sie die schlimmsten Nazis bereits vergrault haben.


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