Votez parité: Ja, aber…

Eine heute gestartete Kampagne ruft dazu auf, genau so viele Frauen wie Männer zu wählen. Das bringt aber wenig, solange das Problem nicht an der Wurzel gepackt wird.

© Ministère de l’égalité entre femmes es hommes

Zwei Wochen vor den Europawahlen ruft das Ministerium für Gleichstellung zwischen Frauen und Männern anhand einer Kampagne die Bevölkerung dazu auf, paritätisch zu wählen. Damit wird auf die anhaltende Unterrepräsentanz von Frauen auf politischen Posten reagiert. Zurzeit sind nur 36 Prozent aller EU-Abgeordneten weiblich.

Teil der Kampagne ist die Internetsite 50-50.lu, auf der unter anderem über Gleichstellungsmaßnahmen der EU informiert wird. Es wird zudem dazu aufgerufen, ein Foto von sich selbst mit dem Hashtag #iloveparity oder #vote5050 in den sozialen Medien zu veröffentlichen.

Am 16. Mai laden das Ministerium sowie der Conseil national des femmes au Luxembourg (CNFL) zur Veranstaltung „La mixité, un moteur et modèle européen“ ins hauptstädtische Centre culturel „Schéiss“ ein. Auf Vorträge von der Direktorin der Abtei Neumünster, Ainhoa Achutegui, sowie Gleichtstellungsministerin Taina Bofferding folgt ein Rundtischgespräch mit Vertreter*innen aus dem erzieherischen, künstlerischen, wirtschaftlichen, juristischen, wissenschaftlichen und politischen Bereich.

Auch wenn die Sensibilisierung der Bevölkerung an und für sich gut und wichtig ist, so lässt sich durch solch kurzgegriffene Kampagnen nur sehr wenig bewirken. Wie die woxx bereits in einem früheren Artikel unterstrich, reicht es nicht, paritätisch zu wählen. Um langfristig Geschlechtergerechtigkeit zu fördern, ist es wichtiger, Kandidat*innen und Parteien zu wählen, die sich die Förderung von Chancengleichheit zum Ziel gesetzt haben. Doch davon abgesehen bringt es wenig, zum Wählen von Parität aufzurufen, ohne dass gleichzeitig eine Analyse und Bekämpfung der Gründe für die anhaltende Geschlechterungleichheit stattfindet. Menschen wählen nicht deshalb vor allem Männer, weil sie sich keine geschlechtergerechte Gesellschaft wünschen, sondern weil sie sie objektiv gesehen für die besser geeigneten Politiker halten. Um das Problem also an der Wurzel zu packen, müsste diese Kampagne sehr viel weiter gehen. Wo ist die Sensibilisierungskampagne, die dazu aufruft, Kinder und Jugendliche geschlechtsneutral zu erziehen? Wo diejenige, die Parteien und Presseorgane zu paritätischer medialer Repräsentation aufruft? Wo sind konkrete Maßnahmen, um Stereotype aus Schulmaterialien, Kinderspielzeug und Werbung zu verbannen?

Ein Aspekt, den die woxx ebenfalls schon kritisiert hat, ist der Fokus des Ministeriums für Gleichheit zwischen Frauen und Männern auf Zweigeschlechtlichkeit. Nicht nur, dass es keinen Mehrwert hat, die Diskriminierung von Frauen getrennt von derjenigen anderer marginalisierter Geschlechtsgruppen zu behandeln: Eine solch getrennte Behandlung ist regelrecht kontraproduktiv. Wenn das Ministerium auf der Kampagnen-Webseite schreibt „encourager les femmes et les hommes à être actifs en politique, c’est favoriser les valeurs démocratiques“, dann wird dadurch aktiv zur Unsichtbarkeit anderer Geschlechter beigetragen.

„Le Parlement européen, qui est au cœur de la démocratie, doit être à l’image de la population“, steht ganz richtig auf 50-50.lu. Das betrifft jedoch nicht nur Männer und Frauen, sondern jegliche marginalisierten Bevölkerungsgruppen.


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