Adornos „Flaschenpost an die Zukunft“

Der Suhrkamp-Verlag hat Theodor W. Adornos Vortrag „Aspekte des neuen Rechtsradikalismus“ in Buchform gebracht. Der Text liest sich stellenweise wie ein Kommentar aktueller politischer Geschehnisse.

Copyright: Suhrkamp Verlag

Es war der 6. April 1967 als Theodor W. Adorno auf Einladung des „Verbands Sozialistischer Student_innen Österreichs“ an der Wiener Universität einen Vortrag über die Aspekte des neuen Rechtsradikalismus in Deutschland hielt. Volker Weiß, Historiker und Publizist, erläutert in seinem Nachwort des kürzlich von Suhrkamp veröffentlichten Vortrags die Hintergründe: „Die bewusst lose gehaltenen Ausführungen dienten dazu, einem österreichischen Auditorium den Aufstieg der 1964 gegründeten NPD in der Bundesrepublik zu erläutern, die als Sammlungsbewegung des rechten Lagers signifikant Zuspruch verzeichnete.“ Ein Jahr nach dem Vortrag war die Partei in sieben Landesparlamente eingezogen, scheitere aber 1969 bei den Bundestagswahlen im September – nur einen Monat nach Adornos Tod. Heute sind rechtspopulistische Politiker*innen wieder in etlichen Regierungen vertreten.

Sprach Adorno im April 1967 über die NPD, zogen im April 2019 in Estland fünf Politiker der rechten estnischen Volkspartei Ekre ins Parlament ein: Unter anderem Ruuben Kaalep, nach Medienberichten Holocaust-Leugner, und der zum Innenminister ernannte Mart Helme, der wiederholt aufgrund rassistischer Parolen auffiel. Auch in Polen, Ungarn oder Brasilien ist die extreme Rechte an der Macht. Die Tricks, die rechte Parteien und populistische Bewegungen heute anwenden, um eine breite Masse für sich zu gewinnen und ihre Inhalte propagandistisch zu verbreiten, gleichen in ihrer Struktur denen der „neuen Rechten“ der 1960er-Jahre. Volker Weiß schreibt zurecht in seinem Nachwort, dass sich eine „schematische Übertragung“ von Adornos Vortrag zwar verbiete und es gelte, „durch den Kontext Bedingtes und Grundsätzliches zu unterscheiden“. Doch lese sich das Buch stellenweise wie „ein Kommentar zu aktuellen Entwicklungen“.

Adorno charakterisiert in seinem Vortrag wesentliche Züge rechtspopulistischer Bewegungen. Seine Beobachtungen haben über die Jahre hinweg nichts an Gültigkeit eingebüßt. Es offenbart sich eine gewisse psychosoziale Disposition für rechtes Gedankengut und rechtspopulistische Handlungsmuster in der Bevölkerung. So lesen sich Adornos Überlegungen zum Begriff der Demokratie tatsächlich wie ein Kommentar gegenwärtiger Geschehnisse, besonders wenn er sagt: „Das offen antidemokratische fällt weg. Man beruft sich immer auf die wahre Demokratie und schilt die anderen antidemokratisch.“ Das trifft unter anderem im Hinblick auf die Kontroverse um die europäische Asylpolitik und die Haltung gegenüber Migrant*innen zu. In dem Kontext spricht Adorno zusätzlich über die Rechten und ihr Protzen mit Kenntnissen, Statistiken und Daten, die sie für ihre Zwecke instrumentalisieren. Die vorgegebenen Informationen sind dabei oft per se nicht falsch, nur liefern sie durch eine unvermittelte oder zusammenhanglose Darbietung eine Steilvorlage für Trugschlüsse. Ein konkretes Beispiel hierfür ist der Umgang der „Alternative für Deutschland“ (AfD) mit der Kriminalstatistik.

Die Demokratie-Keule wird heute auch dann von rechtspopulistischen und nationalkonservativen Parteien geschwungen, wenn es um Gender-Fragen geht. Hierzulande diskreditieren Parteien wie die ADR oder déi Konservativ progressive Bewegungen regelmäßig als Schlag gegen die eigentliche, die vermeintlich wahre Demokratie und Gleichstellung von Gesinnungen. Die Bösen sind immer diejenigen, die die Allgemeinheit durch den Aufruf zu mehr Toleranz und Akzeptanz sowie die von populistischen Parteien oft verschriene „Willkommenskultur“ angeblich ins Unheil stürzen. Auch Adornos Beschreibung dieses Phänomens ist zeitlos: „Sie haben etwas gemeinsam mit jener Art von manipulierter Astrologie von heute, die ich für ein sozialpsychologisches Symptom halte, dass sie nämlich in gewisser Weise die Katastrophe wollen, dass sie von Weltuntergangsphantasien sich nähren, so wie sie übrigens, wie wir aus Dokumenten wissen, auch der ehemaligen Führungsclique der NSDAP gar nicht fremd gewesen sind.“

Über neue Formen von Rechtspopulismus und Rechtsradikalismus zu lesen ist wahrlich keine bahnbrechend neue Erfahrung – und trotzdem beschleicht einen bei der Lektüre des Vortrags ein Gefühl der Unruhe, des Aufgebrachtseins. Vielleicht deswegen, weil hier nicht etwa ein*e Zeitgenossin*in spricht, sondern jemand aus der Vergangenheit, der unbewusst antizipierte, womit sich die heutigen Generationen (immer noch) auseinandersetzen müssen. „Auch in diesen Tagen ist das Gespenst, dem sich Adornos Vortrag widmet, noch lange nicht erlöst“, schreibt Volker Weiß. „Erneut wandelt es als neuer Rechtsradikalismus umher. Umso wichtiger ist es, sich die Struktur faschistischer Agitation und die sozialpsychologischen Grundlagen ihres Erfolgs wieder bewusstzumachen.“ Das Bewusstsein, dass das gesellschaftliche Monstrum, das Rechtsradikalismus ist, nie wirklich und auf ewig besiegt ist, macht Angst. Ein Satz aus dem Klappentext bringt schließlich auf den Punkt, warum Adornos Vortrag nicht einer von vielen über den „neuen“ Rechtsradikalismus ist: „Vieles hat sich seitdem (Anm.d.R.: seit 1967) geändert, manches aber ist gleich geblieben oder heute, 50 Jahre später, wieder da. Und so liest sich Aspekte des neuen Rechtsradikalismus wie eine Flaschenpost an die Zukunft.“

Theodor W. Adorno: Aspekte des neuen Rechtsradikalismus. Suhrkamp Verlag: Berlin, 2019. (10 Euro)


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