China schafft’s allein, aber …

Eine breite Entkopplung zwischen dem Westen und China wäre nicht nur ökonomisch ein Problem. Eine solche Entwicklung würde das Denken der Menschen und die Zukunft des Planeten dauerhaft verändern.

Der chinesische Traum vom Erfolg in Amerika – das war einmal.
(Plakat des Films „American Dreams in China“; Wikipedia)

Der amerikanische Traum ist am Ende, jetzt kommt der chinesische Traum. So sieht es zumindest die Regierung in Beijing und vermutlich ein Teil der chinesischen Bevölkerung. 2013 kam der Film „American Dreams in China“ in die Kinos: Die Geschichte einer chinesischen Startup, die Student*innen für die Aufnahme an US-Universitäten fit macht. Der Film thematisiert das Interesse an westlichen Ideen und Lebensweisen, aber auch die Enttäuschungen, denen Chines*innen immer wieder in westlichen Ländern ausgesetzt sind. Im gleichen Jahr lancierte der chinesische Präsident Xi Jinping auch seinen Slogan des Chinesischen Traums: auf eigenen Füßen stehen und die eigenen Werte hochhalten.

Acht Jahre später fragt die Hongkonger Zeitung South China Morning Post (SCMP): „Are Chinese people falling out of love with the Western dream?“ Und zitiert den als liberal und kritisch geltenden Blogger Qiao Mu: „[In China] sind Armut und Ungerechtigkeit immer noch weit verbreitet, aber wer es versucht, kann sein Leben in die Hand nehmen und den [sozialen] Aufstieg schaffen.“ Qiao, der seit vier Jahren in Washington lebt, beklagt die US-Defizite in Sachen Bildung und Chancengleichheit, die dazu führten, dass dort „die Klassenunterschiede stark versteift sind“.

Der chinesische Traum

Der Blick auf die eigene Regierung habe sich auch durch die Covid-Krise verändert, so die SCMP weiter. Während China die Epidemie unter Kontrolle brachte, haben die Entscheidungen westlicher Staaten, insbesondere der USA und Großbritanniens, viele Todesopfer gefordert. Der chinesisch-amerikanische Politikwissenschaftler Pei Minxin verweist auch auf die geopolitischen Veränderungen: „Jetzt, wo die USA China offen feindlich gegenüberstehen, ist es verständlich dass viele Chinesen, auch solche mit liberalen Ansichten, die nationalistische und antiamerikanische Haltung übernehmen.“ (siehe woxx 1634: Ende der Freundschaft)

Was das von westlichen Strateg*innen angedachte „Containment“, also die Eingrenzung Chinas bedeutet, bekommen Chines*innen und ganz allgemein Menschen mit asiatischen Wurzeln schon jetzt am eigenen Leib zu spüren. Die verbalen oder körperlichen Übergriffe, bis hin zu Mord, die mit den Schlagzeilen vom „chinesischen Virus“ zugenommen hatten, nehmen weiter zu – geopolitisch legitimiert sozusagen. Zwar hat der neue US-Präsident Joe Biden anti-asiatischen Rassismus mehrfach deutlich verurteilt, doch die Politik seiner Behörden ist weniger eindeutig. Chinesische Forscher*innen und Studierende stehen unter dem Generalverdacht der Spionage und haben Schwierigkeiten, ein Visum zu erhalten oder zu erneuern. Das mag für Westler*innen in China nicht völlig anders sein; wünschenswert wäre aber, dass sich der Umgang mit den „Fremden“ auf beiden Seiten entspannt, statt in eine Spirale des Misstrauens zu münden.

Isolation oder Kooperation?

Wovon Nationalist*innen auf beiden Seiten des Pazifiks schon lange träumen, wird langsam Realität: Nach 50 Jahren Entspannung und Austausch zwischen den USA und China geht es wieder zurück in die Isolation. Die Signale, die derzeit von westlichen Staaten kommen, klingen für viele Chines*innen wie: „Wir wollen nichts mit euch zu tun haben, macht alleine weiter.“ Das Allein-Weitermachen wiederum ist nicht nur eine persönliche Entscheidung, wie das eigene Kind in China statt in den USA studieren zu lassen. „China im Alleingang“ ist auch ein geostrategisches Szenario, über das in Peking schon lange nachgedacht wird.

Im Bereich Raumfahrt ist China schon seit vielen Jahren auf sich gestellt. 2011 schränkte ein amerikanisches Gesetz die Zusammenarbeit der Nasa mit China offiziell ein, so ist das Land zum Beispiel von der Internationalen Raumstation ausgeschlossen. Das wiederum verhindert auch die Teilnahme an multilateralen Projekten wie dem Artemis-Programm unter US-Führung (online-woxx: Wie auf Erden so im Himmel). China geht daher seinen eigenen Weg und verzeichnet erste Erfolge, wie die Landungen auf der dunklen Seite des Mondes und auf Mars. Doch diese Entwicklung ist nicht ungefährlich: Ähnlich wie bei der Klimaproblematik sind die Herausforderungen im Weltraum supranationaler Natur: Weltraumschrott, Militarisierung und Ansprüche auf Ressourcen werden zu Konflikten führen.

Statt China zu isolieren (oder in eine Partnerschaft mit Russland zu drängen), wäre es sinnvoll, das Land einzubinden und gemeinsame Spielregeln für die Raumfahrt auszuhandeln. Und was im Weltall einleuchtet, sollte auch auf der Erdoberfläche möglich sein: Statt einer Neuauflage des Kalten Krieges den Dialog und die Verständigung zu suchen auf einem Planeten, der immer kleiner wird.

 


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