Der Westen und China: Ende der Freundschaft

Viele Westler*innen waren in den vergangenen Jahrzehnten von China fasziniert, manche haben ihr Privat- oder Berufsleben eng an das Land gebunden. Doch jetzt stehen Distanzierung und Entkopplung auf der Tagesordnung – mit unabsehbaren Folgen.

The Day After? Überreste der Großen Mauer am Jadetor-Pass.(Wikimedia; Bairuilong; CC BY-SA 4.0)

Wer einmal Pandas sehen möchte und den Zoobesuch nicht scheut, sollte damit nicht zu lange warten. Möglich, dass in den kommenden Jahren die plump-putzigen Bären aus westlichen Tierparks verschwinden werden. Was viele nicht wissen: Pandas werden von China normalerweise nur auf zehn Jahre „ausgeliehen“, sie verbleiben im Besitz des chinesischen Staates. Und können also zurückgefordert werden, zum Beispiel wenn ein Zoo die Standards nicht einhalten kann – oder das Gastland es sich mit der Regierung in Peking verdirbt. Letzteres könnte in den kommenden Jahren für die meisten westlichen Länder gelten, falls die USA, ihr Militärbündnis Nato und andere Alliierte dem Rat bestimmter Kreise in Washington nachgehen, gegenüber China eine Strategie des „containment“, der Eingrenzung, zu fahren wie seinerzeit während des Kalten Krieges gegenüber der Sowjetunion.

Von der Panda- zur Wolfsdiplomatie

Dass das Vorhaben, China auf allen Ebenen zu isolieren, so populär ist, daran trägt das Land eine erhebliche Mitschuld. So wurde die zurückhaltende Diplomatie der Vergangenheit zur „Wolf Warrior“-Diplomatie – benannt nach einem ultranationalistischen chinesischen Filmhelden. Zum Teil dürfte es das ungeschickte Nachäffen des häufig arroganten Tons der US-amerikanischen Diplomat*innen sein, zum Teil einfach Inkompetenz, und zum Teil richten sich die aggressiven chinesischen Wortmeldungen auch an das eigene Publikum (wie in den USA). Damit verscherzt sich Peking die während zwei Jahrzehnten westlicher China-Begeisterung aufgebaute Soft Power und greift dafür immer stärker auf Drohungen und Sanktionen gegenüber Staaten und Individuen zurück.

Doch auch im Westen fördern Medien und Politiker*innen eine feindselige Haltung gegenüber China, insbesondere unter Hinweis auf die Menschenrechtsverletzungen oder gar den „Völkermord“ im Xinjiang (woxx 1626). Nicht, dass die Berichte über die Unterdrückung in jener Region keine reale Grundlage hätten. Doch es ist befremdlich, dass sie gerade jetzt ein breites Publikum erreichen, wo doch die Grundrechte im Xinjiang seit Jahrzehnten mit Füßen getreten werden (was nicht heißt, dass diese Rechte anderswo in China geschützt wären). Seit 2001 versucht die Regierung, das gesamte, vielschichtige Spektrum der Verteidiger*innen der uigurischen Identität als dschihadistisch abzustempeln. Westliche Medien hingegen tun seit Kurzem so, als bekämpfe Peking dort nur Frömmigkeit und gewaltlosen Widerstand.

Menschenrechtsorganisationen, die schon lange auf die Menschenrechtsverletzungen in China aufmerksam machen, finden auf einmal ein offenes Ohr bei Politik und Medien. Das verdanken sie aber nicht ihrer geduldigen Arbeit, sondern den geopolitischen Entwicklungen. Wie sein Vorgänger sieht auch Präsident Joe Biden den Aufstieg Chinas als Bedrohung für die US-Interessen und will sogar ausdrücklich verhindern, dass China die wirtschaftliche und politische Nummer Eins wird. Für das State Department und andere westliche Außenministerien sind die Menschenrechte nicht viel mehr als Munition im Machtkampf zwischen Großmächten. Das ist nicht unbedingt neu. Neu ist, dass damit der politische Mainstream den Konfrontationskurs von Donald Trump fortsetzt – mit unabsehbaren Folgen.

Warnung vor dem Kalten Krieg

Es sind keineswegs nur Pazifist*innen und Internationalist*innen, die vor einer Neuauflage des Kalten Kriegs warnen. Im vergangenen Jahr konnte man im Fachjournal „Foreign Affairs“ Artikel von Chinakennern wie dem Premierminister von Singapur Lee Hsien Loong und dem ehemaligen australischen Premierminister Kevin Rudd lesen: Beide rufen zwar dazu auf, dem Agieren Chinas klare Grenzen zu setzen, warnen aber vor einer ungezügelten Konfrontation auf allen Ebenen: „Einen Rahmen [für die Interessenkonflikte] zu schaffen ist schwierig, aber jetzt noch machbar – und die Alternativen dazu sind voraussichtlich katastrophal“, wie es Rudd formuliert. Ein Warner ist auch Henry Kissinger, der 1972 die Annäherung zwischen den USA und China eingefädelt und die ersten Pandas in den Washingtoner Zoo gebracht hat. „Eine Konfrontation mit China (…) würde einen Konflikt ohne Gewinner heraufbeschwören, der wie der Erste Weltkrieg mit der Erschöpfung beider Parteien enden würde“, so der ehemalige US-Außenminister in einem von der Neuen Zürcher Zeitung veröffentlichten Gespräch.

Chinesisches Zeichen für Frieden. (Pixabay; John Hain)

Kissinger, der den Kalten Krieg miterlebt und -gestaltet hat, gibt sich keinen Illusionen hin, was die Stabilität einer Konfrontation zwischen verfeindeten Blöcken angeht. Ein erstes Szenario für den Übergang zu einem „heißen“ Krieg wäre ein chinesischer Angriff auf Taiwan – oder eine taiwanesische „Provokation“ in Form einer Unabhängigkeitserklärung. Die Insel an sich wird zwar nur von der Volksrepublik als vitales Interesse angesehen, doch eine chinesische militärische Aggression würden die USA kaum unbeantwortet lassen. Auch Krisenlagen in Korea, im südchinesischen Meer oder in einem Land der „Neuen Seidenstraße“, bei denen für beide wenig auf dem Spiel steht, könnten durch Misstrauen und Überreaktion zu einem offenen Krieg eskalieren. Und – wie seinerzeit im Kalten Krieg – kann es jederzeit zu einem Krieg aus Versehen kommen, wenn fälschlicherweise ein bevorstehender gegnerischer Angriff prognostiziert wird.

Ein „präemptiver Erstschlag“ (siehe online-woxx) in einer solchen Situation wäre eines der Szenarien für einen amerikanisch-chinesischen Atomkrieg. Allerdings halten die wenigsten Expert*innen eine Nuklearisierung für wahrscheinlich. Als unwahrscheinlich gilt aber auch ein kurzer Kriegsverlauf mit einem klaren Ergebnis. Thinktanks wie die Rand Corporation gehen eher von einem unentschiedenen Schlagabtausch aus, gefolgt von einem Einknicken der Logistik auf beiden Seiten und einem weiterschwelenden Konflikt. Für Jahre wäre die ganze Welt in einem Kriegszustand: Eine Seeblockade gegen China und Vergeltungsschläge gegen den Westen wären begleitet von Wirtschaftskrisen, massiver Verarmung und Desintegration der Umwelt- und Klimaschutzbemühungen.

Gegen Viren und Leihfahrräder

Ob ein solches Schreckensszenario sich verhindern lässt, hängt davon ab, ob beide Seiten einen Dialog anstreben, das Misstrauen auf politischer Ebene abbauen und nach innen Völkerverständigung statt „Patriotismus“ fördern. Die Art und Weise, wie China auf die jüngsten europäischen Sanktionen mit Sanktionen gegen zum Teil chinafreundliche politische und zivilgesellschaftliche Strukturen reagiert hat, lässt eher auf einen Willen zur Eskalation schließen. Dazu passt auch das Vorgehen gegen westliche Journalist*innen die seit vielen Jahren mit China vertraut sind – den oft undifferenziert chinakritischen Darstellungen der Medienzentralen im Westen setzt Peking einseitig prochinesische Berichterstattung entgegen und lässt alle Zwischentöne verstummen.

Schwarz-Weiß-Raster.

Den Westen zu verteufeln, ist in China populär, so wie es die auf Halbwahrheiten beruhenden antichinesischen Schlagzeilen im Westen sind, ob sie sich nun auf Migrant*innen oder Billigimporte, auf Virenlabore oder Leihfahrräder beziehen. Sogenannte Vorsichtsmaßnahmen wie die pauschale Verdächtigung von chinesischen Akademiker*innen und Studierenden sind zwar nicht der Grund für die sich häufenden Übergriffe gegen Asiat*innen, doch Rassist*innen können sie als Bestätigung ihrer Weltsicht auffassen (online-woxx: China schafft’s allein, aber …). Dreht die Spirale weiter, dann werden kaum mehr Westler*innen in China bleiben wollen und die Auslandschines*innen nolens volens nach Hause gehen. Sind erst einmal die Feindbilder neu verwurzelt und das Global Village zweigeteilt, dann führt kein einfacher Weg mehr in eine offene und friedliche Weltgesellschaft.

Zur US-chinesischen Konkurrenz im Weltraum: Wie auf Erden so im Himmel.

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