Sexualerziehung: Man lernt nie aus

Altersübergreifend, ganzheitlich, zugänglich und intersektionell – das Ziel, das sich mit dem neuen Aktionsplan zur sexuellen und affektiven Gesundheit gesteckt wurde, könnte nicht ambitionierter sein.

© Pixabay

Das Auditorium der Uni Luxemburg war bis auf den letzten Sitzplatz gefüllt, als am vergangenen Dienstag der Nationale Aktionsplan zur Förderung sexueller und affektiver Gesundheit vorgestellt wurde. Das Stichwort, das sich wie ein roter Faden durch die gesamte Konferenz zog, war „ganzheitlich“. Dieser Leitlinie soll nämlich die hierzulande geleistete Sexualerziehung künftig entsprechen. Diese Herangehensweise wird bereits daran deutlich, dass gleich vier Ministerien an der Ausarbeitung beteiligt waren: Gesundheit, Familie, Bildung und Geschlechtergleichstellung. Anders als der bisherige Aktionsplan, richtet sich der neue, am 1. Januar 2019 in Kraft getretene nicht nur an Kinder und Jugendliche, sondern an die gesamte Bevölkerung. Angestrebt werden Sensibilisierung, Information, Prävention und Fortbildung unabhängig von Faktoren wie Alter, Bildungsgrad, Gesundheitszustand, Sprachenkenntnissen, sozioökonomischem Hintergrund oder sexueller Orientierung.

Dass letzterer Aspekt gerne ausgeklammert wird, lässt sich schon alleine daran erkennen, dass bei der Sexualerziehung der Fokus häufig noch auf die Reproduktion gelegt wird. Davon will man sich nun entschieden abwenden. Thematiken wie ungewollte Schwangerschaften und sexuell übertragbare Krankheiten sollen keinen zentralen Stellenwert mehr erhalten, sondern es soll stattdessen ein positives Verständnis von Sexualerziehung gefördert werden. „Die Förderung der affektiven und sexuellen Gesundheit versteht sich als grundlegender Beitrag zur Gesundheit und zum allgemeinen Wohlergehen einer Person während ihres ganzen Lebens“, heißt es im Plan.

Der Definition der Weltgesundheitsorganisation folgend wird Sexualität im Aktionsplan als ein Recht aller Menschen verstanden. Eine solche Herangehensweise soll helfen, die eigene Sexualität und romantische Beziehungen auf respektvolle, erfüllte Weise zu erleben, ohne Einschränkung, Diskriminierung oder Gewalt. Sexualerziehung beschränkt sich demgemäß nicht nur auf physiologische, biologische und emotionale Aspekte, sondern umfasst auch solche wie Freundschaft, gegenseitigen Respekt, Selbstsicherheit, Selbstbestimmung und Verantwortungsbewusstsein. Zu Sexualerziehung gehört es, zu lernen, dass man eine Entscheidungsfreiheit hat und die Grenzziehungen anderer respektieren sollte.

Der Konferenzsaal bildete die transversale Herangehensweise im Kleinformat ab: Während im Publikum Menschen aus unterschiedlichsten Tätigkeitsfeldern saßen, ergriffen auf dem Podium neben den vier Minister*innen auch zahlreiche Vertreter*innen aus dem Feld der Sexualerziehung das Wort: von Femmes en détresse, Cigale, APEMH (Association des parents d’enfants mentalement handicapés), HIV Berodung und Planning Familial.

Eine zentrale Rolle bei der Umsetzung des Aktionsplans spielt das Cesas (Centre de référence pour la promotion de la santé affective et sexuelle). Die Aufgaben, die dem Zentrum in Zusammenarbeit mit weiteren Akteur*innen zukommen, sind vielfältig: die Vernetzung erleichtern, eine auf einheitlichen Prinzipien basierende Weiterbildung ausarbeiten, sowie die Bevölkerung sensibilisieren.

Wenn das große Interesse an der Konferenz ein Hinweis auf den hohen Stellenwert gab, der sexueller und affektiver Gesundheit mittlerweile beigemessen wird, dann scheint sich in naher Zukunft etwas zu bewegen.


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