Year 2021 (1): Die Weltwirtschaft nach Covid

Erlösen uns die Impfungen vom Covid-Fluch? Auf sanitärer Ebene vielleicht schon. Doch in der Euphorie über die Rückkehr zum Normalzustand werden die schweren wirtschaftlichen Folgen der seit einem Jahr andauernden Pandemie unterschätzt.

Was bringt uns 2021? Beim großen Kaffeesatzlesen fehlt es dieser Tage nicht an Spekulationen: Mutierte Viren, neue Impfstoffe, Nachholen von Wahlen, neue Regierungskoalitionen, Durchbruch in der Klimapolitik, neue Elektroautos … Doch manche wichtigen Entwicklungen werden in den Mainstreammedien nur oberflächlich thematisiert. Das gilt zum Beispiel für die wirtschaftlichen Folgen der Covid-Pandemie.

Als „außerordentlich, gravierender und länger andauernd als nach anderen rezenten Krisen (Sars-Epidemie 2003, Subprimes 2008)“ charakterisiert Françoise Nicolas die wirtschaftlichen Folgen von Covid. Die Direktorin des Asienzentrum am „Institut français des relations internationales“ (Ifri) hat den Beitrag „Covid-19 : une crise économique sans précédent“ im geostrategischen Jahrbuch „Ramses 2021“ verfasst.

Schneller Aufschwung unwahrscheinlich

Die Covid-Krise ist in ihren Augen besonders bedrohlich, weil sie, anders als die von 2008, die Realwirtschaft direkt trifft und noch dazu in einer weiter als je zuvor fortgeschrittenen Globalisierung und Interdependenz. Nicolas erinnert an die ersten Monate der Krise, als mit dem Lockdown in China ein ökonomischer Schock sich durch die weltweiten Lieferketten verbreitete. Danach sei die Krise in Wellen verlaufen: als China sich im April erholte, war Südostasien betroffen, und danach weiter entfernte Regionen rund um die Welt. Die Expertin unterstreicht, dass es bereits vor der Pandemie zahlreiche wirtschaftliche Schwierigkeiten gab, insbesondere in China, aber auch für die Weltwirtschaft als Ganzes.

Da der Beitrag im Sommer verfasst wurde, lässt sie die Frage einer zweiten Covid-Welle offen. Damals erschien eine Rückkehr zur gesellschaftlichen und ökonomischen Normalität im Herbst möglich – trotzdem glaubte Nicolas nicht an einen raschen Aufschwung in V-Form (genau wie die woxx, in Nr 1586: Was tun?). Der globale und multidimensionale Charakter der Krise lasse eine Rückkehr zum „statu quo ante“ als höchst unwahrscheinlich erscheinen, so die Expertin.

Ungleichheit hat Hochkonjunktur

Über die konjunkturellen Folgen hinaus – wie den Einbruch der Bruttoinlandsprodukte und die Einkommensverluste – lenkt Nicolas den Blick auf die „tiefgreifenden“ strukturellen Auswirkungen. An erster Stelle werde die Krise unterm Strich die ärmsten Länder am heftigsten treffen, denn sie verfügen über wenig Mittel, um die sanitäre Krise zu bewältigen. Auch sind sie wirtschaftlich stark abhängig vom Export von landwirtschaftlichen Produkten und Rohstoffen, deren Weltmarktpreise zusammengebrochen sind (sich mittlerweile aber wieder erholt haben). Und schließlich basiert ihre Wirtschaftskraft auch auf den Rücküberweisungen von Migrant*innen im globalen Norden – die oft als erste ihre Arbeit verloren und keinen Anspruch auf staatliche Kompensationen haben. Die Expertin schätzt des Weiteren, dass sich in diesen Ländern, aber auch in den Ländern des globalen Nordens, die Ungleichheiten verschärfen werden.

Als dritten Effekt sieht Nicolas eine Verstärkung des Trends, die Lieferketten neu zu organisieren, um die Abhängigkeit gegenüber China zu verringern. Die Krise des „freien“ Welthandels wurden durch den Covid-Schock noch verstärkt – und liefert den Anhänger*innen des Protektionismus neue Argumente. Die Expertin verweist auf die Zahlen der Forschungsgruppe „Global Trade Alert“, die eine Zunahme der Handelshindernisse belegen, bis hin zum in der Vergangenheit selten genutzten Instrument der Exportbeschränkungen.

Wie viel internationale Zusammenarbeit?

Nicolas glaubt allerdings nicht an die Möglichkeit einer vollständigen wirtschaftlichen Entkopplung zwischen den Volkswirtschaften. Nur bei lebenswichtigen und „strategischen“ Produkten und Maschinen dürften viele Regierungen künftig versuchen, eine Abhängigkeit vom Weltmarkt zu vermeiden. Am Ende könne, so die Expertin, eine neue Dynamik der Globalisierung stehen, mit drei großen integrierten Handelspolen in Asien, Europa und Amerika.

Die Expertin kann an vierter Stelle auch eine positive Wirkung der Covid-Pandemie erkennen, insofern dadurch die internationale Zusammenarbeit verstärkt wurde. Die G20 zum Beispiel habe sich verpflichtet, fast 5.000 Milliarden Dollar in die Weltwirtschaft zu pumpen und die „Sondermaßnahmen“ der Zentralbanken zu unterstützen. Auch ein Schuldenaufschub zugunsten der ärmsten Länder sowie neue Möglichkeiten der Kreditvergabe durch IMF und Weltbank wurden beschlossen.

Für die Ifri-Expertin Françoise Nicolas scheint die ökologische Krise in den Hintergrund zu stellen. Wer diese als ebenso dringlich wie die ökonomischen Herausforderungen ansieht, kann nur besorgt sein. Zwar gingen im Kontext der Covid-Krise die internationale Zusammenarbeit und vor allem der wirtschaftspolitische Interventionismus weiter als je zuvor. Doch die Perspektive einer Blockbildung und die absehbare Rezession mit ihrer Verknappung finanzieller Mittel riskieren, weltumspannenden und kostspieligen Anstrengungen wie dem Kampf gegen den Klimawandel den Boden zu entziehen.

Youtube-Interview mit Françoise Nicolas (auf Französisch).

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