75 Jahre Atomwaffen (7): Immer noch Gefahr aus dem Osten?

Auch heute ist der Einsatz von Atomwaffen möglich. Als Erstes wenden wir uns den Risiken in Verbindung mit den Großmächten Russland und China zu.

Briefmarke zum 50. Jubiläum der „Strategischen Raketentruppen der Sowjetunion“, 2009.
(Wikimedia; Design: O. Yakovleva; PD)

August 1945. Nacheinander werden zwei Atombomben über den japanischen Städten Hiroshima und Nagasaki abgeworfen (woxx 1492: „6.000 degrés et une ombre“). An einer dritten Bombe wird noch gebaut, als Japan am 14. August kapituliert. Es folgt das Ende des Zweiten Weltkriegs und der Beginn des Kalten Kriegs. Von 1945 bis heute wurden weltweit Zehntausende von Nuklearwaffen konstruiert. Geblieben ist – zum Glück – die Frage: Wohin fällt die dritte Atombombe?

An Ziellisten mit europäischen, amerikanischen und asiatischen Städtenamen fehlte es während des Kalten Krieges nicht. In der ersten Hälfte unserer Hiroshima-Serie (Teil 2 bis 5) haben wir zurückgeblickt auf die Entwicklungen seit 1945, als der Einsatz von Atomwaffen mal mehr, mal weniger wahrscheinlich war. Die zweite Hälfte ist den Risiken eines Einsatzes in der heutigen Welt gewidmet. Denn obwohl 1989 mit dem Wegfall des sowjetischen „Feindes“ die Atomwaffen vielen als überflüssig erschienen, wurden sie nicht abgeschafft, sondern verbreiteten sich weiter (siehe Teil 2: „Kann nichts schaden!“).

Russland und China, nukleare Aggressoren?

Doch auch die alten „Feinde“ sind nicht verschwunden: Aus westlicher Sicht werden oft das „wiedererstandene“ Russland und die „neue Großmacht“ China als wichtigste Gefahrenquellen eingestuft. Russland ist immer noch zweitgrößte Atommacht, China verfügt zwar über kaum mehr Atomsprengköpfe als Frankreich, hat allerdings ein gewaltiges Raketenarsenal.

Westliche Expert*innen befürchten Szenarien, in denen eins dieser beiden Länder eine limitierte konventionelle Blitz-Operation durchführt, zum Beispiel die Besetzung des Baltikums oder der Insel Taiwan. Bevor der Westen – nach einer Mobilisierung konventionell im Vorteil – reagieren kann, wird eine taktische Atombombe gezündet. Dies soll eine Warnung sein, dass eine Gegenoffensive und eine Erweiterung des Kriegs zu einer Nuklearisierung führen werde („escalate to deescalate“).

Strike first, die second

Der Westen muss sich dann zwischen Nachgeben und Atomkrieg entscheiden, so die Theorie. Ein Szenario, das nicht völlig unplausibel, aber wenig wahrscheinlich ist: Ein Land, das so vorginge, riskierte kurzfristig einen nuklearen Konflikt und mittelfristig die diplomatische und wirtschaftliche Isolation. Pikanterweise war eine ähnliche  Form des „first use“ (siehe „Zweitschlag und Ersteinsatz“) lange Zeit die Grundlage der westlichen Abschreckungsstrategie in Europa: Weil damals die Sowjetunion konventionell überlegen war, sollte die Drohung mit einer Nuklearisierung einer Aggression vorbeugen.

Ein wahrscheinlicheres Szenario wäre, dass der Westen und Russland oder China in einen Krieg hineinrutschen, bei dem dann auch Atomwaffen zum Einsatz kommen. Gewiss, im Umgang der Großmächte miteinander ist Draufgängertum nur rhetorisch gemeint, doch ein ungeplanter Clash von Truppen in Osteuropa oder von Schiffen im Westpazifik kann ungeahnte Folgen haben. Die ab 1960 im Kalten Krieg gepflegte Dialogkultur gehört der Vergangenheit an. Das erhöht das Risiko von Missverständnisse oder Fehleinschätzungen, was die Gegenseite toleriert und worauf sie mit offenem Krieg reagiert.

Massenmord für vitale Interessen

Auch Entscheidungen von Dritten können zu Situationen führen, in denen beide Seiten ihre „vitalen Interessen“ bedroht sehen. In der Logik der nationalen Sicherheit ist dann Krieg, inklusive des Einsatzes nuklearer Waffen, eine rationale Option. Was 1914 das Attentat von Sarajevo war, könnte ein Vorgehen baltischer Staaten gegen die eigene russische Bevölkerung, oder eine Unabhängigkeitserklärung Taiwans sein. An „vitalen Interessen“ hängt zwar theoretisch auch für kleinere Länder ein „casus belli“ (siehe Teil 8), doch Großmächte haben nun mal größere Interessensphären und marschieren mit breiteren Stiefeln über die Kontinente.

Ein letztes Szenario, dessen Wahrscheinlichkeit sich langsam erhöht, ist das des Präemptivschlags: Wenn China oder Russland dringend befürchtet, durch einen US-Erstschlag gegen seine Nuklearwaffen quasi „entwaffnet“ zu werden, dann wird das Land versucht sein, sie noch vorher einzusetzen. Ein solches Szenario ist insbesondere im Falle Chinas mit seiner begrenzten Anzahl von Sprengköpfen durchaus denkbar – und natürlich für die kleineren Atommächte. Grundsätzlich ist eine solche „Entwaffnung“ auch durch Cyberangriffe möglich – eine Domäne, in der fleißig aufgerüstet wird. Das öffentliche „Nachdenken“ der USA über einen solchen „Entwaffnungsschlag“ gegen Nordkorea verstärkt allerdings den Druck, im Zweifelsfall auf den Knopf zu drücken. Die indirekten und direkten Gefahren, die von dem nuklearen Arsenal und der Strategie der USA ausgehen, sind Thema in Teil 9 der Serie.

 


Cet article vous a plu ?
Nous offrons gratuitement nos articles avec leur regard résolument écologique, féministe et progressif sur le monde. Sans pub ni offre premium ou paywall. Nous avons en effet la conviction que l’accès à l’information doit rester libre. Afin de pouvoir garantir qu’à l’avenir nos articles seront accessibles à quiconque s’y intéresse, nous avons besoin de votre soutien – à travers un abonnement ou un don : woxx.lu/support.

Hat Ihnen dieser Artikel gefallen?
Wir stellen unsere Artikel mit unserem einzigartigen, ökologischen, feministischen, gesellschaftskritischen und linkem Blick auf die Welt allen kostenlos zur Verfügung – ohne Werbung, ohne „Plus“-, „Premium“-Angebot oder eine Paywall. Denn wir sind der Meinung, dass der Zugang zu Informationen frei sein sollte. Um das auch in Zukunft gewährleisten zu können, benötigen wir Ihre Unterstützung; mit einem Abonnement oder einer Spende: woxx.lu/support.
Tagged , , , , , , , , , , , , , , .Speichere in deinen Favoriten diesen permalink.

Kommentare sind geschlossen.