„Meine Hoffnung verblasst seit letztem Monat zusehends“

Zohra Barthelemy ist seit Anfang Februar 2019 Mitglied der „Youth for Climate“-Organisation. Ein Gespräch über die Zukunft, den Klimawandel und über die Weltsicht einer 16-jährigen Klimaaktivistin.

Zora Barthelemy (dritte von links) mit Youth for Climate in Aaachen. Foto: YfC

woxx: Was ist das Ziel von „Youth for Climate“?

Zohra Barthelemy: Langfristig ist das Ziel natürlich die Klimakrise zu verhindern. Ich möchte junge Menschen politisieren und ihnen zeigen, dass politisch aktiv zu sein nicht nur heißt, dass man in geschlossenen Räumen in Meetings sitzt. Ich will erreichen, dass Jugendliche und ihre Sorgen grundsätzlich ernster genommen werden, sowohl von der Politik als auch von der Gesellschaft. Ich möchte nicht später meinen Kindern erzählen müssen, dass ihre Mutter nicht alles versucht hat, um gegen die Klimakrise zu kämpfen. Ich möchte sagen können, dass diese Bewegung etwas bewirkt hat, dass die Schüler, die jungen Menschen, den Unterschied gemacht haben. Was für mich aber auch ganz wichtig ist, ist dass ich das Gefühl habe, dass ich etwas gemacht habe.

Warum finden die Demonstrationen immer freitags statt?

Die Bewegung „Fridays for Future“ wurde von Greta Thunberg losgetreten. Sie hat Anfang August 2018 begonnen, sich jeden Freitag vor das schwedische Parlament zu setzen und gegen die schwedische Klimapolitik zu protestieren. Anschließend haben sich andere Jugendliche angeschlossen und es ihr nachgemacht. Greta hat sich wahrscheinlich den Freitag ausgesucht, weil es kurz vorm Wochenende zeitlich am besten passt – und vielleicht auch wegen der schönen Alliteration. (lacht)

Gab es Probleme mit dem Bildungsminister wegen der Streiks in Luxemburg?

Nicht wirklich, für den 15. März erhielten wir ein Entschuldigungsschreiben vom Bildungsministerium. Die Bitte ging von uns aus, und da konnten wir uns auch einigen. Beim Streik am 24. Mai haben wir uns bewusst gegen eine Zusammenarbeit mit dem Ministerium entschieden, obwohl von dessen Seite der Wunsch nach Gesprächen und Kooperation geäußert wurde.

Waren Sie bei beiden Streiks in Luxemburg dabei?

Ich habe bis jetzt an jedem Streik teilgenommen. Ich habe Anfang Februar 2019 bei YCL angefangen und war aktiv in die Organisation vom 15. März und vom 24. Mai involviert. Ich habe am 15. März meine erste Rede gehalten. Zudem bin ich am 21. Juni zum internationalen „Youth f or Climate“-Streik nach Aachen gefahren – und war an dem Tag nicht in der Schule.

Ist es Ihrer Meinung nach schon zu spät, um den Klimawandel zu stoppen?

Ich glaube, dass jeder seine eigene Meinung dazu hat. Wir von YCL aber hoffen natürlich, dass es noch nicht zu spät ist. So oder so muss jetzt schnell etwas passieren, damit wir überhaupt noch die Chance bekommen, das Ruder herumzureißen. Ich persönlich bin unentschlossen, aber ich tendiere jeden Tag mehr dazu, dass es schon zu spät ist. Aus meiner Sicht haben wir schon viel zu viel Schaden angerichtet, um die Folgen rückgängig machen zu können. Mein letzter Hoffnungsschimmer ist letzten Monat verblasst: In Indien sterben derzeit Menschen bei fast 50°C wegen Dehydration und der Permafrost beginnt zu schmelzen, was eigentlich erst 2090 erwartet wurde. Ganz gleich ob es jetzt zu spät ist oder nicht, wir können uns immer noch bemühen, um die Konsequenzen unseres Handelns so klein wie möglich zu halten. Das sind wir den Menschen, die weltweit schon wegen der Klimakrise umgekommen sind, schuldig.

Was sind Ihre größten Ängste?

Ich erkenne immer mehr, dass Profit immer über alles gestellt wird, und unsere Worldleaders es einfach nicht auf die Reihe bekommen, an einem Strang zu ziehen. Was mir Angst macht ist, dass die Menschen, die weltweit in unseren Parlamenten sitzen und an der Spitze stehen, behaupten es gebe keine Klimakrise. Was mir am meisten Angst macht ist, dass diese Menschen demokratisch gewählt wurden. Außerdem ist die Angst da, dass nach zwei oder drei Wochen nur noch 100 Demonstrierende auf die Straße gingen, wenn wir jeden Freitag streikten.

Machen sich positive Veränderungen bemerkbar, seit die Schüler*innen weltweit streiken?

Greta hat vor fast einem Jahr mit dem Streiken angefangen, und es ist noch nichts bedeutendes auf politischer Ebene passiert. Ich bemerke aber, dass sich gesellschaftlich ein bisschen was getan hat. Wir haben eine Diskussion entfacht, die Leute werden sich über ihren Eigenbeitrag zur Klimakrise bewusst.

Gehört dazu auch ein veganer oder vegetarischer Lebensstil?

Ich bin Vegetarierin, seit ich zehn Jahre alt bin. Durch die Fleisch-, aber auch durch die Milch- und Eierproduktion, wird sehr viel CO2 produziert. Hinter einem Kilogramm Rindfleisch stecken 15.400 Liter Wasser, 22 Kilogramm CO2 und zwischen 3,9 und 9,4 Kilogramm Getreide. Abgesehen davon ist Fleischessen wahnsinnig ineffizient. Mit der Masse an Getreide könnte man wesentlich mehr Menschen ernähren als mit einem Kilogramm Fleisch.

Haben Sie Tipps für ein umweltfreundlicheres Leben?

Was schon einen großen Unterschied macht, ist vegetarisch oder vegan zu leben. Weniger Fleisch zu essen würde auch schon helfen, beziehungsweise Bio-Fleisch zu essen und zu kaufen. Öffentliche Transportmittel benutzen; das Auto bei Möglichkeit einfach stehen lassen. Fliegen, vor allem auf kurze Distanz, ist sehr klimaschädlich. Zudem sollte man sich gut informieren und die Programme der Parteien gründlich durchlesen, um dann die Partei zu wählen, die die klimafreundlichste Politik betreibt. Wer noch mehr machen möchte, kann Organisationen und Bewegungen unterstützen, die sich gegen die Klimakrise einsetzen. Entweder finanziell oder durch aktive Mitarbeit.

Die Autorin dieses Interviews, Jade, macht gerade ein Schulpraktikum bei der woxx.


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