„Ich verteidige mit der Anklage nicht nur mich selbst“

Antónia Ganeto lieh sich beim Frauenstreik im März ein Megaphon mit einem Slogan von Richtung 22 aus, der Luxemburg kritisiert. Eine Geste, die rassistische und sexistische Hassreden auslöste. Der Täter steht morgen vor Gericht.

Anm. d. Redaktion: Dieser Text zitiert rassistische Aussagen, um die beschriebenen Geschehnisse zu schildern.

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Im März wurde Antónia Ganeto, Sprecherin von Finkapé, auf sozialen Netzwerken zum Opfer von Hassrede und Rassismus. Der Auslöser: Sie hielt beim Frauenstreik 2020 ein Megaphon mit dem Aufkleber Lëtzebuerg, du hannerhältegt Stéck Schäiss – einem Slogan des luxemburgischen Künstler*innenkollektivs Richtung 22. Ganeto kritisierte Luxemburg in ihrer Rede nicht. Sie wies unter anderem, wie die anderen Aktivist*innen auch, auf die missliche Lage von Care-Arbeiter*innen hin. Sie reichte das Megaphon an mehrere weiße Aktivist*innn weiter. Trotzdem schossen sich die Hetzer*innen auf sie ein. Ihr Gesicht wurde mit dem Slogan assoziert und Ganeto im Netz zur undankbaren, Schwarzen Einwanderin erklärt. Schon wenige Stunden nach dem Frauenstreik, am 7. März, zirkulierte das Bild der Sprecherin von Finkapé in den sozialen Netzwerken. Die Kommentare darunter reichten von „Knaschtkätti“ über „Géi zréck an den Kongo“ bis hin zu Aussagen wie „Déi sollen heemgoen, zréck op hir Schëffer, amplaz schwanger an eist Land ze kommen a sech wäiss Männer ze angelen“. Dieser Vorfall lässt Ganeto, die ihr ganzes Leben lang gegen Alltagsrassismus ankämpft und Weiterbildungen zur Kulturvermittlung anbietet, auch Monate später nicht los. Sie spricht von einem Trauma.

Mit dem besagten Slogan von Richtung 22 hat die 51-Jährige nichts am Hut. Sie hat das Megaphon angenommen, ohne es auf vermeintlich provokante Aufkleber zu prüfen. Eine Geste, die bei einem Streik mit 2.000 Teilnehmer*innen durchaus nachvollziehbar ist. Ganetos Erklärungen wurden von den Hetzer*innen jedoch nicht gehört. Ihr Hass richtete sich gezielt gegen sie als Schwarze Person und als Frau – und nicht primär gegen die Kritik an Luxemburg. „Die Situation Schwarzer Menschen ist in Luxemburg sicherlich weniger dramatisch als in anderen Ländern. Trotzdem bestehen struktureller und unterschwelliger Rassismus auch hier und es ist wichtig, dagegen vorzugehen. Ich bin froh, dass immer mehr Menschen den Mut haben, aufzustehen und dagegen zu halten“, betont Ganeto der woxx gegenüber. Sie selbst hat sich nach dem Vorfall entfremdet gefühlt. „Die Frage hat sich gar nicht gestellt, ob ich Luxemburgerin bin. Ich wurde auf meine Hautfarbe reduziert. Mein Bild wurde missbraucht – aber hinter dem Bild steht ein Mensch. Ich lebe in Luxemburg seit ich fünf Jahre alt bin und spreche die Landessprachen“, sagt sie. „Es gibt Schwarze Luxemburger*innen und die Menschen müssen sich daran gewöhnen. Ich bin ein Stück Luxemburg.

Ganeto ist sich bewusst, dass sie als Aktivistin immer mit Gegenwind rechnen muss. Mit rassistischen Angriffen hat sie jedoch nicht gerechnet und gibt bereitwillig zu, dass diese sie schwer treffen. Es ist ihr auch nicht leicht gefallen, Klage gegen den Haupttäter einzureichen. Sie spricht von einem Gefühl der Lähmung, das sie erst überwinden musste. „Es ist wichtig ein Zeichen gegen Hate Speech, gegen Rassismus und Sexismus zu setzen“, sagt sie. „Ich verteidige mit der Anklage nicht nur mich selbst, sondern auch rassisierte Menschen und alle anderen Opfer von Hassrede und Diskriminierung.“ Für Ganeto steht außer Frage, dass Rassismus sowie Hassreden Probleme sind, die die Gesellschaft gemeinsam angehen muss. Die Plattform JIF, der Finkapé angehört, steht geschlossen hinter Ganeto. Vor allem morgen, wenn sich der Täter vor Gericht verantworten muss: Die JIF versammelt sich um 15:45 Uhr, vor der Cité Judiciaire und ruft in den sozialen Netzwerken zu Ganetos Unterstüzung auf.


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