Klimagesetz: 55 Prozent in 5 Sektoren (und ohne Atom!)

von | 02.12.2019

Klima schĂŒtzen soll nicht der Atomlobby nĂŒtzen! In diesem Punkt redet die Regierung Klartext.
(Stefan KĂŒhn ; Wikimedia ; CC BY-SA 3.0)

Ein ehrgeiziges Ziel und ein glaubwĂŒrdiger Kontrollmechanismus, das sind die KernstĂŒcke des neuen Klimaschutzgesetzes, das am vergangenen Freitag vorgestellt wurde. Dieser Beitrag fasst das Gesetz zusammen, ein zweiter Online-Artikel wirft einen kritischen Blick darauf.

Richtigstellungen zu verfassen, ist im Allgemeinen Ă€rgerlich – die Zeitung muss zugeben, dass sie ungenau recherchiert oder vorschnell Schlussfolgerungen gezogen hatte. Manchmal ist es trotzdem erfreulich, wie im vorliegenden Fall: In der Printausgabe von vergangenem Freitag stand zu lesen, die Regierung habe den Abschluss der Arbeiten am Klimagesetz ins nĂ€chste Jahr verschoben. Das stimmt so nicht ganz: Der Projet de loi wurde am gleichen Freitagvormittag vom Regierungsrat angenommen. Zwar nur ein vorlĂ€ufiger Abschluss, denn das Gesetz muss jetzt die legislativen Prozeduren durchlaufen – aber  immerhin ein Abschluss. Nachmittags um 14.30 Uhr fand eine Pressekonferenz statt, die Einladung war um viertel nach zwölf verschickt worden. Auch das Pressedossier war mit heißer Nadel gestrickt und im 22. Stock des Hochhauses, dem Sitz des Umweltministeriums, war nicht einmal Zeit gewesen, Kaffee zu kochen – nicht nur die woxx war vom Ergebnis des Regierungsrats ĂŒberrascht worden.

Nicht nur, dass nun ein Gesetzestext zum Klimaschutz vorliegt, ist erfreulich, auch das, was vom Inhalt bekannt ist, nimmt sich nicht schlecht aus. „Die Regierung erkennt die ‚urgence climatique‘ an“, so Carole Dieschbourg. Die Umweltministerin unterstrich, dass Luxemburg mit dem Gesetz sein CO2-Ziel fĂŒr 2030 auf eine Reduktion von 55 Prozent gegenĂŒber 2005 erhöhe. Claude Turmes sprach von einem Quantensprung angesichts der bisher vorgesehenen 40 Prozent. Der Energieminister erinnerte an die rezenten wissenschaftlichen Berichte und Aufrufe – er halte sich und seiner Kollegin zugute, dass sie die Regierung auf den richtigen Weg gebracht hĂ€tten.

CO2-Ziel und Flexible Mechanismen

In der Tat hatte sich Luxemburg im europĂ€ischen Rahmen bisher zu einer geringeren Senkung verpflichtet. Ja, auch die neue Regierung mit stĂ€rkerer grĂŒner PrĂ€senz hatte bisher nur ein Ziel zwischen 50 und 55 Prozent angekĂŒndigt (siehe online-woxx von MĂ€rz 2019). Mit dem jetzt festgelegten Wert bewegt sich Luxemburg am oberen Ende dessen, was fĂŒr die EU insgesamt derzeit ins Auge gefasst wird. Allerdings halten Wissenschaftler*innen und NGOs mittlerweile Senkungen von 65 bis 70 Prozent in den industrialisierten LĂ€ndern bis 2030 fĂŒr notwendig, damit der Temperaturzuwachs unter 1,5 Grad bleibt.

Das vorgegebene Ziel soll auf fĂŒnf Sektoren aufgeteilt werden: Industrie und Bauwesen, Verkehr, GebĂ€ude, Land- und Forstwirtschaft sowie Abfallwirtschaft. Die jĂ€hrlich anzustrebenden Emissionssenkungen werden per RĂšglement grand-ducal festgelegt. Zahlen konnten die beiden Minister*innen nicht nennen, doch sie gehen davon aus, dass zum Beispiel der Verkehr mehr als 55 Prozent leisten könne, die Landwirtschaft dagegen weniger. Hier wolle man eine FlexibilitĂ€t zwischen den Sektoren zulassen, so Dieschbourg. Zum RĂŒckgriff auf „Flexible Mechanismen“ auf internationaler Ebene hielten sich die Minister*innen dagegen bedeckt (siehe auch woxx-Analyse: „Klimagesetz: Was warum (nicht) drinsteht“).

Soziale Gerechtigkeit beim Klimaschutz

„Wir werden jedes Jahr ĂŒberprĂŒfen, ob jeder in seinem Sektor ordentlich gearbeitet hat“, kĂŒndigte Carole Dieschbourg an. Falls nicht, seien zwar keine Sanktionen vorgesehen, jedoch die Verpflichtung, ergĂ€nzende Maßnahmen vorzulegen. FĂŒr die Kontrolle soll ein interministerielles Koordinationskomitee zustĂ€ndig sein. Außerdem wird ein wissenschaftlich orientiertes „Observatoire du climat“ geschaffen sowie eine „Plateforme pour l’action climat“. In Letzterer soll die Zivilgesellschaft mitarbeiten, insbesondere Umwelt-NGOs, Gewerkschaften, Arbeitgeberschaft und NGOs aus dem sozialen Sektor. Die Umweltministerin versicherte, wenn die sozial SchwĂ€cheren durch den Klimaschutz besonders belastet wĂŒrden, werde man Kompensationen vorsehen.

Besonders stolz waren Dieschbourg und Turmes darauf, im Gesetz verankert zu haben, dass man nicht auf Atomenergie zurĂŒckgreife, um die Klimaziele zu erfĂŒllen. „Dabei geht es auch um die kĂŒnftige Taxonomie“, so Claude Turmes. Frankreich versuche derzeit auf EU-Ebene, Kernreaktoren als Beitrag zum Klimaschutz kategorisieren zu lassen. Trotz heftigen Drucks halte Luxemburg an seiner Anti-Atom-Linie fest.

Der Energieminister stellte auch eine weitere Pressekonferenz fĂŒr kommenden Freitag in Aussicht: Dann soll der „Nationale Klima- und Energieplan“ vorgestellt werden, der vormittags im Regierungsrat diskutiert wird. Mit diesen beide Dokumenten im GepĂ€ck hoffen die Luxemburger Minister*innen als Vorreiter*innen dazustehen, wenn sie zur zweiten Woche der Klimakonferenz nach Madrid reisen. Die woxx unterzieht in einem weiteren Beitrag den „Quantensprung“ in der Klimapolitik einer kritischen Betrachtung: „Klimagesetz: Was warum (nicht) drinsteht“.

 

Dat kéint Iech och interesséieren

PODCAST

Am Bistro mat der woxx #404 – Wisou d’KI net wĂ€ert d’Weltherrschaft iwwerhuelen

All Woch bitt d’woxx Iech an hirem Podcast en AblĂ©ck an hir journalistesch Aarbecht. An deene leschte Wochen a MĂ©int gouf et vill Schlagzeilen an Diskussioune ronderĂ«m „rogue AI“, dĂ©i angeblech deemnĂ€chst schonn sech zu enger „Superintelligenz“ entwĂ©ckelen an d'Weltherrschaft iwwerhuele kĂ©int. TatsĂ€chlech huet sech Software, dĂ©i op engem...

NEWS

EU-Return-hubs: Erste Ausfahrt Ruanda

Nun also doch Ruanda: Mehrere EU-Mitgliedstaaten verhandeln mit der dortigen Regierung, um in dem Land ein erstes „RĂŒckkehrzentrum“ fĂŒr abgewiesene Asylsuchende (return hub) einzurichten. Bereits Mitte November könnte ein entsprechendes Abkommen unterzeichnet werden.

NEWS

Santé ! Mais à quel prix ?

PrĂšs de 190 millions d’euros de dĂ©ficit attendus en 2027. Pour redresser les comptes de l’assurance maladie-maternitĂ©, le gouvernement mise sur une hausse des cotisations et un objectif de 95 millions d’euros d’économies structurelles.

NEWS

Warnung vor LaufzeitverlÀngerung von Cattenom

Die Umweltschutzorganisation „Greenpeace“ warnt erneut vor einer LaufzeitverlĂ€ngerung des Kernkraftwerks Cattenom nahe der luxemburgisch-französischen Grenze. Eine aktuelle Studie kommt zu dem Schluss, dass es quasi unmöglich ist, den Reaktor auf den geforderten Sicherheitsstandard zu bringen.