Liser-Studie: Zwei Fächer, viele Gründe

In einer rezenten Studie beschäftigt sich das „Luxembourg Institute of Socio-Economic Research“ (Liser) mit der Frage, wie sich die Leistungsunterschiede zwischen Schüler*innen mit und ohne Migrationshintergrund in der Grundschule und Sekundarstufe entwickeln. In einem Studienbericht gibt das Forschungsinstitut Antworten.

Forscher*innen des Liser haben anhand von unabhängigen Querschnittsstudien von PIRLS (2001, 2008), TIMSS (2007) und Pisa (2006, 2012), die Lesekompetenzen und die mathematischen Leistungen von Zehn- bis Fünfzehnjährigen untersucht – und Vergleiche zwischen Kindern mit und ohne Migrationshintergrund gezogen. Heraus kommen zwei zentrale Ergebnisse: Einerseits offenbart der Studie unterschiedliche Leistungsniveaus je nach Schulfach, andererseits zeigt sie Ungleichheiten zwischen den Ankunftsländern auf.

In traditionellen Migrationsländern, zu welchen die Forscher*innen Australien, Kanada und Neuseeland zählen, sind Kinder mit Migrationshintergrund, jenen Mitschüler*innen ohne, in Mathematik grundsätzlich einen Schritt voraus. Die Lesekompetenzen beider Gruppen sind ähnlich. In Kontinentaleuropa – Großbritannien ist näher an den traditionellen Migrationsländern dran – sieht es anders aus. Zwar gibt es im Bereich der Lesekompetenzen beim Übergang von der Grundschule zur Sekundarstufe eine Angleichung zwischen den bis dahin schwächeren Migrationskindern und den „locals“, dafür aber konstante, große Differenzen in der Mathematik. Die Studie hält fest, dass es dabei keine bedeutende Rolle spielt, ob es sich um die erste oder zweite Migrant*innen-Generation handelt. Migrationskinder neigen in beiden Fällen dazu, weit hinter der mathematischen Leistung ihrer Mitschüler*innen zu liegen. Warum der Leistungsfall sich nur auf die Mathematik beschränkt, das wird in der Studie nicht hinterfragt.

Allgemein wird die elterliche Migrationsgeschichte als Faktor genannt, der die Leistungsunterschiede zwischen Schulkindern mit Migrationshintergrund und „native-borns“ maßgeblich beeinflusst. Die Schullaufbahn soll demzufolge eng mit der Situation der Eltern während der Migrationsphase zusammenhängen. Darunter fallen beispielsweise das sozioökonomische Umfeld sowie die politische und private Lage im Herkunftsland. In der Liser-Studie wird auf weitere Gründe für die Leistungsunterschiede der ethnischen Gruppen in und zwischen den Ländern verwiesen: linguistische, kulturelle, religiöse und wirtschaftliche Unterschiede spielen ebenfalls in die Ergebnisse mit rein. Die Verfasser*innen der Studie schlussfolgern daraus, dass die Prä-Migrationsphase ausschlaggebend für die schulischen Leistungen und Entwicklungen der Kinder mit Migrationshintergrund sind.

Die Forscher*innen vermuten außerdem, dass die Leistungsunterschiede in europäischen Schulen ein Zeichen dafür sein könnten, dass länderspezifische Schulsysteme nicht auf die hohe Anzahl von Migrationskindern und deren Bedürfnisse ausgerichtet und vorbereitet seien. Das widerspricht allerdings ihrer späteren Aussage, dass man sich in vielen europäischen Ländern um die Anpassung des Schulmodells bemühe, wie etwa in Deutschland, wo der Zugang zu Kindergärten vereinfacht und der Schulwechsel flexibler gestaltet wurde. Vergleichbare Bestrebungen soll es in Belgien, Österreich, Dänemark, Irland, den Niederlanden, Schweden und Norwegen geben. Hier werden zusätzliche, spezifische Unterrichtsstunden, Weiterbildungen für interkulturelle Pädagogik und finanzielle Zuschüsse für Schulen mit überdurchschnittlich vielen Migrationskindern angeboten. Interessant: Luxemburg taucht unter den engagierten Ländern nicht auf.

Ob diese Rechnung aufgeht, könne jedoch wegen mangelnder migrationsspezifischer Studien dazu nicht ausreichend erörtert werden, so die Forscher*innen in ihrem Fazit. Ein eindeutiges Kriterium für die Leistungskluft in Kontinentaleuropa sei hingegen die schulische Gewandtheit der Migrationsbevölkerung, über die jene während der Migrationsphase verfügte. Die schulische Entwicklung hänge stark davon ab, unter welchen Umständen die Kinder die Migration erlebten und inwiefern sie in ihrem Herkunftsland einen Bildungszugang hatten. Überrascht sind die Verfasser*innen der Studie über die Ergebnisse auf EU-Ebene nicht, da die Kinder mit Migrationshintergrund in Kontinentaleuropa oft aus ungelernten Arbeiter- oder Flüchtlingsfamilien kämen, wohingegen in den genannten traditionellen Ankunftsländern eher eine politisch gesteuerte Zuwanderung selektiven Charakters vorherrsche.


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