Luxembourg Overshoot (3): Kleines Land in der Prärie

Warum die Einwanderer*innen, die Kühe und der Import von Klopapier nicht das Problem sind, wenn Luxemburg nachhaltiger werden soll.

Entwicklung des Luxemburger Pro-Kopf-Fußabdrucks 2008-2018. Obwohl der Bevölkerungszuwachs hier nicht einberechnet wird, geht es klar in die falsche Richtung. (CSDD)

Obst statt Joghurt, Schweine und Hühner statt Kälber, das soll Luxemburg produzieren, wenn es nach dem CSDD geht. Genauer gesagt: Der Nachhaltigkeitsrat stellt den Schwerpunkt der Luxemburger Landwirtschaft, der zurzeit auf Rindfleisch und Milchprodukten liegt, in Frage. Die Empfehlung ist Teil der Vorstellung einer Studie über den ökologischen Fußabdruck des Landes am „Earth Overshoot Day“ (siehe online-woxx: „Sechs Monate Vorsprung!“). Die Forderung, so sinnvoll sie sein mag, ergibt sich allerdings nicht direkt aus der Studie. Andererseits passt sie recht gut zum Ideal einer Kleinstaat-Idylle, das die Vorstellung der Studie prägt.

Luxemburgs Fußabdruck ist nicht nur aufgrund des vielen getankten Sprits gigantisch, auch der Güterkonsum spielt eine große Rolle. Von den acht von Luxemburg proportional verbrauchten Erden geht immerhin ein Anteil von 0,65 auf das Konto des Konsums von Fleisch und tierischen Produkten. Die Empfehlung des CSDD, weniger Fleisch zu konsumieren, ist also zielführend. Auch die angeregte Umstellung auf Bioproduktion oder auf eine „pestizidfreie Landwirtschaft ohne Einsatz von Kunstdünger“ wäre im Sinne der Nachhaltigkeit. Und dass aus großer Entfernung herangeschaffte Schweinekoteletts mit Ananas kein Leckerbissen für die CO2-Bilanz sind, ist auch klar. Und nicht zuletzt könnte mehr Gemüse- und Obstanbau zur ökologischen Vielfalt unserer Agrarflächen beitragen.

Ich Kuh, du Schwein!

Die Forderung, dass möglichst viel der hier verzehrten Lebensmittel aus heimischer Produktion stammen soll, ist hingegen zweifelhaft. Einerseits ist die Spezialisierung der Luxemburger Landwirtschaft ja nicht völlig unabhängig von den agroökologischen Rahmenbedingungen zustande gekommen – Weidewirtschaft ergibt hierzulande Sinn. Andererseits ist es unter dem Gesichtspunkt der Nachhaltigkeit unproblematisch, wenn in Luxemburg Schweine- und Hühnerfleisch aus der Großregion verzehrt und umgekehrt Rindfleisch und Milchprodukte dorthin exportiert werden.

Wichtig ist dieser Fressalien-Patriotismus allerdings, wenn man möchte, dass Luxemburg, wie der CSDD schreibt, „zu einer nachhaltigen, weitgehend unabhängigen und resilienten Wirtschaft entwickelt wird“. Eine Idee, so wird häufig argumentiert, deren Richtigkeit durch die Versorgungsengpässe während der Covid-Pandemie belegt wurde.

Den Kleinstaat verkleinern?

Weil diese Idee nicht genauer ausgeführt ist, bleibt unklar, wie man sich das vorzustellen hat: Soll der – in der Studie als Energieschleuder gebrandmarkte – Dienstleistungssektor so weit schrumpfen, dass man alle Pendler*innen und Zugewanderten entlassen und „nach Hause“ schicken kann? Soll stattdessen die Holzwirtschaft ausgebaut werden, vielleicht um über mehr krisensicheres Klopapier zu verfügen? Und woher sollen die Ersatzteile für den Lösungsansatz „Dematerialisierung“ kommen? Woher das medizinische Personal für die Versorgung einer nicht mehr durch Zuwanderung verjüngten Bevölkerung? Was die Covid-Pandemie über Resilienz lehrt, ist, dass man sowohl auf lokale, als auch auf supranationale und globale Netzwerke angewiesen ist, um den multiplen Herausforderungen einer Krise begegnen zu können. Den Akzent nur auf das (Klein-)Staatliche und Lokale zu legen, führt in die Irre.

Auffallend ist, mit welcher Vehemenz im CSDD-Text das Bevölkerungswachstum als Problem dargestellt wird, das Wörtchen Landesplanung aber nur ein einziges Mal auftaucht (als „Landschaftsplanung“). Wer Entwicklung Luxemburgs in den vergangenen Jahrzehnten verfolgt hat, weiß dass die unbestreitbar negativen Folgen des Bevölkerungswachstums auf das Laisser-faire zurückzuführen ist, das die Politik in Sachen Landesplanung und Wohnungsbau charakterisiert hat (und es noch immer tut). Dies wissend, ist es auch wenig verwunderlich wenn, wie der CSDD schreibt, „die neuen Einwohner [den Planeten] möglicherweise auf einem höheren Niveau“ belasten als in ihren Herkunftsländern.

Sei nachhaltig, komm nach Luxemburg!

Dies sollte das Modell eines „nachhaltigen Luxemburgs“ sein: Statt zu verleugnen, dass das Land einen regionalen Wirtschaftspol und einen neuen Ballungsraum darstellt – wie sie sich in vielen anderen Regionen in Europa entwickeln –, sollte man versuchen, diese Entwicklung nachhaltig zu gestalten, in Zusammenarbeit mit den Entitäten jenseits der Landesgrenzen. Ein Prozess, der zumindest ansatzweise mit dem Projekt „Luxembourg in Transition“ gerade in Angriff genommen wird (woxx 1591: „Raumplanung ohne Öffentlichkeit“).

Für Menschen, die einwandern oder hier arbeiten, stellt Luxemburg derzeit eine Verführung zur Unnachhaltigkeit dar, mit schlecht isolierten Büroräumen, niedrigen Spritpreisen und Autosteuern, einem die Suburbanisierung favorisierenden Wohnungsmarkt, einem überdimensionierten Flughafen und einem allgemeinen Trend zu Verschwendung und Wegwerfen. Wenn stattdessen die Rahmenbedingungen so wären, dass mehr Pendler*innen hier wohnen könnten, und alle, die einwandern, den Planeten weniger statt mehr belasteten, dann würde Luxemburg wirklich eine Vorreiterrolle in Sachen Nachhaltigkeit spielen.

Alle woxx-Beiträge zum Fußabdruck 2020.


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