Laufzeitverlängerung (1): Vergiss Fukushima!

Nach Fukushima versprach Frankreich, seine AKWs sicherheitstechnisch auf Vordermann zu bringen. Wie aus einer sinnvollen Idee ein Alptraum wurde.

Atomreaktoren in Frankreich. (Anklicken zum Vergrößern)
(Wikimedia; Sting, Roulex_45, Domaina, Furfur; CC BY-SA 4.0)

In ein paar Tagen jährt sich die Reaktorkatastrophe vom 11. März 2011 in Fukushima. Ein Erdbeben mit anschließender Flutwelle führte zu einer Kernschmelze in drei Reaktoren (die anderen drei waren außer Betrieb). Fukushima war der schwerste Atomunfall seit Tschernobyl im April 1986, über 100.000 Personen an der Ostküste Japans wurden evakuiert und die Anlage ist immer noch nicht dekontaminiert.

Dieses Desaster stellt einen Wendepunkt in der Geschichte der Nuklearenergie dar: In Deutschland, wo kurz zuvor ein Beschluss zum Atomausstieg quasi rückgängig gemacht worden war, verordnete Angela Merkel einen erneuten Ausstieg, der bis Ende 2022 ganz umgesetzt sein dürfte. In vielen Ländern wurden Pläne für neue AKWs auf Eis gelegt. Sogar im Tout-nucléaire-Land Frankreich hatte die Regierung zwischenzeitlich verkündet, bis 2025 den Anteil von Atomstrom auf 50 Prozent senken zu wollen.

Die Beschädigung des Reaktors und die Ereigniskette zur Katastrophe sollten als Lektion dienen, um die Sicherheit der AKWs zu verbessern, so die Versicherungen der Aufsichtsbehörden weltweit. In Frankreich, wo sich die Atomexpert*innen stolz als Elite des Ingenieurwesens betrachten, wollte man besonders gründlich vorgehen.

Frankreich setzt auf Laufzeitverlängerung

Doch das alles hat sich als Lüge und Täuschung erwiesen. Bereits fünf Jahre nach Fukushima zeigte sich, dass die Generalüberholung der französischen AKWs eine Mogelpackung war (woxx 1361: Aufrüsten oder stillegen?). Das Naheliegende wäre gewesen, nach der Katastrophe einen progressiven Ausstieg vorzubereiten und in der Zwischenzeit die Sicherheit zu erhöhen. Stattdessen ist man in Frankreich bei der Sicherheit Kompromisse eingegangen – und bereitet nun eine Laufzeitverlängerung für den gesamten Reaktorpark vor. Außer denen des AKW Fessenheim, deren Stillegung für 2016 versprochen und 2020 endlich umgesetzt wurde, sollen alle Reaktoren länger betrieben werden: 50 oder mehr Jahre, statt der ursprünglich geplanten 40 (Betriebsaufnahme von 1978 bis 1999).

Angesichts des Ausbaus der erneuerbaren Energien und der Fortschritte beim Energiesparen ist eine solche Verlängerung immer weniger mit Versorgungssicherheit zu rechtfertigen. Es geht vor allem um Geld: Der ehemals staatliche Stromkonzern EDF ist in finanziellen Schwierigkeiten, und nichts ist so rentabel wie der Betrieb eines bereits amortisierten Atomkraftwerks. Zumindest dann, wenn man bei der Sicherheit möglichst wenig nachbessert.

Greenpeace enttäuscht von der ASN

„Es sind die industriellen Kapazitäten von EDF, die den Zeitplan für die Umsetzung der Vorschriften bestimmen“, kommentiert Roger Spautz von Greenpeace Luxemburg, „und nicht, wie behauptet, die Notwendigkeit, allgemeine Sicherheitsmängel zu beheben.“ Die NGO reagierte Ende Februar auf die Genehmigung des EDF-Zeitplans für die Laufzeitverlängerung durch die Aufsichtsbehörde „Autorité de sûreté nucléaire“ (ASN).

Damit schlägt EDF nicht nur zwei Fliegen mit einer Klappe: die Reaktoren aufrüsten, um die Lektionen von Fukushima umzusetzen und eine Laufzeitverlängerung zu ermöglichen. Zusätzlich wird es – ASN sei Dank! – weniger teuer als befürchtet, und man darf sich bei der Umsetzung ein bisschen Zeit lassen. Greenpeace zitiert die ASN, die „im Hinblick auf bestimmte Sicherheitsaspekte einige der Fristen aufgrund besonderer industrieller und betrieblicher Einschränkungen verschoben hat“. Und bedauert, dass Vorschläge von NGOs, wie die Bunkerisierung der Abklingbecken für abgebrannte Brennelemente, nicht berücksichtigt wurden.

Cattenom-Verlängerung: später … und länger

Um Missverständnisse zu vermeiden sei angemerkt, dass die jetzige ASN-Entscheidung das AKW Cattenom nicht direkt betrifft. Das von Greenpeace kritisierte Verfahren bezieht sich auf die Baureihe der 900-Megawatt-Reaktoren, deren Laufzeit um zehn Jahre verlängert werden soll (online-woxx: Laufzeitverlängerung (2)). Die 1.300-Megawatt-Baureihe wurde später errichtet, unter anderem in Cattenom. Das Verfahren für eine Laufzeitverlängerung läuft erst an, EDF denkt hier an eine Verlängerung um bis zu 20 Jahre.

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