Zäsur in der argentinischen Politik

Die einen praktizieren Betriebswirtschaft demokratisch: Nach dem wirtschaftlichen Zusammenbruch Argentiniens 2001/02 wurden zahlreiche Fabriken besetzt. Noch heute gibt es rund 200 selbstverwaltete Betriebe mit mehr als 10.000 Beschäftigten. Andere betrachten das Regieren eines Staates als effizientes Management. Dazu dürfte der designierte argentinische Präsident Mauricio Macri gehören, der eine Reihe von Wirtschaftsführern in seine künftige Regierung aufnimmt. Sein knapper Sieg in der Stichwahl über den peronistischen Kandidaten Daniel Scioli hat weitreichende Konsequenzen. Der Liberalkonservative sorgte für einen Rechtsruck nach zwölf Jahren linksperonistischer Herrschaft. Die Argentinier wollten den Wechsel, weil die derzeitige Regierung in ihren Augen bei der Bekämpfung von Arbeitslosigkeit, Inflation und Kriminalität versagt hat. mehr lesen / lire plus

Highspeed
: Vom Feuer verschlungen

Für ihren Roman „Flammenwerfer“ hat die US-Autorin Rachel Kushner eine beeindruckende Recherche gemacht. Das Resultat ist vielschichtig, teils politisch und hat phasenweise den Drive eines Roadmovies.

Streetwork der anderen Art: 
US-amerikanische DemonstrantInnen sammeln Argumente gegen die herrschenden Verhältnisse der Siebzigerjahre. (Foto: Internet
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Streetwork der anderen Art: 
US-amerikanische DemonstrantInnen sammeln Argumente gegen die herrschenden Verhältnisse der Siebzigerjahre. (Foto: Internet
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Reno, Anfang 20, liebt das Tempo. „Es gab Dinge, etwa den Effekt des Windes auf die Wolken, die ich schlicht ignorieren musste, wenn ich mit hundertsechzig Stundenkilometern über den Highway fegte.“ Die junge Frau fährt auf einem Motorrad durch Nevada. Auf ihren Tank hat sie eine Karte des US-Bundesstaats geklebt.

Ihren Spitznamen Reno hat die Protagonistin erhalten, weil sie in der gleichnamigen Stadt in Nevada aufwuchs. mehr lesen / lire plus

Wahlen in Argentinien
: Tanz auf dem Vulkan

Regierungskandidat Daniel Scioli hat gute Chancen, neuer Präsident Argentiniens zu werden. Eine Stichwahl könnte für ihn jedoch knapp ausgehen. Sein Land, nach wie vor abgeschnitten von den internationalen Finanzmärkten, erlebt wieder einmal eine Krise und steckt im Würgegriff von Klientelismus und Korruption.

SocialDaniel Scioli wird Cristina Kirchner beerben, wenn er die Stichwahl gewinnt.
Der konservative Mauricio Macri, Bürgermeister von Buenos Aires vertritt Mittelstand und Unternehmer. (Foto: flickr / Administración Nacional de la Seguridad)

Daniel Scioli wird Cristina Kirchner beerben, wenn er die Stichwahl gewinnt.
Der konservative Mauricio Macri, Bürgermeister von Buenos Aires vertritt Mittelstand und Unternehmer. (Foto: flickr / Administración Nacional de la Seguridad Social)

Eines der Rednerpulte war leer am 4. Oktober. Zum ersten Mal in der argentinischen Geschichte gab es, drei Wochen vor der Präsidentschaftswahl, eine Fernsehdebatte der Kandidaten. Und ausgerechnet der Favorit Daniel Scioli vom linksperonistischen „Frente para la Victoria“ (FPV) der amtierenden Präsidentin Cristina Fernández de Kirchner blieb der Diskussion fern. mehr lesen / lire plus

John Williams – Butcher’s Crossing: Blut und Hoden

John Williams beschreibt in seinem Roman „Butcher’s Crossing“ eine Büffeljagd im Wilden Westen als Geschichte des Scheiterns.

1333LitBuch„Nächster Halt Butcher´s Crossing!“, ruft der Kutscher. In dieses schäbige Kaff aus ein paar Häusern und Bretterbuden in Kansas im Mittleren Westen der Vereinigten Staaten ist Will Andrews gekommen. Der 23-Jährige aus Boston hat sein Studium in Harvard abgebrochen, um sich zu Beginn der 1870er Jahre auf eine abenteuerliche Reise zu begeben. Ausgangspunkt ist Butcher´s Crossing, das titelgebende Nest an der Grenze zum Nirgendwo.

In einem Saloon erfährt Andrews von einer sagenumwobenen Büffelherde in einem verborgenen Hochtal der Rocky Mountains. In der Prärie gibt es nur noch wenige Büffel. mehr lesen / lire plus

Syrien
: Das Kontingent

Einige Dutzend Syrer haben in Luxemburg Schutz vor dem Krieg in ihrer Heimat gefunden – über ein Sonderprogramm der Vereinten Nationen. Andere kamen auf eigene Faust. Alle verbindet die Erfahrung einer abenteuerlichen Flucht auf Leben und Tod. Und ein schwieriger Neubeginn.

Omar, Saja, Mohamed, Rahf, Ibrahim und Mahmoud Jnede leben seit kurzem mit ihren Eltern im Süden des Landes. (Foto: Anje Kirsch
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Omar, Saja, Mohamed, Rahf, Ibrahim und Mahmoud Jnede leben seit kurzem mit ihren Eltern im Süden des Landes. (Foto: Anje Kirsch
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Ein prächtiger Hahn läuft eilig durch den Garten. Mahmoud greift zu. Er bekommt ihn zu fassen und trägt das ausgewachsene Federvieh zurück in den Hühnerstall. Der Elfjährige schaut zu seinem ein Jahr älteren Bruder Mohamed und seiner kleinen Schwester Rahf hinüber. mehr lesen / lire plus

AMERICAN DREAM: Zeit des Erwachens

Der Journalist George Packer hat mit „Die Abwicklung“ ein beeindruckendes und mitreißendes Kaleidoskop der amerikanischen Gesellschaft geschrieben. Es ist ein Portrait des Niedergangs.

Als George Packers Buch „Die Abwicklung. Eine innere Geschichte des neuen Amerika“ vor einigen Monaten auf Deutsch erschien, war Skepsis angebracht. Ein Buch über die Identitätskrise und den Niedergang der Vereinigten Staaten anhand einiger Portraits zu schildern – ein gewagtes Unterfangen. Eine Ansammlung von Biopics, dazu auch noch von berühmten Persönlichkeiten wie Ex-General und Ex-Außenminister Colin Powell, dem Rapper Jay-Z und der Fernseh-ikone Oprah Winfrey, also vom Einzelnen auf das Gesamte zu schließen, konnte kaum gelingen. Der Hype um das mit dem National Book Award ausgezeichnete Buch war verdächtig groß, das Versprechen gewaltig. mehr lesen / lire plus

EXPEDITION: Reise zu den Nicht-Orten

Julio Cortázar und Carol Dunlop beschreiben in „Die Autonauten auf der Kosmobahn“ eine Forschungsreise zu französischen Autobahnraststätten. Das rätselhafte Buch ist für beide eine Reise im Angesicht des Todes.

Die Autobahn bestimmt nicht allein unsere Wahrnehmung von Mobilität. Lange Zeit war sie zudem eine Metapher für Freiheit. Heute steht sie, in der Erscheinungsform des Staus, vor allem für unbewältigte Verkehrsprobleme. Im Film ist sie häufig Schauplatz von Road Movies. Im literarischen Schaffen von Julio Cortázar kommt sie erstmals in der Erzählung „Südliche Autobahn“ vor, die 1966 in der Sammlung „Das Feuer aller Feuer“ erschien.

Darin schildert der Schriftsteller die Erlebnisse einer Gruppe von Menschen, die während eines Monate dauernden Staus vor Paris in ihren Fahrzeugen eingeschlossen sind. mehr lesen / lire plus

TRAUMA HOLOCAUST: Der Schmerz der Generationen

Wie die Shoah auf mehreren Generationen einer Einwandererfamilie lastet, beschreibt der Brasilianer Michel Laub in seinem eindrucksvollen Roman „Tagebuch eines Sturzes“.

Hat einen Roman mit autobiographischen Zügen geschrieben: Der brasilianische Journalist und Schriftsteller Michel Laub.

João passt nicht dazu. Das bekommt er von Anfang an zu spüren. Seine Mitschüler an der jüdischen Schule von Porto Alegre quälen ihn. Sie werfen sein Pausenbrot auf den Boden oder spucken darauf. Oder sie graben ihn im Sandkasten ein. Doch am schlimmsten ist das, was an seinem 13. Geburtstag passiert. In guter alter Bar-Mizwa-Tradition werfen sie João 13 Mal in die Luft. Zwölf Mal fangen sie ihn auf, beim 13. mehr lesen / lire plus

BRASILIEN: Die bleiernen Jahre

Während sich Brasilien auf die Fußball-WM vorbereitet, jährt sich am 31. März zum 50. Mal der Militärputsch. Im Gegensatz zu den Nachbarländern herrschte lange Zeit kollektives Schweigen über die Menschenrechtsverbrechen der Diktatur. Die Täter blieben bisher straffrei.

Gegen Krise, Korruption und Polizeibrutalität: Zur Fußball-WM muss die brasilianische Regierung mit ähnlich massiven Protesten rechnen wie bereits anlässlich des Confederation Cups im Juni 2013.

Die Familie von Luiz Almeida Araújo nutzt ein verlängertes Wochenende für einen Ausflug mit dem Auto. Auf der Landstraße von São Paulo nach Mogi Mirim hält sie kurz, um ein Foto zu schießen. Die Mutter, die Tochter und der Sohn stehen Arm in Arm vor dem parkenden Wagen. mehr lesen / lire plus

LITERARISCHE INSTALLATIONEN: Ein Riese, viele Fragmente

Brasiliens Literatur spiegelt die gesellschaftliche Entwicklung des Landes wider. Besonders schonungslos zeigen dies Luiz Ruffato mit seinem Zyklus „Vorläufige Hölle“, von dem der erste Band nun auf Deutsch erschienen ist, und Chico Buarque in „Vergossene Milch“. Beide stammen aus unterschiedlichen Schichten, stehen aber in derselben literarischen Tradition.

Der alte Micheletto ist ein grausamer Despot, der es zu bescheidenem Wohlstand gebracht hat. In der Nähe des Dorfes Rodeiro im brasilianischen Bundesstaat Minas Gerais betreibt er ein kleines Anwesen. Dort drangsaliert er seine Familie. Drei seiner fünf Söhne sterben früh. Seine älteste Tochter brennt mit einem fahrenden Händler durch. Micheletto findet sie und schleift sie an einem Strick hinter seinem Pferd her. mehr lesen / lire plus

TERRITORIEN DES WIDERSTANDS: Aufstand der Peripherie

In seinem Buch „Territorien des Widerstands“ vertritt Raúl Zibechi die These, dass die Elendsviertel der lateinamerikanischen Großstädte Orte des Widerstands und der Gegenmacht seien. Dafür gibt es bis jetzt aber lediglich ein paar Ansätze.

Orte der Selbstzerstörung, wie der Soziologe Mike Davis sagt, oder „der neue entscheidende geopolitische Schauplatz“, wie Raúl Zibechi analysiert? Die Elendsviertel und urbanen Peripherien Lateinamerikas.

Als Raúl Zibechi das Buch „Territorien des Widerstandes. Eine politische Kartografie der urbanen Peripherien Lateinamerikas“ 2008 in Buenos Aires im spanischen Original veröffentlichte, war der „Cacerolazo“, der so genannte Aufstand der Kochtöpfe in der argentinischen Hauptstadt von 2001, längst Geschichte. Viele weitere Aufstände und Protestbewegungen weltweit standen noch bevor: Ob auf der Puerta del Sol in Madrid, im Zuccotti-Park in New York oder im Gezi-Park in Istanbul – an vielen Orten entstanden neue Formen des Aufbegehrens gegen den globalen Kapitalismus und für mehr soziale Gerechtigkeit und Selbstbestimmung. mehr lesen / lire plus

ZWISCHEN DEN KULTUREN: Das unerbittliche Auge

Moacyr Scliar gilt als einer der wichtigsten Autoren Brasiliens des 20. Jahrhunderts. Bücher wie „Die Götter der Raquel“ handeln von den Identitätskonflikten der jüdischen Einwanderer.

Seinen Charme hat Bom Fim zum Teil bewahrt. Das einstige jüdische Viertel von Porto Alegre ist eine relativ ruhige Oase inmitten der Millionenstadt im Süden Brasiliens geblieben. Und die Synagoge in der Rua Barros Cassal wirkt wie eine Trutzburg. Bom Fim, das „gute Ende“, war die Heimat von Moacyr Scliar, dem neben Clarice Lispector bekanntesten jüdischen Schriftsteller Brasiliens.

Während Lispector (1925-1977) das Judentum in ihrem Werk nur indirekt behandelte, setzte sich der 1937 in Porto Alegre geborene Scliar, Sohn bessarabischer Einwanderer, intensiv mit der jüdischen Religion und Kultur auseinander. mehr lesen / lire plus

ERINNERUNG: Zu Staub werden

Mehr als drei Jahrzehnte nach der Gewaltherrschaft der Roten Khmer beschäftig sich Kambodscha noch immer nur zögerlich mit seiner blutigen Vergangenheit. Nur wenige Täter wurden vor Gericht gestellt und verurteilt. In dem Buch „Auslöschung“ interviewt der Filmregisseur Rithy Panh einen der Massenmörder.

Die Opfer der Roten Khmer sollten nicht nur ermordet, sondern sämtliche Spuren ihres Daseins ausgelöscht werden: Registraturfotos aus dem Tuol Sleng Gefängnis, das unter dem Kürzel „S21“ schreckliche Berühmtheit erlangte.

„Viele Kinder wissen heute nur, dass ihre Großeltern unter den Roten Khmer gestorben sind, aber sie wissen nicht warum. Wenn sie das wissen, kann es vielleicht einen inneren Frieden geben – für sie und ihre Eltern.“ Einen inneren Frieden hat es für den, der diese Worte geschrieben hat, lange nicht gegeben. mehr lesen / lire plus

AUFARBEITUNG DER VERGANGENHEIT: Lähmendes Erbe

Wieder einmal setzt sich Antonio Lobo Antunes mit der Geschichte Portugals und den Folgen der Salazar-Diktatur auseinander. Daraus wird ein obsessiver Sprachrausch.

Wurde im Jahr 2007 in einer Sendung des portugiesischen Fernsehens zum bedeutendsten Portugiesen aller Zeiten gewählt: der 1970 verstorbene Diktator Salazar.

Die Geschichte beginnt mit dem Ende. Der Großvater wird zu Grabe getragen. Jahrzehnte lang hat er auf dem Landgut am Südufer des Tejo gegenüber von Lissabon geherrscht – als Tyrann, gefühlsarm und rücksichtslos. Der Patriarch unterdrückte seine Frau, verachtete seinen Sohn ebenso wie seine Enkel und verging sich am Dienstpersonal. Das Gut führte er zusammen mit seinem gefürchteten und nicht weniger skrupellosen Verwalter und mit der Unterstützung eines Priesters. mehr lesen / lire plus

AUFBRUCH DER ERINNERUNG: Francos langer Atem

In Spanien herrschte über die Folgen des Bürgerkriegs und über die Verbrechen der Diktatur lange Zeit ein „Pakt des Schweigens“. Der Österreicher Georg Pichler hat ein eindrucksvolles Buch darüber geschrieben, wie es dazu kam und wie das Schweigen gebrochen wurde.

Die nicht aufgearbeitete Vergangenheit des Franco-Regimes prägt die Gegenwart der spanischen Gesellschaft zutiefst: Spanische Franquisten bei der Offiziersausbildung in Avila, wo auch Nazi-Offiziere der „Legion Condor“ unterrichteten.

Das Dorf Joarilla de las Matas in der Provinz León kennt kaum jemand. Es liegt abseits der Haupt- und Nebenstraßen. In das kastilische Nest mit nicht einmal 400 Einwohnern sind die Freiwilligen der „Associación para la recuperación de la memoria histórica“ (ARMH) gekommen, der Vereinigung für die Wiedererlangung der historischen Erinnerung, um nach Leichen zu graben. mehr lesen / lire plus